150 Jahre Hengstenberg Die kuriose Geschichte von Hengstenberg – und was Sauerkraut damit zu tun hatte

, aktualisiert am 30.05.2026 - 15:40 Uhr
So sahen die Produktionsstätten der Firma Hengstenberg im Jahr 1912 aus. Damals wurden die Essiggurken noch in großen Blecheimern abgepackt. Der Lebensmittelhändler verkaufte sie dann lose an seine Kunden. Foto:  

Ihre Produkte sind kein Essig: Die Firma Hengstenberg wird 150 Jahre alt. Die Firmengeschichte war auch kurios.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Echte Zuneigung und Herzenswärme vereint mit schwäbischem Pragmatismus und gesundem Erwerbsdenken. Eine perfekte Mischung. Bei Richard Alfred Hengstenberg hat sich diese Kombination wohl bewährt. Das Kapital seiner Ehefrau Marie, geborene Melzer, rettete seine Firma. Auch dank ihr kann der Lebensmittelhersteller mit administrativer Firmenzentrale und Hauptsitz in Esslingen sein 150-jähriges Jubiläum feiern. Ein Ausstellungsstück im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt erinnert ab Dienstag, 2. Juni, an dieses geschmackvolle Stück Esslinger Stadt- und Industriegeschichte.

 

Augen auf bei der Partnerwahl – beruflich wie privat. Beruflich hatte Richard Hengstenberg da weniger Glück. 1876 hatte er sein Unternehmen gegründet. Die erste Essigfabrik hob er zusammen mit einem Kompagnon in der Webergasse in der Altstadt aus der Taufe, hat Susanne Staudacher von den Städtischen Museen Esslingen recherchiert. Doch bereits nach zwei Jahren war es mit der Zusammenarbeit vorbei. Der Partner stieg aus: „Dass das Unternehmen dennoch fortbestehen konnte, lag maßgeblich am Vermögen von Hengstenbergs Ehefrau Marie, die das notwendige Kapital einbrachte“.  

Münzen zum 125-jährigen Firmenjubiläum 2001 zeigen auch das Porträt des Firmengründers. Foto: Städtische Museen Esslingen

Ein Glück für Esslingen und seine Weingärtner. Denn ohne Weinbau hätte es wohl auch keine Firma Hengstenberg gegeben. Bis in die frühe Neuzeit hinein, so Susanne Staudacher, war das Frischhalten von Lebensmitteln ein Glücksspiel. Lange Winter, schlechte Ernten oder das Verderben von Nahrungsmitteln führten zu Versorgungsengpässen und Hungersnöten. Frische Lebensmittel standen oft nur saisonal und in schwankender Qualität zur Verfügung.

Gurken gab es in der Weinbaustadt Esslingen

Clevere Konservierungstechniken lösten das Problem. „Essig wirkt durch seinen Säuregehalt konservierend, indem er das Wachstum von Mikroorganismen hemmt“, so die Mitarbeiterin der Städtischen Museen. Dank dieser Erfindung konnten Gurken, Gemüse, Sauerkraut oder andere Lebensmittel über einen längeren Zeitraum haltbar gemacht werden. Gurken aber gab es in der Weinbaustadt Esslingen. Sie waren ein Nebenprodukt der lokalen Weinherstellung, sagt Susanne Staudacher. Nicht, dass die Weine nach Essig geschmeckt hätten. Natürlich nicht. Aber die schlauen Wengerter hatten ebenfalls mit knitzem schwäbischem Einfallsreichtum das Gelände an den steilen Hängen sparsam und effizient genutzt und häufig zwischen den Reben Gurken angebaut. Sie waren als Essiggurken eine ideale Ergänzung für die Wengerter, weil Essig als Nebenprodukt bei der Weinherstellung anfiel – ein ideales Umfeld also für die junge Firma Hengstenberg.

Susanne Staudacher arbeitet für die Städtischen Museen Esslingen. Foto: Städtische Museen Esslingen

Richard Alfred Hengstenberg hat diesen Trend erkannt und für den Aufbau seiner Firma genutzt. Eine Münze zum 125-jährigen Firmenjubiläum 2001 zeigt das Porträt des Firmengründers – ein energisch und zupackend wirkender Mann mit einem Backenbart und entschlossenem Blick. Auf der Rückseite der Münze, die ab Dienstag im „Gelben Haus“ zu sehen ist und deren Hersteller bislang nicht bekannt ist, sind Teile des Firmenportfolios mit verschiedenen Konservendosen zu sehen.

Manchmal explodierte das Sauerkraut

Denn in den oft romantisch verklärten Tagen der Tante-Emma-Läden gingen auch die Produkte der Firma Hengstenberg noch lose über die Ladentheke. Doch mit der Industrialisierung und vor allem im 20. Jahrhundert wählte man praktischere Verpackungsmodelle. „Es setzte sich zunehmend die Abfüllung in Gläsern und Dosen durch“, weiß Staudacher. Das habe nicht nur den Transport erleichtert, sondern sei auch dem Wunsch nach standardisierten, hygienischen Produkten entgegengekommen.

Die Gedenkmünze ist ab Dienstag, 2. Juni, im Stadtmuseum Gelbes Haus am Hafenmarkt in Esslingen zu sehen. Foto: Roberto Bulgrin

Doch Sauerkraut in Dosen – das war eine explosive Sache. Wegen der Gärprozesse seien sie häufig explodiert, weiß Susanne Staudacher. Doch Hengstenberg sorgte für einen schlauen Coup – die Entwicklung des ersten pasteurisierten Sauerkrauts 1932. Damit konnte das Lebensmittel schonend und fast keimfrei haltbar gemacht werden: „Vor allem in der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders wurden Konserven stark beworben, da sie die Haushaltsführung erheblich erleichterten.“ Hengstenberg profitierte vom veränderten Konsumverhalten und expandierte weiter international.

 

Was bedeutet eigentlich „Mildessa“

Vom Neckar hinaus in die Welt. Der Firmensitz in der Webergasse in der verwinkelten, engen Esslinger Altstadt wurde dem aufstrebenden Unternehmen bald zu eng. 1895 zog Hengstenberg in die Weststadt: „Besonders wichtig war der Anschluss an das Eisenbahnnetz, den Hengstenberg früh als strategischen Vorteil erkannte.“ An der Mettinger Straße ist noch heute – nach einem kurzen Gastspiel während einer umfassenden Sanierung der Gebäude von 2009 und 2016 in Esslingen-Zell – der Verwaltungssitz des Unternehmens. Es bringt seine Erzeugnisse auch fantasievoll auf den Markt. Eine Produktserie etwa heißt Mildessa – laut Homepage von Hengstenberg ein Kunstwort aus „mildes Sauerkraut“.

Von Münzen und Unternehmertum

Gedenkmünze
Die Gedenkmünze zum 125-jährigen Firmenjubiläum von Hengstenberg ist nach Darstellung von Susanne Staudacher mehr als die Verbeugung vor einer Unternehmerpersönlichkeit und die Reverenz an ein Stück Esslinger Wirtschaftsgeschichte. Sie sei „auch ein Symbol für den Übergang von der vorindustriellen zur industriellen Lebensmittelherstellung und für die Veränderungen der Ernährungskultur seit dem 19. Jahrhundert.“

Exponat
Unter dem Titel „Historische Schätze“ zeigen die Städtischen Museen Esslingen Objekte und Neuerwerbungen. Zudem werden Schätze aus dem Fundus des Stadtarchivs und des Esslinger Geschichts- und Altertumsvereins präsentiert. Die Objekte sind vom ersten Dienstag des Monats an im Gelben Haus am Hafenmarkt zu sehen. Mehr unter www.museen.esslingen.de .

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