10 Jahre Wizemann „Statt Autos zu kaufen, haben wir das Wizemann eröffnet“

Matthias Mettmann, Hannah Japes und Steffen Posner (von links) vor der Location Im Wizemann. Das erste ausverkaufte Konzert fand im September 2015 statt.. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Im Wizemann hat sich zu einer der wichtigsten Konzertlocations der Stadt entwickelt. Wie wichtig war der Erfolg mit Cro und warum braucht es heute Awareness-Teams?

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Vor zehn Jahren wurde aus dem legendären Club Zapata das Veranstaltungshaus Im Wizemann. Seitdem hat sich das Team rund um Steffen Posner und Matthias Mettmann mit viel Eigeninitiative, Idealismus – und ohne externe Geldgeber – ein multifunktionales Kulturzentrum aufgebaut. Über Erfolge, Rückschläge, die Bedeutung eines Ökosystems für Livemusik und den ganz realen Kampf ums wirtschaftliche Überleben sprechen sie gemeinsam mit Im Wizemann-Betriebsleiterin Hannah Japes im Interview.

 

Herr Posner, Herr Mettmann, Sie waren eigentlich Konzertveranstalter. Wie kam das, dass Sie 2015 das Zapata zum Wizemann gemacht haben?

Steffen Posner: Wir wollten erst mal was verändern. Wir waren unzufrieden mit dem, was es in der Stadt für Konzertlokalitäten gab, und haben dann eigentlich gar nicht lang drüber nachgedacht. Wir haben einfach angefangen.

Und Sie haben dieses Unterfangen ohne externe Geldgeber finanziert? Um es herunterzubrechen: Gäbe es ohne den Erfolg des Pandarappers Cro das Wizemann in dieser Form?

Posner: Womöglich nicht. Im Endeffekt haben wir das Geld, das wir unter anderem durch den Erfolg von Cro verdient haben, nicht auf unserem Konto landen lassen, sondern in das Wizemann investiert. Es liegt hier noch drin. Statt Autos zu kaufen, haben wir das Wizemann eröffnet.

Von welchen Summen sprechen wir?

Posner: Von einer siebenstelligen Summe. Also es war knapp über siebenstellig und jetzt sind die Schulden noch so ein bisschen drunter.

Matthias Mettmann und Steffen Posner 2025. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mit welchen Zielen sind Sie 2015 gestartet?

Posner: Ganz simpel: Wir wollten einfach Konzerte veranstalten. Und haben dann gemerkt, dass man da ja noch viel mehr braucht. Also man braucht Gastro, sonst trägt es sich nicht, man braucht Industrie-Events, damit man Geld einnimmt.

Mettmann: Wir wollten die Stuttgarter Konzertlandschaft bereichern und es auch etwas besser machen. Dass die Band etwa ungesehen auf die Bühne kommen kann, dass sich die Künstlerinnen und Künstler nicht die Toiletten mit dem Publikum teilen müssen. Durch unsere Touren quer durch Deutschland haben wir stets die Bandseite im Blick gehabt und wussten, was es braucht, damit man sich als Künstlerin und Künstler wohl fühlt.

Wie viele Mitarbeitende gibt es heute?

Mettmann: Im Vollzeit-Äquivalent fast 150. Wir haben über 100 Aushilfen und über 40 Festangestellte. Das ist schon ein krasser Sprung von den zehn, zwölf Leuten, als Hannah 2018 angefangen hat.

Vor zehn Jahren waren Matthias Mettmann und Steffen Posner kurz vor der Eröffnung des Im Wizemanns. Foto: Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die nun auch mit hier mit am Tisch sitzt und inzwischen Betriebsleiterin ist. Frau Japes, Sie kamen also zwei Jahre vor Corona dazu.

Japes: Das war eine harte Zeit. Aber schon vor der Pandemie wurde uns klar, dass man die Auslastung steigern muss und dass man die Sommermonate, in denen nichts ist, anders füllen muss. Und dann kam eben Corona, eine Zeit, in der erst mal gar nichts mehr war.

Mettmann: Das war einer der krassesten Tiefschläge. Unser erster Bankberater hat uns gesagt: „Das Wizemann können wir wegwerfen, das machen wir zu.“

Posner: Wir haben dann den Bankberater gewechselt und ein Darlehen aufgenommen. Wir haben Autokonzerte, Lost Concerts und eine Galerie gemacht und uns fast die Corona-Hilfen zerschossen, indem wir Umsatz gemacht haben, ohne etwas zu verdienen. Hätten wir einfach die Füße stillgehalten, wäre es finanziell besser gewesen.

Heute machen Sie mehr als 400 Veranstaltungen im Jahr. Sie können doch zufrieden sein, oder?

Posner: Eigentlich ist alles super, außer dem Ergebnis. Wir sind halt immer auf Kante genäht. Da kann man keine Sprünge machen.

Mettmann: Wir haben hier eine jährliche Pacht von um die 700 000 Euro, dazu kommen die vielen Angestellten.

Japes: Deshalb können wir uns auch keine Sommerpause leisten – und versuchen, das anderweitig zu kompensieren, indem wir etwa auch die Gastronomie im Stadtpalais betreiben. Mit solchen Projekten versuchen wir uns quasi selbst querzufinanzieren oder zumindest das Team auszulasten.

Außerdem haben Sie das Goldmark's am Charlottenplatz gerettet. Wie kam es dazu?

Mettmann: Es gab schon immer einen engen Kontakt zum Universum und zum Goldmark's. Da die SSB die Flächen am Charlottenplatz brauchte und das Universum schließen musste, war für uns klar, dass zumindest das Goldmark's weiter bestehen soll. Für so einen Laden gibt es keine Alternative in der Innenstadt. Die alten Eigentümer wollten aussteigen und damit wäre die Konzession erloschen, es ging also darum, diesen Laden zu retten. Wir haben uns dann an einer Task-Force aus Gemeinderätinnen, der Koordinierungsstelle Nachtleben und anderen beteiligt. Es braucht eben immer ein Ökosystem, damit es funktioniert, besonders in der Livemusikbranche. Also sind wir – das Wizemann, Steffen, Michael Brunner, der Betreiber des Goldmark's und ich – nun die Eigentümer.

Sie werden aber auch weiter expandieren – und die Gastronomie im Theaterhaus betreiben.

Mettmann: Es ist eine Idee, in der wir Potenzial sehen. Im August haben wir die Gastro im Theaterhaus interimsmäßig betrieben und ab Mitte September sind wir an der neuen Gastro beteiligt. Das sind alles Sachen, bei denen es darum geht: Wo kann das Geld herkommen, das wir hier im Wizemann nicht verdienen können?

Wie kann dann die Zukunft hier im Wizemann aussehen?

Mettmann: Dieses Jahr ist ein Grundsatzjahr. Zum ersten Mal kommen wir ohne zusätzlichen Kredit durch. Wir müssen zum Beispiel im Sommer mehr Fokus auf Industrie-Events setzen. Wir haben im Herbst 99 Prozent Auslastung mit Konzerten. Da geht nicht mehr. Wir versuchen, die Kompetenzen, die wir uns angeeignet haben, weiter zu monetarisieren – sei es das Awareness-Team, sei es in anderen Bereichen. Am Ende geht es bei allem, was wir tun, darum, hier den Laden am Leben zu halten.

Ein Awareness-Team besteht aus Menschen, die auf Veranstaltungen dafür sorgen, dass sich alle wohl fühlen. Warum braucht es das heute?

Mettmann: Wir haben nach Corona gemerkt, dass sich die Verhaltensweise von Teilen des Publikums geändert hat. Der Eindruck ist schon, dass bei der so genannten „Corona-Generation“ der soziale Zusammenhalt ein anderer ist und auch andere Dinge im Zusammenhang mit Sicherheit wichtig sind.

Japes: Insgesamt ist viel im Wandel,es löst sich auf, dass die Kids eine gemeinsame Szene haben. Mittlerweile hören sie alles querbeet über Spotify. Dadurch haben 1200 Leute bei einem Konzert nicht mehr das gleiche Wertegerüst, sondern kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken.

Die Nachbarschaft verändert sich durch die Straßenunterführung der Pragstaße. Was bedeutet dies für den Konzertbetrieb?

Japes: Das war schon eine krasse Entwicklung. Früher war die Straße lauter als alles andere hier. Jetzt ist es ruhiger geworden. Durch den Abriss von Gebäuden gibt es eine komplett neue Nachbarschaft, die vorher überhaupt nicht wusste, dass wir hier sind und uns auf einmal hört.

Mettmann: Das ist schon das Thema Kulturraumschutz. Die Realität ist: Es wird nie mehr in Innenstadtlagen solche Locations geben. Und wo soll so was passieren? Noch weiter draußen?

Haben Sie einen Wunsch an die Stadtverwaltung?

Mettmann: Wir würden uns wünschen, dass allen klar ist, was wir eigentlich machen, und dass wir Unterstützung haben, wenn es darum geht, kreative Lösungen für die Probleme zu finden, die auf uns zukommen. Eben ein bisschen mehr Wertschätzung dafür, dass das gar nicht so unwichtig ist, was wir tun.

Im Wizemann

Die Personen
Steffen Posner (39) ist Geschäftsführer bei STR, nicht operativ tätig. Matthias Mettmann (41) ist geschäftsführender Gesellschafter und Hannah Japes (35) ist Prokuristin und Betriebsleiterin bei der STR Kultur- und Betriebs GmbH, die das Wizemann betreibt.

Das Jubiläum
Das Wizemann feiert am 13. September sein zehnjähriges Bestehen mit einem ganztägigen Day Festival. Von 11 bis 19 Uhr erwartet die Besucherinnen und Besucher ein buntes Programm mit Food Trucks, Musik, Kinderangeboten, Führungen und Mitmachaktionen.

Weitere Themen