Von Ulrich Gohl
Für den Winter sollte es also eine herzerwärmende Ausstellung sein, hatte der Vorstand des Museumsvereins Stuttgart-Ost MUSE-O im Sommer beschlossen. Vielleicht irgendwas mit Christbaumschmuck? Zu zerbrechlich. Oder Weihnachtsteller? Völlig aus der Mode gekommen. Dann vielleicht Gutsle, Plätzchen, Brötchen? Reichlich abgedroschen. Aber vielleicht... Wenn man das Thema größer denken würde, über Zimtstern und Springerle, Lebkuchen und Printe hinaus, dann könnte doch etwas daraus werden. Es stellte sich zum Beispiel die Frage: Welches Backwerk reichen denn unsere Nachbarn zum Fest, was knabbern Menschen in der ganzen Welt? In der Antwort verstecken sich vermutlich Überraschungen und spannende Geschichten. Wie jedoch konnte man die finden?



Recherchen vor Ort
So zogen zwei Rechercheure vom MUSE-O beim Sommerfestival der Kulturen im Juli von Stand zu Stand, fragten nach Weihnachtsbräuchen in den jeweiligen Heimatländern, vor allem nach typischen Backwaren. Und siehe da: In fast allen christlich geprägten Ländern gibt es an den Feiertagen besondere Leckereien. Man tauschte Telefonnummern und Mailadressen. Denn eine Idee von MUSE-O war: Um wirklich authentische Geschichten und Rezepte zu ermitteln, wollte der Verein mit migrantischen Gruppen zusammenarbeiten. Das hat nur teilweise geklappt; manche Adressen gingen verloren, Ansprechpartner waren nicht zu erreichen. Aber ein Grundstock war gelegt.
Die nächste Recherchestufe lief über einen Presseaufruf und das direkte Gespräch mit Freunden und Bekannten. Daraus ergaben sich einige kleinere Hinweise - und zwei ganz verrückte Geschichten. Die Tochter einer Freundin ihrer Freundin lebt in Neuseeland. Und die hat eine Freundin, die Maori ist und gerne mitgeteilt hat, mit welchen Köstlichkeiten man bei ihrem Volk Weihnachten feiert.
Die zweite Überraschung
Es meldete sich eine Tochter der 2007 verstorbenen Kunsthistorikerin Elke Knittel, die sich in ihrer Arbeit beim Landesmuseum Württemberg intensiv mit Weihnachtsgebäck befasst und darüber auch Bücher geschrieben hat. Um die Verknüpfung komplett zu machen: Frau Knittel hatte als Kind in der Alten Schule, heute MUSE-O, die Schulbank gedrückt! Schöne Stücke aus ihrem Besitz kamen in die Ausstellung.
Die weitere inhaltliche Recherche verlief unspektakulär als Suche im Internet und kritische Bewertung des Gefundenen. Daraus entstanden dann fast 30 kleine, anregende Texte samt appetitlichen Bildern. Die teils recht umfangreichen Rezepte sollten nicht auf die Tafeln, sondern per QR-Code abrufbar sein. Der Grafiker montierte alles geschickt zusammen, nun konnte an diesem Punkt nichts mehr schiefgehen - eigentlich.
Suche nach Objekten
Inzwischen war die Suche nach Objekten, dreidimensionalen Exponaten, die eine Ausstellung erst zu einer Ausstellung machen, in Schwung gekommen. Aufwendig gestaltete Schmuckdosen für Lebkuchen und dergleichen, besondere Zutaten für die Gebäcke trudelten nach und nach ein. Sogar eine Fertigbackmischung für philippinischen Weihnachtsreiskuchen brachte der Paketbote.
Und schließlich ein weiterer größerer Bestand mit Ostbezug! Als die Bäckerei Eisele in Ostheim schloss, sicherte die Besitzerin schöne Model, Schokoladenformen und allerhand Backwerkzeug; all das übergab sie später an die Inhaber der Bäckerei Blankenhorn im Raitelsberg. Und von dort kamen die bemerkenswertesten Stücke nun ins MUSE-O und füllen eine eigene Vitrine.
Schreck in der Druckerei
Bei der Abholung der BildText-Tafeln zeigte sich, dass sie im falschen Format gedruckt worden waren. Es blieb keine Zeit, den Schuldigen zu ermitteln. Die Maschine wurde sofort erneut angeworfen, die Tafeln wurden nochmal gedruckt, dieses Mal in der richtigen Größe. Glück im Unglück: Während des Aufbausstellte sich heraus, dass die Mischung aus beiden Tafelformaten viel besser aussah als einheitliche Maße.
Ausstellungen aufzubauen ist immer eine zeitraubende Angelegenheit. Mit Hilfe einer erfahrenen Gestalterin gelang es diesmal in drei langen Tagen. Aber immer noch war Platz in der Mitte der beiden Räume. Hier sorgen nun ein „Backtisch“ und eine festliche Kaffeetafel für Atmosphäre.
Internationale Backwaren zum Probieren

Damit auch der Geschmacksinn zu seinem Recht kommt, haben die MUSE-O-Leute einige Packungen Weihnachtsbackwaren leckerer besorgt, etwa Printen Aachen, Stollen aus Dresden und Spekulatius aus den Niederlanden. Besucherinnen und Besucher sind herzlich eingeladen, sie zu probieren. Als besonderes Schmankerl haben sich nicht weniger als acht Bäckerinnen bereit erklärt, speziell für diese Ausstellung süße Köstlichkeiten aus ihrer Heimat herzustellen: Vormittags werden sie zuhause gebacken, nachmittags im MUSE-O frisch verkostet. Guten Appetit!