Hat Udo Wieczorek schon einmal gelebt? Wer ist Vinz?

Von Manfred Bomm 

Udo Wieczorek, Beamter aus dem Alb-Donau-Kreis, wurde seit Kindestagen von Kriegsträumen geplagt. Er geht auf Spurensuche und findet Merkwürdiges. Der Geislinger Journalist Manfred Bomm hat ihn zum Ort des Geschehens begleitet.

Dieses Foto zeigt Vincenzo Luigi Rossi, der vor 100 Jahren ums Leben kam. warum hat Udo Wieczorek von ihm geträumt? Foto: privat
Dieses Foto zeigt Vincenzo Luigi Rossi, der vor 100 Jahren ums Leben kam. warum hat Udo Wieczorek von ihm geträumt? Foto: privat

Ulm - Naja, wer’s glaubt. So oder so ähnlich höre ich die Skeptiker unken. Viel zu weit sind wir wohl von den Schulweisheiten entfernt, die hierzulande das Maß aller Dinge bestimmen. Udo Wieczoreks Albträume und der damit verbundene Fund eines handschriftlichen Dokuments, das ein tödlich verwundeter Soldat namens Vinz im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben hinterlassen hat, kratzt an der Fassade der festgemauerten Wissenschaft, die nur zulässt, was physikalisch und mathematisch berechenbar erscheint. Da werden so Fragen, wie etwa, ob Udo Wieczorek, geboren 1970 in Ulm, schon einmal gelebt hat oder ob seine Seele eng mit diesem Soldaten verbunden ist, gleich ins Reich der Märchen verbannt.

Nach dreijähriger Recherche wollen wir nicht behaupten, eine Erklärung gefunden zu haben. Udo Wieczorek und ich haben mit u

Udo Wieczorek Foto: privat
nserem Buch nichts weiter getan, als das Unglaubliche sorgfältig zu dokumentieren – und überlassen es jedem Leser selbst, eigene Schlüsse daraus zu ziehen.

Zugegeben, es mag ziemlich abenteuerlich klingen, wenn da jemand behauptet, er habe etwas aus seinen Träumen gefunden. Gerade als Journalist bin ich bei derlei Geschichten vorsichtig. Ein Berufsleben lang wurden mir dubiose Storys angetragen, die sich hinterher als das Hirngespinst profilsüchtiger Wichtigtuer herausgestellt haben. Aber Wieczorek war da ganz anders: Er wollte jedes Aufsehen um seine Person vermeiden. Und sogar, als ich ihn spüren ließ, seine Schilderungen ernst zu nehmen, war er nur mühsam von der Bedeutung dessen, was er da erlebt hatte, zu überzeugen. Es bedurfte einiger Überredungskunst, ihn davon zu überzeugen, dass seine Träume und alles, was daraus entstanden ist, auch für andere von Interesse sein könnte.

Ein Zufall weckt die Neugier

Begonnen hatte alles damit, dass mir ein Redaktionskollege im Frühjahr 2009 ein Buch gab und vorschlug, eine Rezension fürs Feuilleton der „Geislinger Zeitung“ zu schreiben. Der Klappentext ließ auf ein erfundenes Kriegsdrama im Gebirge schließen. Eine Geschichte zweier junger Bergsteiger, Vinz und Josef, die der Krieg entzweit. Der Autor, so wusste mein Kollege als dessen Freund, sei ein bodenständiger Beamter, ein naturverbundener Mann, von Kindesbeinen an bergbegeistert, steige in jeder freien Minute entweder in die Tiefen der Albhöhlen hinab oder auf die Berge des Allgäus. Ich tat den Inhalt des Buches, das er im Selbstverlag veröffentlicht hatte, als einen ganz normalen Roman ab, ahnte also nicht, welche Brisanz darin steckte.

Ein merkwürdiger Zufall weckte jedoch meine Neugier. Ich hatte das Buch ein halbes Jahr später zu einem Wanderurlaub mitgenommen und schon nach den ersten Zeilen überkam mich ein seltsames Gefühl: Ich befand mich inmitten des beschriebenen Kriegsgebiets. Abseits von Sexten im Südtiroler Hochpustertal, unweit der berühmten Drei Zinnen. Beim Nachwort angekommen, stutzte ich noch mehr. Wieczorek schreibt plötzlich in der Ich-Form, macht den Leser glauben, er selbst sei ein Teil der Geschichte. Er berichtet von zahllosen Träumen, in denen er all die Schrecken seines Buches selbst durchlitten habe, erzählt von einem mysteriösen Fund in einem Schützengraben. Heute weiß ich, dass er mit diesem Roman versucht hat, das Unglaubliche, das ihm widerfahren war, psychisch zu verarbeiten. Mit einer Art therapeutischem Schreiben.

Bei unserer ersten Begegnung rückte Wieczorek zögernd mit den Fakten heraus:

Ich war noch ein Kind. Doch trotz des zeitlichen Abstands sehe ich bis heute jede Einzelheit dieses Traums deutlich vor mir. Weshalb dies so ist, kann ich mir nicht erklären. Möglicherweise waren die Bilder in den Träumen einfach zu einschneidend, um vergessen zu werden. Ich war gerade vier geworden, als Albträume begannen, mich heimzusuchen. Immer wenn es passierte, herrschte schiere Panik in mir – nur für ein paar Minuten, so lange, bis der Spuk vorüber war. Es geschah zu Beginn nur gelegentlich, dann jede Nacht. Ich wachte schweißgebadet auf und flüchtete mich ins Ehebett der Eltern.

Udo Wieczorek beschrieb mir seinen ersten Traum so:

Es dämmert. Langsam findet Bewegung in dem Film statt, der vor mir abläuft. Wo bin ich? Was sind das für Leute? Warum haben alle dasselbe an? Furcht kriecht in mir hoch und mit ihr eine Eiseskälte. Meine Finger sind seltsam steif, rauer Stoff kratzt unangenehm an meinen Schultern. Irgendetwas in meiner Nähe stinkt so penetrant, dass ich nicht atmen will, nichts sehen will – ich will nur weg, nach Hause. Wo aber ist das . . .? Habe ich es vergessen? Mein Blick fällt auf einen Mann. Aus seinem Gesicht schreit der Schmerz. Unaufhörlich. Aber ich höre ihn nicht. Endlich schleifen ihn schmutzige Hände in die Dunkelheit, die mich umgibt. Wortfetzen streifen mein Gehör. Fremde Laute, die ich nicht verstehe. Es ist Krieg. Ich weiß es. Und ich weiß, dass das schlimm ist, obwohl ich all das nicht wissen kann.

Irgendwann hörten die Träume in Wieczoreks Kindheit auf, um dann im Erwachsenenalter mit ähnlichem Muster erneut einzusetzen. Immer spielte dabei auch ein junger Mann namens Josef eine Rolle, mit dem er sich verbunden fühlte:

Ich kenne den Platz, wo wir sitzen. Der Ausblick ist voller Frieden – nur heute nicht. Ich spüre, wie sich eine teuflische Unruhe der Szene bemächtigt, sehe Josefs energische Mimik. Er gebraucht Gesten, die mir fremd sind. Seine Hände drohen in die Luft. Seine Finger weisen auf den Wald vor dem nächsten Bergkamm, er zählt etwas ab. Ist es Zeit? Was will er von mir? Ich kann nicht hören, in was er sich hineinsteigert. Erst als seine schmalen Lippen schon ruhen, jagen mir ein    paar Worte entgegen: „Hunderttausend . . . Schutt . . . Asche!“ Dann ein harter Ruf: „Vinz!“ Josef schreit mir etwas ins Gesicht. Ich wende mich ab, das erste Mal.