Fachkräfte in Stuttgart: Mit Maßschneiderei einen Stich machen

Anne Fentker hat den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und steht vor ihrem Atelier in Stuttgart-Ost.
PrivatEin Hilferuf im Nachbarschaftsportal: „Schneiderin gesucht.“ Was mag der Grund für diese Anfrage sein? Der Wunsch nach einem außergewöhnlichen Kleidungsstück, das weder Modeketten noch Boutiquen liefern? Probleme mit den gängigen Konfektionsgrößen? Vielleicht findet die Dame einfach ihren eigenen Stil im aktuellen modischen Trend von der Stange nicht wieder. Aber die Meisterinnen an der der Nähmaschine, deren Dienste früher unverzichtbar waren, sind rar geworden.
Doch es gibt ja den Eckladen am Eduard-Pfeiffer-Platz mit bodentiefen Fenstern, in denen Kleidungsstücke ausgestellt sind und die den Blick ins Innere freigeben, auf weitere Modelle und Stoffballen. Es ist das Atelier für Mode nach Maß von der Modedesignerin Anne Fentker. „Meine Kundinnen und Kunden wollen etwas Individuelles“, sagt sie über Motivation, sich die Garderobe von ihr auf den Leib schneidern zu lassen. Genau darauf hat Fentker abgehoben, als sie sich 1991 selbstständig machte.
Kleider schmücken Leute
Ihr Motto hatte sie bei Cicero gefunden – „jedem steht sein eigen Kleid am besten“ – und, vom alten Römer angeregt, ist ihr Label lateinisch. „Ars Ornandi“, auf Deutsch die „Kunst des Schmückens“. Denn ein Kleidungsstück, das nach den Wünschen und Vorstellungen des Trägers und der Trägerin angefertigt wird, unterstreiche auch die Persönlichkeit dieses Menschen. Ihre Klientel, überwiegend weiblich und meist seit Jahren treu, ist seither auf 900 angewachsen. Nach einigen Stationen fand Anne Fentker am Eduard-Pfeiffer-Platz ihre Traumadresse und kann jetzt dort 20-jähriges Bestehen feiern.

Auch so kann maßgeschneiderte Mode aussehen.
Foto: PrivatEtwas mit Mode machen: Das ist der Berufswunsch vieler junger Frauen und zunehmend auch Männer. Anne Fentker hat ihre Ausbildung an der Modeschule Kehrer absolviert, nur eine der Adressen, die Stuttgart als Nachwuchslieferanten in den Fokus der Modebranche rückt. Die Kerschensteiner Schule bildet im Schneiderhandwerk und allen Tätigkeiten in der Bekleidungsbranche aus, bietet Berufs- und Meisterschule für Maßschneider, und entlässt aus dem Berufskolleg für Mode und Design staatlich geprüfte Designer, von denen sich viele an der Staatlichen Modeschule Stuttgart weiter qualifizieren wollen.
Besonders begehrt sind auch die Ausbildungsplätze im Württembergischen Staatstheater. Laut Handwerkskammer sind in Stuttgart in den letzten fünf Jahren jeweils maximal fünf Ausbildungsverträge für Maßschneider abgeschlossen worden, die Zahl der Gesellenprüfungen sank von zehn auf sieben. Ausgebildet in den modernen digitalen Techniken, stehen allen Absolventen die Türen der internationalen Mode-Industrie offen.
Viele Schneider scheuen das Wagnis
Wie viele machen sich selbstständig? Die Handwerkskammer nennt 50 Maßschneider-Betriebe in Stuttgart, auf der Mitgliederliste der Maßschneider-Innung stehen nur elf, Staatstheater und Modehaus Breuninger zählen dazu. Viele scheuen das wirtschaftliche Wagnis. „Maßgeschneiderte Mode ist teuer, weil wochenlange Handarbeit drinsteckt. Die Leute sind nicht bereit, den hohen Preis zu bezahlen“, begründet Tamara Kather von der Staatlichen Modeschule ihre Skepsis. Ein Anzug kostet bei Dominik Häusler, der vor einem Jahr sein Maßschneider-Atelier für Herrenmode eröffnet hat, von 5300 Euro aufwärts, die Preise für Sakko und Mantel beginnen bei 4500 Euro. Wer zahlt das? „Ich habe acht feste Kunden“, sagt der 30-Jährige, „drei davon kommen regelmäßig und ordern bis zu vier Anzüge im Jahr.“ Häusler arbeitet allein, näht alles selbst, auch die Kostüme für die Musicals von Stage Entertainment, was ihm das wirtschaftliche Überleben sichert.
Kein unbezahlbarer Luxus
Anne Fentker, die auch Herrenmode kann, bekommt bei diesen Preisen Schnappatmung. Damit das „eigene Kleid“ kein unbezahlbarer Luxuswunsch bleibe, wolle sie ihre Preise trotz Handarbeit und hochwertiger, naturbelassener Stoffe im Bereich guter Konfektion halten. Mit Jacketts für etwa 500 Euro, Kleidern ab 280 Euro und Hosen bei 250 Euro, variierend nach Aufwand und Stoff. „Man verkauft damit“, verrät Fentker, „auch ein Stück Erlebnis, denn die Vertrautheit mit der Schneiderin hat etwas fast Intimes.“ Sie liefere Ideen, berate, wolle sich aber nicht selbst verwirklichen. „Ich bin glücklich, wenn ich Kleider nähen kann, mit denen die Kundin sich wohlfühlt und auch glücklich ist.“