Neonazi-Demo Göppingen im Ausnahmezustand

Von Sabine Riker 

2000 Polizisten verhindern, dass Rechts- und Linksextremisten bei einer Demo in Göppingen aufeinandertreffen. Während die nationalen Sozialisten von der Polizei abgeschirmt demonstrieren, kommt es auf der anderen Seite des Zauns zu Ausschreitungen. Ein Bericht vom Ort des Geschehens.

In Göppingen fand am Samstag eine Neonazi-Demo statt. Begleitet wurde sie von Ausschreitungen zwischen der Polizei und linken Aktivisten. Foto: dpa 98 Bilder
In Göppingen fand am Samstag eine Neonazi-Demo statt. Begleitet wurde sie von Ausschreitungen zwischen der Polizei und linken Aktivisten.Foto: dpa

Göppingen - Das Areal um den Göppinger Bahnhof gleicht einer Geisterstadt. Passanten dürfen nicht durch. Hunderte Polizeibeamte haben sich auf dem gesamten Gelände postiert und warten. 400 Rechtsextremisten wollen in Göppingen aufmarschieren, doch der Versammlungsleiter spricht dann nur noch von 250. Am Ende sind es 152.

Nachdem der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim am Freitag ein Demonstrationsverbot der Stadt aufgehoben hat, ist Göppingen am Samstag erneut zum Schauplatz einer Demonstration von Rechtsextremisten geworden. Während die sogenannten nationalen Sozialisten hermetisch abgeschirmt von der Polizei mit bellender Stimme wüste Parolen verbreiten und „Kameraden und Volksgenossen“ zum „Straßenkampf“ aufrufen, kracht es auf der anderen Seite des Zauns. Linke Gewalttäter attackieren die Beamten an den Absperrungen mit Tränengas und verschiedenen Gegenständen. Die Bilanz am Abend: 28 verletzte Polizisten, 101 Ingewahrsamnahmen und neun Festnahmen – alles Personen aus dem linken Spektrum. Um 17 Uhr ist der Spuk vorüber. Nach einer Abschlusskundgebung am Bahnhof reisen die Rechtsextremisten mit dem Zug ab, in der Stadt werden die Absperrungen abgebaut, die Störer der linken Szene verziehen sich.

Mehr als 1500 Beamte im Einsatz

Trotz der verletzten Beamten spricht die Polizei von einem Erfolg. Die Taktik, die Rechts- und die Linksextremisten auseinanderzuhalten, sei durch das konsequente Durchgreifen der Einsatzkräfte aufgegangen, zog der Göppinger Polizeichef Martin Feigl, der den Einsatz leitete, am Abend Bilanz. Um ein Aufeinandertreffen der beiden Lager zu verhindern, waren mehr als 1500 Beamte aus ganz Baden-Württemberg im Einsatz, unterstützt wurden sie von 150 Bundespolizisten.

Bereits Stunden vor dem Eintreffen der nationalen Sozialisten war die Polizei in der Stadt präsent. In der Nacht hatten Beamte die Route des Aufmarschs gesichert. Vom frühen Morgen an kreiste ein Polizeihubschrauber über der Stadt, während des Demonstrationszugs waren es dann drei. Beamte in Kampfanzügen beherrschten das Bild. Der Bahnhof und die Oststadt waren hermetisch abgeriegelt.

Doch zunächst hieß es warten. Um 13.30 Uhr sollte die Demonstration beginnen, aber ein Kabelschaden an der Bahnlinie bei Gingen brachte den Bahnverkehr zwischen Ulm und Stuttgart vorübergehend zum Erliegen, so dass die Neonazis erst mit Verspätung ankamen. Die Polizei schließt nicht aus, dass es sich um einen Sabotageakt handelt. Im Übrigen hatte beim letzten Neonazi-Aufmarsch in Göppingen am Karsamstag ebenfalls ein Kabelschaden an der Bahnlinie den Zugverkehr lahmgelegt.

Pfefferspray wurde eingesetzt

Als die nationalen Sozialisten ankamen, nahmen die Beamten sie in Empfang und kontrollierten sie einzeln. Erst um 14.45 Uhr setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Gleichzeitig verschärfte sich die Situation auf der anderen Seite des Zauns. Mitglieder der linken Szene versuchten, die Absperrung in der Schützenstraße zu durchbrechen, wurden aber von Beamten, die Pfefferspray einsetzten, und der berittenen Polizei zurückgedrängt.

Kurz vor dem Ende der Demonstration löste der Versammlungsleiter der nationalen Sozialisten die Versammlung unerwartet auf. Der Zug stockte, die Neonazis wurden von der Polizei zu ihrem eigenen Schutz in Gewahrsam genommen. Nach etwa einer halben Stunde entschieden sich die Neonazis zur Erleichterung der Polizei, wie geplant weiter zum Bahnhof zu marschieren.

Am Vormittag schon war die Stadt ganz unter dem Eindruck des Neonazi-Aufmarsches gestanden. Vor dem Rathaus sprachen der Oberbürgermeister Guido Till und Vertreter des Gemeinderats und der Kirchen. Sie alle bekräftigten, dass die Neonazis in Göppingen nicht willkommen seien. Göppingen sei eine Stadt der Vielfalt und solle das auch bleiben. Eine Stunde später begann die Veranstaltung des Bündnisses Kreis Göppingen nazifrei.

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23 KommentareKommentar schreiben

@Schwabe: Das war jetzt Satire, oder? Weder Sie, noch die STZ waren vor Ort, sonst hätte sie ja auch von Auseinandersetzungen zwischen Polizei und den 'friedlich marschierenden' Nazis berichten können. Der erste Artikel in der STZ zu Göppingen war fast wortgleich auch auf TAZ online zu lesen. Wer schrieb jetzt von wem ab, oder , was wahrscheinlicher ist: Beide haben den Polizeibericht blind abgetippt.

gute Berichterstattung: Gerade bei der Stuttgarter Zeitung fällt mir auf, dass die Berichterstattung meist stetts objektiv und nah am Geschehen ist. Warum sollte man auch Partei für die Linken ergreifen, obwohl sie auf Krawall aussind und die rechten wiederum friedlich maschieren. Also vor Ort gewesen, Sache angeschaut und auch so in einem Artikel niedergeschrieben! Sehr gut'

Göppingen: Wo war eigentlich unser Bundespräsident? Ich zitiere aus der Rostocker Rede: 'Doch heute und hier versprechen wir: Allen Rechtsextremisten und Nationalisten, all jenen, die unsere Demokratie verachten und bekämpfen, sagen wir: Wir fürchten euch nicht – wo ihr auftretet, werden wir euch im Wege stehen: In jedem Ort, in jedem Land, im ganzen Staat. Wir sind stark. Wir wissen es: Wir sind stark! Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände!' Haben seine Ordnungskräfte und Gerichte das auch verstanden? Hat er es selbst verstanden? Das hätte er mal selbst erleben sollen, wie man behandelt wird, wenn man seinen Worten folgt. Vom Zug aus über eine Stunde eingekesselt und genötigt. Auf dem Bahnsteig gleich brutale Übergriffe durch BFE. Nur ein Dixieklo für die Eingekesselten, das nur mit geöffneter Tür benutzt werden durfte. Freude vor allem bei den Frauen über solche Demütigungen. Danach komplette Durchsuchung und Personalienfeststellung. Also, wer sich in Deutschland gegen Nazis engagiert, hat sich auf Freiheitsberaubung verbunden mti Nötigung und Gewaltandrohung einzurichten. So wird das nichts, Herr Gauck.

Polizeiwillkür: Sehr geehrte Frau Riker, ich finde Ihren Artikel zu subjektiv. Zwar haben Sie noch einen weiteren verfasst, in dem Sie sich darüber beschweren, dass Nazi-Aufmärsche unerträglich sind, doch in diesem wird absolut Partei gegen die Gegendemonstranten ergriffen. Ich war gestern dort, ich bin eine absolut friedliche Person und hatte bis gestern auch Respekt vor der Polizei, weil ich weiß, dass diese einen schweren Job hat. Gestern wurde ich völlig grundlos von der Polizei in Gewahrsam genommen, ich war eine der '101 Ingewahrsamgenommenen aus dem linken Spektrum' - im Übrigen hat mich niemand nach meiner Gesinnung gefragt, man kann nicht davon ausgehen, dass ich links bin, nur weil ich gegen Rassismus auf die Straße gehe. Neben mir im Revier gab es noch weitere Personen, die genau wie ich, überhaupt nicht wussten, was sie dort zu suchen hatten. Weil die Polizei absolut überfordert war, wurden viele Gegendemonstranten gestern Opfer von einer Polizeiwillkür, von der ich bisher nur gelesen hatte, die wir gestern aber am Leib zu spüren bekamen und gegen die ich mich, zumindest im Nachhinein, durch eine Anzeige gegenüber der Polizei wehren möchte. Bitte recherchieren Sie nächstes Mal genauer, bevor Sie einfach das niederschreiben, was wahrscheinlich die Polizei von sich gibt, anstatt sich selbst, z.B. durch Befragungen, ein Bild von der Situation zu machen.

'die Störer der linken Szene': Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass der Autor das Problem weniger in den demonstrierenden Faschisten sieht, als vielmehr in denjenigen die sich dem entgegenstellen.

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