Psychotherapie: Traumafolgestörungen: Wenn das Gestern das Heute beherrscht

Begleiten einen Angst, Schlafstörungen, oder innere Unruhe auch noch Wochen oder Monate nach einem einschneidenden Erlebnis, kann eine Traumfolgestörung vorliegen.
Shutterstock/KieferPixBelastende oder bedrohliche Ereignisse wie zum Beispiel der plötzliche Verlust eines nahestehenden Menschen, Gewalterfahrungen oder sexueller Missbrauch gehören zum Leben vieler Menschen. Angst, innere Unruhe, Schlafstörungen oder belastende Erinnerungen sind zunächst normale Reaktionen auf solche Ereignisse. Klingen die körperlichen und psychischen Beschwerden jedoch nicht innerhalb von Tagen oder Wochen ab, kann eine Traumafolgestörung vorliegen. Hilfe finden Betroffene in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums Stuttgart.
Anna Seyerlein (Name geändert) hatte einen schweren Autounfall. Nachts quälen die 36-Jährige immer wieder Albträume von dem Unfall. Sie schläft schlecht und ist ständig nervös. „Tagsüber höre ich immer wieder das bremsende Auto und schrecke bei lauten Geräuschen zusammen“, erzählt sie. Auto fährt sie seit dem Unfall nicht mehr. „Bei Frau Seyerlein liegt eine Traumafolgestörung im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung vor“, sagt Prof. Andreas Stengel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Prof. Andreas Stengel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Klinikum Stuttgart/Tobias GrosserKomplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren
Unter einer Traumafolgestörung versteht man psychische und körperliche Beschwerden, die als Folge eines traumatischen Erlebnisses entstehen. Nicht jeder Mensch entwickelt nach einem Trauma eine psychische Erkrankung. Ob eine Traumafolgestörung entsteht, hänge von verschiedenen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren ab, so Prof. Stengel. Hierzu zählen unter anderem die Art und Schwere des Erlebten, frühere Belastungen, persönliche Bewältigungsstrategien sowie das Vorhandensein unterstützender sozialer Beziehungen. Das biopsychosoziale Krankheitsmodell biete eine gute Erklärung für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden.
Es beschreibt eine Erkrankung, die durch das komplexe Zusammenspiel von biologischen (körperlichen) Faktoren, psychischen und sozialen (umweltbedingten) Einflüssen entsteht und aufrechterhalten wird. Unterschieden wird dabei zwischen einer akuter Belastungsreaktion, einer Anpassungsstörung, einer posttraumatischer Belastungsstörung und einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung.
Allen diesen Störungen ist gemeinsam, dass die Beschwerden in zeitlichem Zusammenhang mit einem belastenden oder traumatischen Ereignis auftreten. „Während die akute Belastungsreaktion eher in körperlichen Reaktionen zu verorten ist und häufig binnen Tagen von allein wieder abklingt, sollte bei der Anpassungsstörung – hier können depressive oder Angstsymptome auftreten – bereits ärztliche Unterstützung in Aussicht gestellt werden oder konkret erfolgen“, sagt der Ärztliche Direktor.
Belastende Erinnerungen oder Albträume
Bei der posttraumatische Belastungsstörung, welche häufig mit einem zeitlichem Abstand von Wochen bis Monaten nach dem traumatischen Ereignis auftritt, erleben Betroffene das Ereignis immer wieder in Form von sich aufdrängenden belastenden Erinnerungen, Albträumen oder Flashbacks. Prof. Stengel: „Sie sehen die Szene wie in einem Film oder riechen zum Beispiel auch damaligen Gerüche.“ Gleichzeitig versuchten viele, Situationen, Orte oder Gespräche zu vermeiden, die an das Erlebte erinnern. Hinzu könnten eine anhaltende innere Anspannung, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl emotionaler Taubheit kommen. Nicht selten treten auch körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Magen-Darm-Beschwerden, Schmerzen oder Schwindel auf.
„Bei Menschen, die über einen längeren Zeitraum wiederholt schweren Belastungen ausgesetzt waren, beispielsweise durch anhaltende Gewalt oder Missbrauch, kann sich eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, so der Experte. Hier treten neben den typischen oben genannten Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung zusätzlich Schwierigkeiten in der Emotionsregulation, ein vermindertes Selbstwertgefühl sowie Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen auf. Auch ein anhaltender Lebensüberdruss bis hin zu konkreten suizidalen Ideen ist möglich.
Aber wichtig ist auch zu wissen: Nicht jede belastende Erfahrung führt zu einer Traumafolgestörung. Viele Menschen verarbeiten schwierige Ereignisse mit der Zeit aus eigener Kraft oder mit Unterstützung ihres sozialen Umfeldes. Genauso wichtig ist es aber, dass von einer Störung Betroffene Hilfe bekommen. „Die Diagnosestellung sollte möglichst früh erfolgen“, betont Andreas Stengel. Häufig dauere es lange, bis Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Nicht selten stehen zunächst körperliche Beschwerden oder andere psychische Symptome im Vordergrund, sodass der Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis erst später erkannt wird.
Traumafokussierte Psychotherapie
Erster Ansprechpartner bei Beschwerden und Störungen ist meist der Hausarzt. Zur weiteren Diagnostik und Therapie besteht die Möglichkeit, sich an die psychosomatische Institutsambulanz des Klinikums Stuttgart zu wenden. Die Behandlung setzt sich je nach Beschwerdebild aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Im Vordergrund steht eine traumafokussierte Psychotherapie. Ergänzend können eine an den Symptomen orientierte medikamentöse Behandlung, psychoedukative Gruppenangebote, Entspannungsverfahren, Achtsamkeitstraining sowie kreative Therapieverfahren wie Kunst- oder Musiktherapie sinnvoll sein. Wichtig ist zu wissen: Traumafolgestörungen sind häufig, stellen eine ernstzunehmende Erkrankung dar und sind mit einer angemessenen Behandlung in vielen Fällen gut therapierbar.
Anna Seyerlein nahm Kontakt auf mit der psychosomatischen Hochschulambulanz des Klinikums Stuttgart, erhielt dort initial ein psychodiagnostisches Einschätzungsgespräch gefolgt von mehreren psychotherapeutischen Einzelgesprächen. Anschließend nahm sie dann an der traumaspezifischen Kleingruppentherapie der Institutsambulanz teil. Im Verlaufe der Therapie und nun auch über einen Zeitraum von sechs Monaten in der Nachbeobachtung sind ihre Symptome wie ständige Nervosität und Schreckhaftigkeit deutlich zurückgegangen.

Psychotherapie mit Traumafokus kann helfen die Symptome einer Traumafolgestörung zu lindern.
Shutterstock/PeopleImagesKlinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart ist Teil des Zentrums für Seelische Gesundheit und Teil des Zentrums für Innere Medizin im Krankenhaus Bad Cannstatt. Patienten mit Erkrankungen des gesamten psychosomatischen und somatopsychischen Spektrums finden hier Hilfe. Rund 5000 Betroffene werden jedes Jahr ambulant zur Diagnostik und Therapie gesehen, zirka 700 Patienten werden auf der Station und in der Tagesklinik behandelt. Behandelt werden psychosomatische Erkrankungen sowie somatopsychische Krankheitsbilder im Rahmen des Adipositaszentrums, Zentrum für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und der Psychoonkologie. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei neben der psychosomatischen auf der somatopsychischen Versorgung. Eine Vorstellung in der psychosomatischen Institutsambulanz ist mit allen psychosomatischen und somatopsychischen Krankheitsbildern möglich. Betroffene mit entsprechender Überweisung können sich unter der Telefonnummer 0711 278 – 22727 anmelden.
Klinikum Stuttgart
Das Klinikum Stuttgart umfasst das Katharinenhospital, das Krankenhaus Bad Cannstatt und Deutschlands größte Kinderklinik, das Olgahospital. Es ist das größte Haus der Maximalversorgung in Baden-Württemberg. 9500 Mitarbeitende, darunter über 3000 Pflegekräfte und über 1200 Ärztinnen und Ärzte, versorgen jährlich rund 90.000 Patienten stationär und mehr als 600.000 ambulant, einschließlich 100.000 Notfällen. Mehr als 60.000 Operationen werden jedes Jahr im Klinikum Stuttgart betreut.