150. Todestag von Eduard Mörike Eine gebrochene, eine tapfere Dichterseele

Handschriftliches Manuskript und Porträt von Eduard Friedrich Phillip Moerike, 1804-1875 Foto: IMAGO/Zoonar

Vor 150 Jahren starb Eduard Mörike. Seitdem hängt ihm das Vorurteil des unpolitischen Provinzlers an – zu Unrecht, meint seine Schriftsteller-Kollegin Anna Katharina Hahn.

Mit der Zungenspitze entferne ich einen Waffelkrümel aus dem Mundwinkel und verlasse die Bank vor der Eisdiele. Auf der anderen Straßenseite kommt eine Familie die Neue Weinsteige hinunter. Sie laufen mehr, als dass sie spazieren. Ihre Farben verraten mir schnell, welchen Grund der Ausflug hat. Vorneweg rennt ein kleiner Junge, er lässt seinen Schal wehen: Rot und Weiß leuchten in den Nachmittag. Eltern und Geschwister folgen in passenden Shirts. Auf dem Heimweg sehe ich ähnliche Gruppen in Richtung Innenstadt ausschwärmen. Die meisten tragen die Namen der Torschützen auf dem Rücken: Undav, Millot, Woltemade. Der VfB hat am Tag zuvor das Pokalspiel gegen Arminia gewonnen, auf dem Schlossplatz steigt die Siegesfeier. Jetzt zuckt mein Handy in der Hosentasche: In der Familiengruppe werden Bilder von der großen Bühne, vom Pokal geteilt.

 

Veilchens Duft als Frühlingsbote

Dieser Anblick lässt mich einer alten Fantasie nachhängen: Was wäre, wenn all diese Leute nicht König Fußball zujubelten, sondern einem Dichter? Wenn statt der VfB-Fahnen zahllose hellblaue Bänder durch die Luft flatterten, wenn es in der Stadt statt nach Bier und Bratwurst nach Veilchen röche, wenn alle Welt Shirts mit der Aufschrift „Mörike“ trüge? Wenn die begeisterte Menge vor dem Schloss seine Lieder sänge? Immerhin gehört Mörike zu den meistvertonten deutschen Lyrikern.

Ich höre Melodien beider Hugos, Distler und Wolf, erschnuppere Rosenöl, „Gerani- und Resedenduft“, aber auch Wolken würzigen Knasters, den Mörike gern geraucht hat. Ich sehe antike Kelche von rotem und weißem Wein überfließen. Auf einer Stange schleppt man den rostig beschweiften Cleversulzbacher Kirchturmhahn heran. Blumenkränze werden aufgehängt, Banner mit Zitaten entfaltet: „Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen.“ „Jenes war zum letztenmale, Daß ich mit dir ging, o Clärchen!“

Das jugendlich schöne Gesicht des Theologiestudenten erscheint auf der Riesenleinwand, abwechselnd mit dem vergrämten Antlitz seines älteren Selbst. Natürlich gibt es Hutzelbrot und eingelegte Gurken, „Kukumern“ für alle! Doch je prächtiger dieser Film vor mir abläuft, desto unsicherer werde ich. Schnitzbrot im Juni bildet dabei nicht die größte Hürde. Ginge man heute die Königstraße entlang und fragte beliebige Passanten, wer Eduard Mörike war, müsste man wohl mit häufigem Achselzucken rechnen.

Es ist stiller geworden um ihn, den Schöpfer der schönen Lau, des Stuttgarter Hutzelmännleins, des Maler Nolten. Seine Gedichte gehören zu den herrlichsten der Weltliteratur. Wer denkt an ihn, an sein Werk? Aber Herumjammern gilt nicht. Lieber am überlieferten Bild kratzen. Vor dem Zugang zu Eduard Mörike wuchern nicht nur der zeitliche Abstand von über 150 Jahren, sondern auch allerhand Vorurteile wie eine dichte Dornenhecke.

Vikar im Prokrustesbett

Einen Autor gegen den anderen auszuspielen, liegt mir fern. Außerdem ist mir Friedrich Hölderlin zu wertvoll dafür. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass seine so offensichtlich tragische Biografie viel zum dauerhaften Interesse an seinen Dichtungen beiträgt. Mehr als 30 Jahre umnachtetes Leben in einem Tübinger Turm passen genau zu jenen Vorstellungen, die sich das Gros der Lesenden und auch die Literaturwissenschaft davon macht, wie ein Dichterleben zu verlaufen hat: desolat. Die Frage, wie viel Schmerz zum Schreiben gehört, mag ich nicht beantworten, nur anmerken, dass ich den alten Spruch „Unter jedem Dach wohnt ein Ach“ für weise halte.

Zähle ich die „Achs“ in Mörikes Zeit auf Erden, reichen die Finger beider Hände nicht aus. Nachdem er mit 13 Jahren seinen Vater, Stadtarzt in Ludwigsburg, verliert, will Mörike kein ruhiges Leben mehr gelingen. Die wenigen überlieferten Kinderbriefe zeigen ihn als behütetes Mitglied einer Großfamilie. Eduard muss sich lediglich über seine Lateinaufgaben, Hirschkäfer und das nächste Mittagessen Gedanken machen.

Doch der Vater, Karl Friedrich Mörike, erleidet einen Schlaganfall und siecht vor seinem Ende jahrelang elend dahin. Wirtschaftliche Unsicherheit und der Tod überschatten Mörikes Existenz und verfolgen ihn bis zum Schluss. Allein zwischen 1824 und 1827 sterben zwei geliebte Geschwister, der jüngere Bruder August wohl durch Suizid, die mütterliche Luise an einer Krankheit.

Durch die sorgfältig kommentierten Briefe - elf Bände – in der historisch-kritischen Gesamtausgabe kann sich jeder darüber informieren, wie der junge Mann zähneknirschend, aber pflichtbewusst den Beruf des evangelischen Pastors auf sich nimmt. Er hat für seine Mutter und die jüngste Schwester Clara zu sorgen. Die Truhe, in die er nach bestandenem Examen in Tübingen seine Habseligkeiten packt, erscheint ihm als „schwarzer Sarg“, in dem er sich zu einem düsteren Schmetterling in Vikarsgestalt verpuppen wird. Auch wenn Mörikes literarischer Ruhm mit den Jahren wächst, reiht sich eine unglückliche Liebesbeziehung an die nächste, bis hin zur späten, eher katastrophalen Ehe mit Margarethe Speeth.

Es war wohl Multiple Sklerose

Erschwerend kommt das körperliche Leiden hinzu - aller Wahrscheinlichkeit nach litt Mörike an Multipler Sklerose. Schon der Student sucht brieflich den ärztlichen Rat des späteren Freundes Justinus Kerner, geängstigt durch Doppelbilder, einem typischen Symptom jener damals noch nicht diagnostizierbaren Krankheit. Diese, nicht etwa Faulheit oder Hypochondrie, wird ihn schließlich schwächen bis zur Arbeitsunfähigkeit; er lässt sich mit 39 Jahren in den Ruhestand versetzen und erhält eine winzige Rente.

Was Mörike über den Inhalt seines einzigen Romans „Maler Nolten“ schreibt, lese ich nicht ohne Schaudern, so treffend beleuchtet er damit seine eigene Existenz: „Mein Roman ist das Gemälde eines eigensinnigen Schicksals, das sich (…) darin zu gefallen scheint, seine Lieblinge (…) noch ehe es dieselben ganz zu Reife hatte kommen lassen, wiederum preiszugeben, ihren Lebenszweck (…) rein zu vernichten und Andre in den Abgrund mitzuziehen.“

Trotz dieser Fülle an Schicksalsschlägen klebt das Klischee vom stillvergnügten Biedermann an Mörike wie Pech: Ein Provinzler, der unpolitische Naturlyrik schrieb, sich knitz simulierend um seine Pastorenpflichten drückte, in Possen und Märchen flüchtete. Was für ein philisterhaftes Urteil!

Wie wunderbar wäre es, eine benutzerfreundliche Briefausgabe zu bekommen, in der man dem Ausnahmetalent Eduard Mörike in seinen zahlreichen Facetten begegnen könnte. Die philologische Kärrnerarbeit ist längst getan, es fehlt nur etwas verlegerischer Mut, den Dichter neu zu präsentieren – als verzweifelten Liebenden und vernünftigen Sohn, als allzu anhänglichen Bruder, als von Ideen übersprudelnden Studenten im Tübinger Stift, der eine Reihe von lebenslangen Freundschaften schließt und dabei das Land Orplid und das boshaft-dümmliche Alter Ego Wispel erfindet, als genialen Übersetzer antiker Poesie, als leidenschaftlos-hilfsbereiten Pastor, als begeisterten Halter von Katzen, Hunden, Staren und Wachteln, als liebevollen Vater, als Überlebenskämpfer in der starren Gesellschaftsordnung seiner Gegenwart und als epochalen Lyriker und Erzähler.

Die Autorin

Roman
Anna Katharina Hahn ist Schriftstellerin und lebt in Stuttgart. Zuletzt erschien ihr Roman „Der Chor“ im Suhrkamp Verlag, Berlin (283 Seiten, 25 Euro)

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