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Futterneid und Affären

Foto: Corinna Pehar

Futterneid und Affären

Hinter den Revierkulissen der Wilhelma erfährt man so manch pikante Details von Pinguin-, Pelikan- und Habicht-Pärchen.

Corinna Pehar

Corinna Pehar

Plopp, plopp, plopp - mehrere Handvoll toter Fische landen in einem blauen Eimer. "Die brauchen einen Tag zum Auftauen“, erklärt Cedric Reichert während er das Futter für die vier Pelikane der Wilhelma vorbereitet. Der 21-jährige Tierpfleger bekommt die Lodden, Grundeln und Heringe aus der zentralen Futterküche der Wilhelma direkt in sein Revier geliefert: die Freiluftvoliere, in der insgesamt 500 Vögel leben. Es ist kurz nach 14 Uhr, es wird unruhig in dem länglichen Wasserbecken.

Dort warten nicht nur drei Pelikan-Männchen und ein Weibchen, sondern auch junge Gänse und zwei schwarze Kormorane - einer davon lebt eigentlich nicht in der Wilhelma, sondern hat einen Ausflug vom Neckar hier her gemacht. Außerdem am Start: Die diebischen Graureiher, die man zu Fütterungszeiten im ganzen Revier antrifft - kein Wunder, mittlerweile haben sie rund 60 wilde Nester in der ganzen Wilhelma gebaut. „Ein Pelikan kann bis zu 1,5 Kilo Fisch am Tag fressen“, klärt Cedric Reichert auf. Spektakulär anzusehen ist, wie die Nahrungsaufnahme abläuft: Schwimmt der Fisch im Wasser, dient der große Schnabel inklusive Kehlsack als Fischernetz.

Auch bei den Pinguinen gibt es immer wieder Streitereien, aber nicht wegen der Graureiher. Der Grund ist verblüffend:
„Es kommt immer wieder vor, dass fremdgegangen wird!“ 

Zack, Fisch gefangen, Kopf nach oben: „Das Wasser läuft dann aus dem sehr dehnbaren Kehlsack wieder heraus und der Fisch wird im Ganzen geschluckt“, erläutert der Tierpfleger. Pelikane können bis zu 60 Jahre alt werden. Das älteste Männchen in der Wilhelma ist bereits 50, die zwei anderen Männchen sind um die 30 Jahre alt, ebenso das Weibchen. Sie ist gut erkennbar an den Nasen-Höckern, die sie übrigens nur wegen der drei Männer zu Schau stellt - zur „Attraktivitätssteigerung“.

Das hungrige Federvieh bei der Fütterung: vier Pelikane, zwei Kormorane - einer davon wild - und rechts oben im Bild, ein Graureiher.
Das hungrige Federvieh bei der Fütterung: vier Pelikane, zwei Kormorane - einer davon wild - und rechts oben im Bild, ein Graureiher.

Zurück zum Kühlschrank, Eimer auffüllen, nächster Stopp: Kraniche. Hier sind die Lebensumstände eindeutiger: Sechs Kraniche leben jeweils zu zweit als Mann und Frau zusammen. An den Zaun der Mandschurenkraniche sollte man als Besucher lieber nicht zu nahe treten: „Es sind sehr stolze und intelligente Tiere, die ziemlich angriffslustig sind und ihr Revier stark verteidigen“, warnt der Tierpfleger und läuft dann los zum kleinen Teich in der Mitte des Geländes. Dort warten neben den Kranichen auch wieder ein paar hungrige Graureiher. 

Die Fütterung läuft eher zugunsten der wilden Zaungäste ab, woraufhin das wohl noch nicht satte Kranich-Männchen am Ende zum Angriff übergeht: Der Graureiher wird zum Zaun gejagt, er versucht hektisch flatternd zu flüchten, verfängt sich kurz mit seinen Flügeln im Zaun und kann in letzter Sekunde doch noch flüchten. Glück gehabt! Plötzlich schreien die zwei Kraniche im Nachbargehege laut durcheinander. Warum das? „Die machen ihren Duettgesang, das dient der Partnerbindung“, erzählt Cedric Reichert. Der Hunger der wohl niedlichsten Bewohner der Freiflugvoliere wird um 14.30 Uhr gestillt: 19 Brillenpinguine warten auf den blauen Eimer voller Fische: „Die letzten Tage gab es Hering, heute gibt es Lodden - daher hauen sie heute besonders rein“, sagt der Tierpfleger, der nicht nur von hungrigen Tieren umzingelt ist. Am Gehege drängeln sich auch zahlreiche Besucher, darunter viele Kinder, die einen Blick auf die Pinguine erhaschen wollen. Ein besonders mutiges Tierchen springt sogar auf den Schenkel des Tierpflegers, um schneller an den Fisch zu kommen. Am Tag werden rund sechs Kilo verfüttert: „Ein Pinguin frisst täglich rund 300 bis 400 Gramm.“ Auch bei den Pinguinen gibt es immer wieder Streitereien, aber nicht wegen der Graureiher. 

Der Grund ist verblüffend: „Es kommt immer wieder vor, dass fremdgegangen wird“, erklärt Cedric Reichert. Bitte was? Pinguine leben - eigentlich - ein Leben lang monogam in einer Zweierbeziehung zusammen. Jedes Paar hat sogar eine eigene Höhle, wo eng nebeneinander geschlafen wird. Passiert dann hin und wieder doch ein Techtelmechtel mit einem anderen Pinguin, gibt es mächtig Ärger: „Es kommt dann schon zu recht üppigen Rangeleien“, weiß der Tierpfleger. Eine Idee: Vielleicht könnte man die Anzahl der Pinguine auf eine gerade Zahl - auf 20 erhöhen und einen neuen Artgenossen ins Revier holen? Wobei, wenn der zu gut aussieht...