Sommerferienbeginn: Kein Zeugnisfrust an Esslinger Schule – Lernen ohne Noten

Zufriedene Gesichter an der Esslinger Seewiesenschule am letzten Schultag
Roberto BulgrinAuch wenn sich das Wetter derzeit eher wie Herbst anfühlt. Am Donnerstag beginnen für die Schülerinnen und Schüler im Kreis Esslingen und in ganz Baden-Württemberg die Sommerferien. Die unterrichtsfreie Zeit dauert gut sechs Wochen. Am Mittwoch, dem letzten Schultag, gab es Zeugnisse. An der Esslinger Seewiesenschule heißen diese allerdings nicht so, denn an Gemeinschaftsschulen wird statt einem Zeugnis ein schriftlicher Lernentwicklungsbericht ausgestellt. Dieser gibt Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern je Fach Rückmeldung darüber, auf welchem Niveau – grundlegend, mittel oder erweitert – gearbeitet wurde. Noten gibt es nicht, sie sind in der Regel nur in den Abschlussklassen vorgesehen.
„Der Lernentwicklungsbericht fasst nur den aktuellen Stand zusammen, über den die Schülerinnen und Schüler ohnehin bestens informiert sind“, erklärt Schulleiter Alexander Wroblewski und verrät damit das Geheimnis, warum es an seiner Schule keinen Zeugnisfrust gibt. Als Grundschule nimmt die Seewiesenschule seit 2023 zudem am Pilotprojekt „Lernförderliche Leistungsrückmeldung“ des Kultusministeriums teil. Statt Noten gibt es dabei eine „schriftliche Kompetenzrückmeldung“. Um Ausbildungsbetrieben entgegenzukommen, werden an der Gemeinschaftsschule Noten ab der achten Klasse oder auf Wunsch der Eltern vergeben, erklärt der Schulleiter, der seit diesem Schuljahr im Amt ist.

Lernen in den Ferien? Bildungsforscher empfehlen das.
Foto: picture alliance / dpaKein Zeugnisfrust – Lerntagebuch zeigt Lernentwicklung über das Jahr
An der Seewiesenschule gibt es über das ganze Schuljahr hinweg ein Lerntagebuch. „Es bietet den Schülerinnen und Schülern kontinuierlich Feedback auf ihrem Lernweg und hilft ihnen, ihre Leistungen zu überwachen und zu verbessern“, sagt Wroblewski. Künftig sollen sie ihren Lernweg sogar über mehrere Jahre nachverfolgen können – mithilfe von Roadmaps. Mit der „Geschafftkultur” verfolgt die Seewiesenschule seit Jahren ein innovatives und viel beachtetes Lernkonzept, das die Kinder und Jugendlichen motivieren soll. Mithilfe einer Farbsystematik von Orange, Gelb und zwei Grüntönen wird der Fokus auf das Erreichte gelenkt.
Ferienstart im Kreis Esslingen und glückliche Gesichter
Fünftklässler Leander Weber war am Anfang nicht so überzeugt von diesem Konzept, das er von seiner alten Schule nicht kannte. „Doch das hat sich schnell geändert“, sagt er. Amelie-Marie Telea vermisst zwar manchmal die Noten. Doch die Farben seien noch genauer. Mit ihrer Lernentwicklung ist sie glücklich. „Ich wollte mich im zweiten Halbjahr unbedingt weiter verbessern. Das hat geklappt“, sagt die Fünftklässlerin, die überall auf E-Niveau – also auf dem höchsten – lernt, und strahlt.
Sechs Wochen sind zu lange für einen Lernerfolg – Üben in den Ferien
Auch sonst ist manches anders an der Seewiesenschule. So gibt es beispielsweise auch über die Ferien Hausaufgaben. Auch wenn diese nicht verpflichtend sind, will Tim Lona nichts schleifen lassen und ist wie viele andere in seiner Klasse hoch motiviert. „Ich mache auf jeden Fall etwas und habe auch schon einen Plan, wie ich mir das einteile“, sagt der Fünftklässler. Sechs Wochen Sommerferien seien für den Lernfortschritt einfach zu lang, erklärt Wroblewski und bezieht sich dabei auf den Pädagogen und Bildungsforscher John Hattie. „Verteiltes Lernen wird so nicht gestärkt. Wenn Schülerinnen und Schüler nach erfolgter Erholung in den Ferien wieder in wichtige Lernfelder eintauchen, hat das sicher positive Effekte“, rät der Schulleiter. Bis die Schule wieder anfängt, dauert es noch ein bisschen. Der Unterricht startet am 15. September.
