Somatoforme Störung
: Wenn Seele und Körper leiden

AnzeigeHat jemand körperliche Beschwerden, die sich nicht oder nicht vollständig durch eine körperliche Erkrankung erklären lassen, spricht man von einer somatoformen Störung. Hilfe finden Betroffene in der psychosomatischen Institutsambulanz des Klinikums Stuttgart.
Von
NPG Digital
Stuttgart
Wiederkehrende körperliche Beschwerden führen nicht immer zu einer schnellen Diagnose.

Wiederkehrende körperliche Beschwerdensind für Betroffene oft auch psychisch sehr belastend.

Shutterstock/Anastasija Vujic

Lucy leidet seit Monaten unter heftigen, krampfartigen Bauchschmerzen und Durchfall. Sie beginnen regelmäßig Sonntagnachmittag. Kurz bevor Lucy dann am Montagmorgen die wöchentliche Teambesprechung leiten muss, verspürt sie ein starkes Unwohlsein im Bauch und muss mehrere Male hintereinander so schnell wie möglich die Toilette aufsuchen. Mittlerweile halten die Beschwerden danach jedoch die ganze Woche hindurch an.

Viele Menschen bekommen wie Lucy in bestimmten Situationen körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Durchfall. Wenn diese nur ab und zu oder in bestimmten Situationen auftreten, gut einzuordnen sind und das Leben nicht weiter belasten, sind diese im normalen Spektrum zu verorten. „Sollten diese körperlichen Symptome jedoch sehr ausgeprägt, anhaltend und belastend sein, sollten diese ärztlich eingeordnet werden. Hier kann eine sogenannte somatoforme Störung dahinter stecken“, sagt Prof. Andreas Stengel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums Stuttgart. Diese Störungen sind in der Bevölkerung häufig und können sich über vielfältige Körpersymptome äußern.

Der Begriff somatoform bedeutet, dass körperliche Symptome bestehen, diese aber nicht rein körperlich erklärbar sind. Am ehesten sind diese Störungen über das sogenannte biopsychosoziale Krankheitsmodell zu erklären, also ein Zusammenwirken von biologischen psychischen und sozialen Faktoren, welche dann in individueller Kombination die Krankheitsentstehung und -aufrechterhaltung beeinflussen.

Belastende und wiederholende Untersuchungen auf dem Weg zur Diagnose

Bei somatoformen Störungen wird zwischen Somatisierungsstörung, hypochondrischer Störung, somatoformer autonomer Funktionsstörung und anhaltender somatoformer Schmerzstörung unterschieden. Für alle somatoformen Störungen gilt, dass es wiederholt zum Auftreten körperlicher Symptome kommt, welche dann zur Vorstellung bei Ärzten führen. Häufig suchen Betroffene nach einer Diagnose und nehmen hierzu durchaus auch belastende und wiederholende Untersuchungen in Kauf. Die Beschwerden können in zeitlicher Beziehung zu belastenden Lebensereignissen aufgetreten sein, diese Wechselbeziehung ist aber mitunter nicht unmittelbar zu erkennen. In den Untersuchungen können durchaus körperliche Veränderungen erhoben werden, diese erklären jedoch nicht das Ausmaß der körperlichen Beschwerden.

Bei der Somatisierungsstörung bestehen multiple körperliche Symptome in verschiedenen Bereichen des Körpers, welche auch den Ort und Stärke wechseln können, auch kann es beschwerdefreie Intervalle geben. Aufgrund der sehr bunten Symptomatik wird die Diagnose häufig mit großer zeitlicher Verzögerung gestellt. Bei der hypochondrischen Störung sind ebenfalls körperliche Symptome vorhanden. Hier besteht jedoch die Angst im Vordergrund an einer befürchteten körperlichen Erkrankung zu leiden. Die somatoforme autonome Funktionsstörung ist auf ein Organsystem, zum Beispiel den Magen-Darm-Trakt, begrenzt und kann sich hier mit unterschiedlichen und wechselnden Symptomen äußern. Bei der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung steht das Symptom Schmerz im Vordergrund, welches jedoch auch in unterschiedlichen Körperregionen und wechselnd auftreten kann.

„Allen diesen Störungen ist gemein, dass die Diagnosestellung eigentlich frühzeitig erfolgen könnte und auch sollte, in der Praxis häufig jedoch zu spät erfolgt“, so Prof. Stengel. Auch wenn eine gründliche initiale Diagnostik auf der körperlichen und psychischen Ebene klar empfohlen wird, wird vor allen Dingen die körperliche Diagnostik in der Praxis dann jedoch zu häufig als wiederholende Diagnostik durchgeführt, ohne dass ein entsprechendes therapeutisches Angebot gemacht wird.

Die erste Anlaufstelle zur Diagnostik wiederkehrender Symptome ist der Hausarzt.

Die erste Anlaufstelle zur Diagnostik wiederkehrender Symptome ist der Hausarzt.

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Somatoforme Störung: Was können Betroffene tun?

Bei sehr sporadisch und nicht belasten körperlichen Symptomen kann erst einmal abgewartet werden. Bei anhaltenden, starken, regelmäßig auftretenden und die Lebensqualität beeinträchtigenden Symptomen sollte ein Arztbesuch erfolgen. In den meisten Fällen ist hierfür der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Initial sollte eine gründliche Diagnostik unter Berücksichtigung psychischer und sozialer Faktoren erfolgen.

„Sollte sich in der Diagnostik kein erklärender organischer Befund ergeben, ist diese Konstellation eben nicht als Normalbefund einzuordnen, sondern sollte an das Vorliegen einer somatoformen Störung denken lassen und auch so kommuniziert werden“, meint Prof. Stengel. Auch bei einer somatoformen Störung ist häufig der Hausarzt die richtige Ansprechstelle. Zur weiteren Einschätzung und Therapie haben Betroffene auch die Möglichkeit sich an die psychosomatische Institutsambulanz des Klinikums Stuttgart zu wenden. Hier kann – wenn nötig- die Diagnostik ergänzt und dann eine entsprechende Therapie eingeleitet werden. Diese setzt sich zusammen aus einer an den Symptomen orientierten medikamentösen Therapie sowie einer psychotherapeutischen Behandlung.

Dafür stehen verschiedene Möglichkeiten wie Einzeltherapie, psychotherapeutische Gruppentherapie, Entspannungsgruppe, Unterstützungsgruppe, Achtsamkeitsgruppe sowie kreative Therapien wie Musiktherapie oder Kunsttherapie oder Entspannungsverfahren zur Verfügung. Prof. Stengel: „Bei somatoformen Störungen gilt: Sie sollten behandelt werden, sind aber auch gut behandelbar.“

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart ist Teil des Zentrums für Seelische Gesundheit und Teil des Zentrums für Innere Medizin im Krankenhaus Bad Cannstatt. Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen des gesamten psychosomatischen und somatopsychischen Spektrums finden hier Hilfe. Rund 5000 Patient:innen werden jedes Jahr ambulant zur Diagnostik und Therapie gesehen, zirka 700 Patient:innen werden auf der Station und in der Tagesklinik behandelt. Behandelt werden psychosomatische Erkrankungen sowie somatopsychische Krankheitsbilder im Rahmen des Adipositaszentrums, Zentrum für chronisch entzündliche Darmerkrankungen und der Psychoonkologie. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei neben der psychosomatischen auf der somatopsychischen Versorgung. Eine Vorstellung in der psychosomatischen Institutsambulanz ist mit allen psychosomatischen und somatopsychischen Krankheitsbildern möglich. Patientinnen und Patienten mit entsprechender Überweisung können sich unter 0711 278 – 22727 anmelden.

Klinikum Stuttgart

Das Klinikum Stuttgart umfasst das Katharinenhospital, das Krankenhaus Bad Cannstatt und Deutschlands größte Kinderklinik, das Olgahospital. Es ist das größte Haus der Maximalversorgung in Baden-Württemberg. 9500 Mitarbeitende, darunter über 3000 Pflegekräfte und über 1200 Ärztinnen und Ärzte, versorgen jährlich rund 90.000 Patienten stationär und mehr als 600.000 ambulant, einschließlich 100.000 Notfällen. Mehr als 60.000 Operationen werden jedes Jahr im Klinikum Stuttgart betreut.