

Am 10. Mai ist nicht nur Muttertag, sondern auch Weinwandertag. Das ist in Hedelfingen seit 2007 zur guten Tradition geworden. Im einen Jahr wird auf der Rohracker-Runde gewandert, im anderen auf der Hedelfinger-Runde. Immer arbeiten dabei die Weingärtnergenossenschaften (WG) von Hedelfingen und Rohracker – das Steilwerk Rohracker – eng zusammen. Immer gibt es an allen Ständen entlang der Wanderrouten Weine von beiden WGs. Das wird in diesem Jahr auf der Hedelfinger Runde wieder so sein, also alles wie gewohnt – obwohl die WG Hedelfingen ihre Auflösung beschlossen hat. 2027 soll es so weit sein, vielleicht wird es auch 2028. Das hängt auch ein bisschen davon ab, wie schnell die noch gut gefüllten Hedelfinger Weinlager sich leeren. Und wer an diesem 10. Mai beim Wandern den Blick über das Neckartal schweifen lässt, wird vielleicht am Ailenberg auf der anderen Seite hängenbleiben. Dort hat das Teamwerk Esslingen seinen Sitz, dort ist eine Woche später Weinwandertag – und dorthin wird seit dem vergangenen Herbst ein großer Teil der Hedelfinger Trauben geliefert.
Aber der Reihe nach: Der Hedelfinger- und Rohracker-Weinwandertag beginnt am 10. Mai um 11 Uhr wie gewohnt am Emma-Reichle-Heim an der Rohrackerstraße. Dort werden der Musikverein und Bezirksvorsteher Kai Freier den Wandertag eröffnen. Die gewohnte Route ist gut ausgeschildert, unterwegs können sich die Wanderer an fünf Ständen stärken. Den Stand an der Dürrbachklinge organisieren die beiden WGs gemeinsam. Am Stand gegenüber dem Garten des Obst- und Gartenbauvereins sorgen die Alte Schule Rohracker und die WGs für Getränke und Speisen. Am Weinbergausschank mit viel Aussicht beim Schützenhaus grillt die Freiwillige Feuerwehr Hedelfingen. An der Station am Lenzenberg ist eine Pflanzaktion für Kinder geplant und am Pfarrweinberg sind die SportKultur Stuttgart mit ihrem Handharmonika-Club und ein Imker aus Rohracker mit Honig und Infos vertreten. Ziel ist die Kelter in Hedelfingen. Wer unterwegs an allen sechs Ständen – mit dem Startstand am Emma-Reichle-Heim – ein Getränk erwirbt und dafür seine Stempelkarte abstempeln lässt, bekommt in der Kelter ein Gratisgetränk.
Entscheidung über Jahre hinweg gereift
Das beschlossene und irgendwann bevorstehende Ende der Hedelfinger Genossenschaft wird unterwegs bestimmt immer wieder Thema sein, auch wenn an diesem Tag das Teamwerk Esslingen – außer als Mitwanderer – keine aktive Rolle spielen wird. „Die Entscheidung war für Außenstehende vielleicht überraschend, ist aber über Jahre gereift“, sagt Horst Binder, der vermutlich letzte Vorsitzende der WG Hedelfingen. „Mit Esslingen hat es menschlich und von der Sache gut zusammengepasst“, begründet er den beschlossenen Übergang zum Teamwerk Dass sich bei der WG Hedelfingen etwas ändern muss, war schon lange absehbar gewesen. „Irgendwann laufen die Kosten davon“, sagt Horst Binder. Die kontinuierlich und zum Teil deutlich steigenden Kosten waren bei den sehr kleinen Abfüllmengen in Hedelfingen und einem begrenzten Weinsortiment nicht mehr zu decken. Für mehr war die Genossenschaft aber zu klein. Ein weiterer Grund: Die terrassierten Steillagen machen unglaublich viel Arbeit, können mit Maschinen nicht bewirtschaftet werden und immer weniger Menschen sind bereit, diese Mühen auf sich zu nehmen, auch wenn der dort wachsende Wein hervorragend ist.
Das Teamwerk Esslingen war für all diese Herausforderungen der perfekte Partner für die Hedelfinger. Auch die Esslinger Genossenschaft ist durch Familienbetriebe geprägt und den Steillagen-Weinbau kennen und können sie besser als so manch anderer. Diese besonderen Lagen fangen gleich neben Obertürkheim an und reichen bis mitten ins Esslinger Stadtgebiet hinein. Den bisher in der Hedelfinger Genossenschaft mitwirkenden Wengertern stand es natürlich frei, diesen Weg mitzugehen. Mehr als 90 Prozent – konkret 8 bis 9 Familien – arbeiten jetzt mit dem Teamwerk zusammen. Ein bisheriges Hedelfinger Mitglied ist noch unentschlossen, ein anderes hat sich dem Steilwerk in Rohracker angeschlossen. In den Esslinger Gremien sind bereits zwei Aufsichtsräte integriert und arbeiten an der Weiterentwicklung der Genossenschaft in diesen für die Branche schwierigen Zeiten mit.
Qualität deutscher Rotweine durch den Klimawandel deutlich besser geworden
„Es wird nicht nur mitgeschafft, sondern auch mitgedacht“, sagt Achim Jahn, der Vorstandsvorsitzende des Teamwerk Esslingen. Er belegt die angespannte Situation der ganzen Branche mit Zahlen: Der Anteil deutscher Weine am Gesamtkonsum in Deutschland ist von 48 auf 41 Prozent gesunken. Ein großer Teil des Marktes bewegt sich in einem Preissegment von weniger als 5 Euro pro Flasche. Für Weine aus den aufwendig bewirtschafteten Steillagen-Terrassen müssten aber eigentlich deutlich mehr als 10 Euro verlangt werden. Dazu kommt der Trend weg vom Rotwein hin zu Weißweinen und Rosé, obwohl die Qualität deutscher Rotweine auch durch den Klimawandel deutlich besser geworden ist. Eine weitere Herausforderung: Die Nachfrage nach alkoholfreien Produkten steigt. Deswegen gibt es im Hedelfinger Weinverkauf in der Kelter auch schon alkoholfreie oder genauer: entalkoholisierte Weine aus Esslingen, Weißwein, Rosé und Sparkling Rosé. „Das können wir als kleine Genossenschaft nicht leisten“, sagt Annemarie Binder, selbst Winzerin und im Verkauf der WG beschäftigt. „Aber das ist vom Markt gefragt.“
Apropos Weinverkauf: Der leidet, wie viele Hedelfinger Geschäfte, massiv unter der Baustelle an der Amstetter Straße und den damit verbundenen Umleitungen. Der Weinverkauf ist aber weiter zu den bekannten Zeiten geöffnet (Donnerstag 19–20 Uhr, Freitag 17–18 Uhr, Samstag 10–12 Uhr; Internet: www.wg-hedelfingen.de). Also am Weinwandertag erst einmal durchprobieren und dann in den Wochen danach in Ruhe einkaufen. Das hilft nicht nur den Wengertlern, sondern auch der so besonderen Landschaft. Achim Jahn: „Wenn wir unseren Wein nicht trinken, fallen noch mehr Flächen brach.“ Das ist beispielsweise im Remstal unübersehbar, hat aber auch schon in Hedelfingen und in Esslingen angefangen.
Weinwandertage wie jetzt in Hedelfingen und kurz danach in Esslingen sind eine Möglichkeit, diese für alle sichtbaren Auswirkungen den Menschen bewusst zu machen.