Fotografen auf dem Kappelberg: Fotojagd in Fellbach – und warum blauer Himmel langweilig ist
Ihre Erkennungszeichen sind große Rucksäcke oder Taschen und eine Kamera oder ein Stativ in der Hand. Obschon es auf dem Platz vor der Neuen Kelter in Fellbach vor Menschen nur so wimmelt – die Weingärtner veranstalten ihren Weintreff mit Wine-Walk am Kappelberg – findet sich die Gruppe rasch zusammen. Den 15 Frauen und Männern, die sich am Sonntag am Bacchus-Brunnen versammeln, steht nicht der Sinn nach Genuss, sondern nach Wissen. Sie wollen auf der Fotowanderung mit dem versierten Fotografen Dieter Meissner aus Tübingen – organisiert von unserer Zeitung in Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Albverein – erfahren, wie Fotos noch besser und schöner werden.
Auch der Anführer trägt schwer an seiner Ausrüstung. Eine Kamera, drei Objektive und ein Stativ hat Dieter Meissner im Gepäck. „Das Wetter ist schon mal klasse für Landschaftsfotografie“, sagt er zur Begrüßung mit Blick nach oben. „Eigentlich gibt es auch kein schlechtes Wetter fürs Fotografieren, außer einem blauen Himmel, der ist langweilig“, so der promovierte Biologe, Jahrgang 1953, mit einem Lächeln.
Die Bilder bestechen durch Ästhetik, Konzentration und Präzision
Als Fotograf ist Dieter Meissner Autodidakt. Schon als Jugendlicher entdeckte er seine Liebe zur Fotografie. Seine Bilder, die mehrfach bei Fotowettbewerben ausgezeichnet wurden, bestechen durch ihre hohe Ästhetik, Konzentration und handwerkliche Präzision. Ihm geht es darum, die Magie des Augenblicks in einer stimmigen Komposition einzufangen. Seien es Landschaften, Städteansichten oder Menschen. Weil er in seinem Berufsleben mit Mikroskopie und Bildverarbeitung zu tun hatte, fasziniert ihn der Mikrokosmos im Nanobereich – und als langjähriger Vorsitzender der Ortsgruppe Tübingen-Pfrondorf des Schwäbischen Albvereins hat er auch stets das große Ganze im Blick. „Die Liebe zur Natur hab ich im Blut“, sagt Meissner.

Für die Teilnehmer gibt es immer wieder Tipps von Dieter Meissner (rechts).
Foto: Eva HerschmannDas genaue Hinschauen, egal ob es um Panoramabilder oder Detailaufnahmen geht, hat er an die Teilnehmenden der Fotowanderung vermittelt. Und als Verstärkung hat er Susanne Maier mitgebracht. Sie ist nicht nur seine Nachfolgerin als Vorsitzende der SAV-Ortsgruppe Tübingen-Pfrondorf, sondern wie Meissner auch, Mitglied in der Fotogruppe des Albvereins, die sich demnächst auf eine mehrtägige Fototour unter dem Motto „Herbstfärbung“ ins Montafon aufmacht.
Bei der Fotowanderung am Fellbacher Kappelberg ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe mit einem gemeinsamen Hobby unterwegs. „Ich knipse schon lange“, sagt Uwe Weinschenk aus Aichwald, „doch seit drei Jahren versuche ich, das Fotografieren zu intensivieren und will jetzt alles lernen, von der Einstellung der Kamera bis zur Komposition.“
Inge Zondler aus Stuttgart-Wangen hat die Kamera von ihrem verstorbenen Vater geerbt, der ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf war. „Die Kamera kann vieles, aber ich weiß gar nicht genau, was sie alles kann.“ Christine Bürger und ihr Australian Shepherd Mia sind gemeinsam mit Nadine Hummel und Freund, einem Gordon-Setter-Rüde, aus Göppingen gekommen. Ihre Lieblingsmotive seien ihre Hunde vor schönen Landschaften, erzählen sie, und dass sie diese auch mal nur mit dem Handy fotografierten. Gleich an der ersten Station auf halber Höhe, dem uralten Relief, das in der Mauer eines Weinbergs gefunden wurde und die Tötung des Stieres durch Mithras zeigt, müssen Mia und Freund als Fotomodelle herhalten.
Drei Stunden wandern die Hobbyfotografen durch die Landschaft
Mit aufmerksamem Blick für schöne Motive und der Kamera im Anschlag wandern die Hobbyfotografen drei Stunden durch die Landschaft des Kappelbergs und fotografieren alles, was ihnen vor die Linse kommt. Bei Landschaftsaufnahmen sei vor allem wichtig, dass man interessante Details im Goldenen Schnitt erfasst, erklärt Meissner. „Im rechten Drittel sollte etwas sein, wohin das Auge gelenkt wird.“
Aber auch kleine Dinge, Blumen am Wegesrand, blaue Trauben am Weinstock, oder ein Schmetterling, der sich an einer Blüte labt, erregen ihre Aufmerksamkeit und werden ins Visier genommen. „Das größte Problem bei der Makrofotografie ist die Tiefenschärfe, dabei hilft es, aus der Not eine Tugend zu machen“, erklärt der Fachmann. Bei einer Blüte genüge es, wenn ein wichtiges Detail scharf sei und der Rest im Hintergrund in der Unschärfe verschwimme. „Auch das macht einen Reiz solcher Aufnahmen aus.“ Und für das Fotografieren von Insekten gebe es einen ganz simplen Trick. „Man muss sich ganz früh am Morgen aufmachen, dann sind die Insekten von der nächtlichen Kälte noch fast starr und bleiben sitzen.“
Nach ein paar Stunden sind die Chips in den Kameras voll und die Beine müde. „Es kam uns deshalb ganz gelegen, dass in den Weinbergen kleine Genussstände aufgebaut waren, an denen wir uns ein wenig laben und erholen konnten“, sagt Dieter Meissner augenzwinkernd. Sein Anliegen ist es ohnehin, dass die Hobbyfotografen öfter an Orte zurückkehren, um zu sehen und zu zeigen, wie sich die Landschaft verändert. Und ein baldiger zweiter Besuch des Fellbacher Kappelbergs lohne sich allemal, so Meissner. „Die Weinberge sind ein großartiges Motiv, wenn sich das Laub zu verfärben beginnt.“








