Der Emigrant Fred Uhlman Der Stadt Stuttgart. Trotz allem.

Von Susanne Stephan 

Der Stuttgarter Jude Fred Uhlman wurde von den Nazis ins Exil getrieben. Ein Ausstellung in Freudental erinnert an sein künstlerisches Schaffen.

1901 in Stuttgart geboren, Foto: Caroline Compton
1901 in Stuttgart geboren, Foto: Caroline Compton

Stuttgart/Freudental - Am 24. März 1933, vor achtzig Jahren, ging Fred Uhlman, Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Stuttgart und aktiver Sozialdemokrat, über die Grenze nach Frankreich. Er nahm Zuflucht in einem Exil, von dem er glaubte, dass es nicht lange dauern würde. Denn Hitler, so meinten viele im Frühjahr 33 noch, würde sich nicht halten können, und schon gar nicht würde er sein wirres politisches Programm umsetzen. Mit einem Freund hatte Uhlman einen Code, eine imaginäre Gerichtsverhandlung, vereinbart. Einige Wochen lang erhielt er aus Stuttgart die Meldung, dass sich der Fall gut entwickle, dann, dass die Sache schwanke, und schließlich: „Prozess endgültig verloren.“

Zu diesem Zeitpunkt waren zahlreiche seiner sozialdemokratischen Mitstreiter bereits verhaftet und ins neu eingerichtete Lager auf dem Heuberg gebracht worden: Fritz Bauer, Kurt Schumacher, Karl Ruggaber. Uhlman konnte nur dank der indirekten Warnung des Richters Gottlob Dill, der sich ansonsten auf einer steilen national­sozialistischen Karrierebahn befand, entkommen. „Wenn Sie Uhlmännle sehen“, so hat es Uhlman in seinen Erinnerungen festgehalten, „sagen Sie ihm, dass es in Paris jetzt sehr schön ist. Sagen Sie ihm: jetzt.“

Dank der Protektion Dills konnte Uhlman im Juli 33 noch einmal kurz nach Stuttgart zurückkehren; dabei wurde er beschattet und auch kurz im Gestapohauptquartier im Hotel Silber verhört. Der Gestapomitarbeiter in Zimmer 207 fragte „in breitem Schwäbisch“, ob er in Paris Kontakte zu Schriftstellern habe – sie waren von allen oppositionellen Künstlern wohl am meisten gefürchtet – und ob Uhlman selbst gegen das „neue Deutschland“ konspiriere? „Als ich etwa fünfzehn Jahre später zurückkam, gab es kein Hotel Silber und kein Zimmer 207 mehr. Sie waren zusammen mit der halben Stadt in Rauch und Flammen aufgegangen.“

Lebenszeugnisse in der alten Synagoge

Fred Uhlman (1901–1985) schildert dies alles in seiner Autobiografie „The Making of an Englishman. Erinnerungen eines deutschen Juden“, die 1960 auf Englisch erschien und erst 1992, nach Uhlmans Tod, auf Deutsch herauskam, und zwar auf Initiative des Stuttgarter Stadtarchivs und des Übersetzers Manfred Schmid. Für sich selbst hatte Uhlman die Stationen seiner Flucht und die Codewort-Episode in einem „Verspäteten Tagebuch“ nachgezeichnet, das mit anderen Lebenszeugnissen von nächster Woche an in der ehemaligen Synagoge Freudental ausgestellt sein wird dank langjähriger Kontakte von Susanne Bouché, einem Mitglied der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen.

Auch eine Auswahl seiner Bilder – dreißig Gemälde aus dem Besitz der Tochter Caroline Compton – wird in Freudental zu sehen sein. Denn Fred Uhlman wurde in der Emigration zum Maler. Für deutsche Rechtsanwälte gab es im Ausland keine Arbeit; außerdem hatte er bereits als Jugendlicher künstlerische Ambitionen gehabt, von denen sein Vater nichts wissen wollte. Ein Cousin, der Maler Paul Elsas – auch mit dem Politiker Fritz Elsas war Fred Uhlman über seine Großmutter Lina verwandt –, lieh ihm versuchsweise Leinwand und Palette. Und Uhlman fand sofort Anklang mit seinen poetischen Paris-Motiven, seiner „naiven“, von Moden und Vorbildern unbeeinflussten Malweise.

Als andere Möglichkeiten der Existenzsicherung wie Kunsthandel und die Züchtung von Aquarienfischen gescheitert waren, wechselte Fred Uhlman im Frühjahr 1936 nach Spanien ins Haus des Malers Oskar Zügel, den er aus Stuttgart kannte. Dort lernte er beim Tanz in einer Bar die junge Engländerin Diana Croft kennen, die er bereits im Herbst desselben Jahres in London heiratete, zum großen Miss­fallen ihres Vaters Sir Henry Page Croft, eines erzkonservativen Parlamentsabgeordneten, der ihr den „gesellschaftlichen Selbstmord“ prophezeite.