Krebsbehandlung
: Erst sehen, dann gezielt behandeln: Theranostik am Klinikum Stuttgart

AnzeigeWie die Theranostik Diagnose und Therapie verbindet – und warum das Klinikum Stuttgart zu den führenden Zentren im Südwesten zählt.
Von
NPG Digital
Stuttgart
Prof. Dr. Christoph Rischpler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nuklearmedizin im Klinikum Stuttgart.

Prof. Dr. Christoph Rischpler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nuklearmedizin im Klinikum Stuttgart.

Klinikum Stuttgart/Jonas Ratermann

Vor 100 Jahren legte ein Experiment den Grundstein für eine medizinische Revolution. Als der US-amerikanische Arzt Hermann Blumgart 1925 erstmals radioaktiv markierte Substanzen nutzte, um den Blutkreislauf sichtbar zu machen, konnte niemand ahnen, dass daraus einmal eine der präzisesten Formen der Krebsmedizin entstehen würde. Heute, ein Jahrhundert später, hat sich daraus die nuklearmedizinische Theranostik entwickelt – ein Verfahren, das Diagnose und Therapie auf einzigartige Weise verbindet.

Wie funktioniert Theranostik?

Das Prinzip ist ebenso einfach wie faszinierend: Erst wird sichtbar gemacht, ob ein Tumor ein bestimmtes biologisches Merkmal besitzt. Erst dann folgt – wenn die Voraussetzungen stimmen – eine maßgeschneiderte Behandlung, die genau dieses Merkmal nutzt. „Erst sehen, dann gezielt behandeln“ beschreibt den Ansatz treffend. Damit gilt die Theranostik heute als Paradebeispiel personalisierter Medizin. Nicht jeder Patient erhält dieselbe Therapie. Behandelt werden diejenigen Patienten, die an Tumoren leiden, bei denen die molekulare Diagnostik zeigt, dass die Therapie mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Ziel erreicht.

Der Tumor verrät seine Schwachstelle

Im Zentrum steht ein sogenannter Radioligand – eine Substanz, die gezielt an ein Merkmal der Tumorzelle bindet, etwa an einen Rezeptor oder ein Oberflächenprotein. Für die Diagnostik wird dieser Ligand mit einem radioaktiven Marker versehen und anschließend mittels PET/CT sichtbar gemacht. „Die Untersuchung beantwortet eine entscheidende Frage: Trägt der Tumor überhaupt das gesuchte Zielmolekül?“ erläutert Prof. Dr. Christoph Rischpler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nuklearmedizin im Klinikum Stuttgart. Ist dies der Fall, folgt der zweite Schritt. Ein nahezu identischer Ligand wird nun mit einem therapeutischen Radionuklid gekoppelt – häufig Lutetium-177. Er bindet an dieselbe Struktur und transportiert die Strahlung direkt in die Krebszelle. Das umliegende gesunde Gewebe bleibt dabei weitgehend verschont. „Die Therapie findet den Tumor“, so der Nuklearmediziner – kaum ein Satz beschreibt die Idee der Theranostik treffender.

Wenn Diagnose und Therapie dieselbe Sprache sprechen

Während viele Krebsbehandlungen auf den gesamten Organismus wirken, orientiert sich die Theranostik an den biologischen Eigenschaften des einzelnen Tumors. Die Diagnostik entscheidet darüber, ob eine Therapie überhaupt sinnvoll ist. Prof. Rischpler führt aus: „Wir behandeln nicht aufgrund einer Vermutung, sondern auf Grundlage dessen, was wir zuvor im Körper tatsächlich nachweisen können.“ Gerade darin sehen Fachleute einen grundlegenden Wandel in der Krebsmedizin. Bildgebung dient nicht mehr allein dazu, Krankheiten zu erkennen oder ihren Verlauf zu dokumentieren. Sie wird selbst zum Wegweiser der Therapie.

Ein Schwerpunkt im Südwesten

Das Klinikum Stuttgart zählt auf diesem Gebiet zu den leistungsstarken nuklearmedizinischen Zentren Baden-Württembergs. Die Klinik für Nuklearmedizin verbindet moderne molekulare Diagnostik mit mehreren etablierten theranostischen Behandlungsverfahren – ein Spektrum, das in dieser Form nur wenige Standorte anbieten.

PSMA-Theranostik im Klinikum Stuttgart

Eine besondere Stellung nimmt dabei die PSMA-Theranostik beim Prostatakarzinom ein. Sie wird in der Region in dieser Form derzeit ausschließlich am Klinikum Stuttgart angeboten. Zunächst zeigt eine PSMA-PET/CT-Untersuchung, ob Prostatakrebszellen das sogenannte PSMA-Molekül auf ihrer Oberfläche tragen. Ist dies der Fall, kann eine Radioligandentherapie mit Lutetium-177-PSMA durchgeführt werden. Die radioaktive Substanz dockt gezielt an den Tumorzellen an und bestrahlt sie von innen.

Auch Patientinnen und Patienten mit neuroendokrinen Tumoren profitieren von diesem Prinzip. Hier wird zunächst untersucht, ob die Tumoren Somatostatin-Rezeptoren auf der Oberfläche aufweisen. Ist dies nachweisbar, kann eine Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie (PRRT) mit Lutetium-177-markierten Radiopharmaka erfolgen.

 Die Therapie findet den Tumor: Lutetium-177 transportiert Strahlung direkt in die Krebszelle, gesundes Gewebe bleibt weitgehend verschont.

Die Therapie findet den Tumor: Lutetium-177 transportiert Strahlung direkt in die Krebszelle, gesundes Gewebe bleibt weitgehend verschont.

Klinikum Stuttgart/Tobias Grosser

Selektive Interne Radiotherapie und Radiojodtherapie

Zum Spektrum des Klinikums gehört außerdem die Selektive Interne Radiotherapie (SIRT). Dabei werden winzige radioaktive Mikrokügelchen über die Leberarterie direkt in Lebertumoren eingebracht. Obwohl dieses Verfahren streng genommen nicht dem klassischen Theranostik-Prinzip folgt, zählt es zu den hochspezialisierten nuklearmedizinischen Tumortherapien.

Hinzu kommt die Radiojodtherapie – ein Verfahren, das seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt wird und gewissermaßen als historischer Vorläufer der heutigen Theranostik gilt. Schilddrüsenzellen nehmen Jod auf, die Schilddrüse ist gar das einzige Organ im Körper, das Jod verstoffwechseln kann. Genau dieses biologische Prinzip wird zunächst diagnostisch und anschließend therapeutisch genutzt. Das Klinikum Stuttgart verfügt dafür über eine eigene Therapiestation.

Hoffnung durch Präzision

Theranostik ist keine Wunderwaffe gegen Krebs. Nicht jeder Tumor besitzt geeignete Zielstrukturen, und nicht jede Patientin oder jeder Patient kommt für diese Form der Behandlung infrage. Doch dort, wo die biologischen Voraussetzungen erfüllt sind, eröffnet sie neue Möglichkeiten – insbesondere für Menschen mit fortgeschrittenen oder metastasierten Erkrankungen, bei denen andere Therapien ausgeschöpft sind.

Der eigentliche Fortschritt liegt dabei nicht allein in der Technik, sondern im veränderten Denken. Die Behandlung orientiert sich nicht mehr ausschließlich an der Frage, wo ein Tumor sitzt, sondern daran, welche biologischen Eigenschaften er besitzt. Für Christoph Rischpler steht fest: „Genau darin liegt die Bedeutung eines Jahrhunderts Nuklearmedizin. Aus den ersten radioaktiven Markern von 1925 ist eine Medizin entstanden, die Krankheiten nicht nur sichtbar macht, sondern ihre molekularen Schwachstellen nutzt. Die Theranostik zeigt eindrucksvoll, wie eng Diagnostik und Therapie heute zusammengehören – und wie Präzision zu einer neuen Form der Hoffnung werden kann.“

Vor hundert Jahren machte Hermann Blumgart erstmals sichtbar, wie sich radioaktive Stoffe durch den menschlichen Körper bewegen. Heute zeigen dieselben physikalischen Prinzipien weit mehr als nur ein Bild. Sie entscheiden darüber, welche Behandlung die besten Erfolgsaussichten hat – und bringen die Therapie direkt dorthin, wo sie wirken soll. Es ist eine Entwicklung, die den Geist der modernen Medizin auf den Punkt bringt: nicht möglichst viel behandeln, sondern möglichst präzise.

Weitere Informationen finden Interessierte auf der Webseite des Klinikum Stuttgart.