160 Jahre Eberspächer Wie ein Gießkannen-Hersteller zum Weltunternehmen wurde
Im heimischen Keller fing es an. Da stellte Jakob Eberspächer ab 1865 in Esslingen Praktisches her. Daraus hat sich ein Unternehmen mit 10 700 Mitarbeitenden entwickelt.
Im heimischen Keller fing es an. Da stellte Jakob Eberspächer ab 1865 in Esslingen Praktisches her. Daraus hat sich ein Unternehmen mit 10 700 Mitarbeitenden entwickelt.
Was seine Ehefrau wohl dazu gesagt hat? Jakob Eberspächer war ein Schaffer. Ein Macher. Ein schwäbischer Unternehmer aus echtem Schrot und Korn. Ein solch Fleißiger hatte am Tag seiner Hochzeit, am Sonntag, 9. Juli 1865, keine Muße für große Partys. Am Tag seiner Eheschließung gründete der Nimmermüde sein eigenes Geschäft – einen Flaschnerbetrieb in der Webergasse 5 in Esslingen. Eine ausgiebige Hochzeitsfeier ließ er damit zwar wohl sausen, doch er legte stattdessen den Grundstein für ein Traditionsunternehmen. Die Firma Eberspächer mit Stammsitz in Esslingen wird 160 Jahre alt.
Jakob Eberspächer wird auch im weiteren Verlauf seines Lebens mehr gearbeitet als gefeiert haben. Er war nach Angaben des Unternehmens bei Firmengründung erst 25 Jahre alt, hatte aber den richtigen Riecher für gute Geschäfte. Im Keller seines Hauses startete er 1865 mit einer kleinen Flaschnerwerkstatt. Er lieferte an schwäbische Haushalte, was schwäbische Haushalte eben so brauchten: Gießkannen, Wärmflaschen oder Dachrinnen.
Als gelernter Spenglermeister konnte er das. Doch er konnte noch mehr. Und er wollte mehr. 18 Jahre nach Geschäftsstart überschritt sein Umsatz die 100 000-Mark-Grenze. Doch das waren Peanuts im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. Ständig weitete er seinen Angebotskatalog aus. Der Findige fand Nischen, die er ausfüllte. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung bescherte dem Maschinenbau und den Spinnereien im Land einen Boom – also stellte Jakob Eberspächer Blechspulen für Spinnereien her. Sägezahn-Dächer auf größeren Hallen waren häufig undicht. Clever, wie er war, montierte er als einer der ersten ab 1886 Scheiben auf Blechsprossen und verglaste sie ohne Kitt.
Diese Methode wurde zum Renner. Das Geschäft brummte. Die Kasse stimmte. Die Zahlen passten. Expansionen kamen. Der kleine Keller im heimischen Haus war bald Geschichte. Das erste Fabrikgebäude entstand 1900 in der Zwerchstraße in Oberesslingen. 14 Jahre später wurden die Kisten erneut gepackt und zum heutigen Stammwerk in der Eberspächer-Straße gebracht.
Der Standort konnte durch seine Nähe zum Oberesslinger Bahnhof und einen eigenen Gleisanschluss punkten. Die kittlosen Produkte für den Glasbau waren Bestseller. Sie kamen in Luftschiffhangars und Bahnhöfen auch außerhalb von Deutschland zum Einsatz. Eberspächer wurde früh international: 1913 wurde die erste Niederlassung im Ausland in Österreich gegründet.
Kittlose Produkte waren der Kitt, der Eberspächer in den Anfangsjahren zusammenhielt. Doch das junge Unternehmen gab weiter Gas. Es stieg in den Fahrzeugbau ein. Ab 1931 wurden Schalldämpfer produziert. Zwei Jahre später wurden die ersten Fahrzeugheizungen entwickelt. Ein zweites Werk ging in Bau. Esslingen beschäftigte Mitte der 1930er Jahre 700 Mitarbeitende.
Zur Zeit während der NS-Diktatur wird im Pressetext und auf der Homepage mitgeteilt, dass Eberspächer während des Zweiten Weltkriegs erstmals in seiner Firmengeschichte Flugzeugmotorenteile angefertigt habe. Von 1939 bis Kriegsende 1945 sei das Unternehmen in die Rüstungsproduktion des nationalsozialistischen Regimes integriert worden und habe „wie viele andere Unternehmen“ Zwangsarbeiter „zugewiesen bekommen“. In der Nachkriegszeit wurden ab 1946 Notprodukte wie Prothesen, Metallkoffer oder Kleinherde hergestellt.
Frauenpower gab es in der langen Firmengeschichte auch: Nach dem Tod des Firmengründers 1899 übernahm seine Ehefrau Friederike Eberspächer die Geschäftsführung. Im Laufe der Jahrzehnte gab es durch Heirat zwar Namenswechsel bei den Firmenchefs, doch momentan wird das Unternehmen in fünfter Familiengeneration geführt. Der geschäftsführende Gesellschafter Martin Peters ist seit 2001 in der Geschäftsführung und Schwiegersohn von Hans Eberspächer, der dem Betrieb in vierter Generation ab 1974 vorstand und 2020 verstarb. Heinrich Baumann, Ur-Ur-Enkel des Gründers und ab 2004 in der Unternehmensleitung, verstarb 2020 mit nur 54 Jahren völlig unerwartet.
Eberspächer ist nach eigenen Angaben zu etwa 90 Prozent noch immer ein Automobilzulieferer. Das hat Tradition: 1974 ging der Katalysator für den US-amerikanischen Markt in Serie – zehn Jahre, bevor er in Deutschland Pflicht wurde. In den vergangenen zwei Jahrzehnten kamen Lösungen für Fahrzeugelektronik und Thermomanagement in Fahrzeugen aller Antriebsarten hinzu. 2010 erfolgte der Eintritt in den Markt für Busse und Reisebusse und in die Abgastechnologie für Nutzfahrzeuge in den USA. „Im Zuge der Elektrifizierung und Digitalisierung sind weitere Kompetenzen gefragt, wie Batteriemanagement-Systeme oder Technologien für das autonome Fahren“, teilt das Unternehmen mit.
Bis 2040 möchte Eberspächer CO2-neutral werden. Zwischenziel ist bis 2030 eine CO2-neutrale Produktion. Gedanken, die sich Firmengründer Jakob Eberspächer 1865 nicht machen musste, als er an seinem Hochzeitstag mit seinem Unternehmen startete.
Unternehmen
Eberspächer hat etwa 10 700 Mitarbeitende an 80 Standorten in über 30 Ländern. Abgastechnik, Elektronik und Klimatisierung für unterschiedliche Fahrzeugtypen gehören zum Portfolio. 2024 erwirtschaftete die Unternehmensgruppe nach eigenen Angaben etwa 5,3 Milliarden Euro Umsatz. Der um durchlaufende Posten bereinigte Nettoumsatz belief sich auf ungefähr 2,7 Milliarden Euro.
Wasserstoff
Der Automobilzulieferer setzt auch auf neue Geschäftsfelder wie Wasserstoff. Purem by Eberspächer entwickelte laut Unternehmen mit einem dänischen Technologieunternehmen ein Konzept für die industrielle Fertigung von Hochtemperaturelektrolyseuren zur Gewinnung des Energieträgers. Die ersten beiden Vier-Tonner wurden Anfang Juni ausgeliefert. Zudem wird an der Fertigung von Druckbehältern gearbeitet, die die sichere und kostengünstige Speicherung und den Transport ermöglichen sollen.