Alle zwei Jahre vergibt die Bürgerstiftung Stuttgart den Bürgerpreis „für ausgezeichnetes Engagement“. Eindrücke von einem perfekten Abend.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

„Stimmungsvoll“, „empathisch“, „ideenreich“ – das Lob der Gäste nach zwei Stunden Preisverleihung fiel einhellig aus: Die Bürgerstiftung hat Maßstäbe gesetzt! Einen Abend wie diesen im Porsche-Museum, so war vielfach zu hören, vergisst man so schnell nicht. Mehrere Faktoren trugen dazu bei: die perfekte Organisation, der in der John-Cranko-Schule ausgebildete Tänzer und Choreograf Alessandro Giaquinto, der heiter-gewandte Moderator Martin Hoffmann, vor allem aber der fabelhafte Einfall von Irene Armbruster, Geschäftsführerin der Bürgerstiftung, aus den Preisträgern der vergangenen Jahre einen 40-köpfigen Chor zusammenzustellen. Unter der Leitung des musikalischen Alleskönners Patrick Bopp schwoll dieser Klangkörper zu einem 350 Stimmen starken Publikums-Chor an. Das schuf eine Mitmach-Atmosphäre und gab der Feier im Museum einen wohligen Rhythmus. Der Tote-Hosen-Klassiker „An Tagen wie diesen“ wurde dabei zum oft aufgerufenen Refrain des Abends.

 

Eine Bürgermedaille für den Hausherren und Großspender Porsche

Zu feiern gab es am Donnerstagabend dreierlei: das 25-jährige Bestehen der Bürgerstiftung, die Verleihung der Bürgermedaille an den Hausherren und Großspender Porsche und die Ehrung der vier Preisträger-Gruppen. Anders als beim Ehrenamtspreis Stuttgarter/Stuttgarterin des Jahres zeichnet die Bürgerstiftung nicht Einzelpersonen, sondern im Zwei-Jahres-Rhythmus Teams und Vereine für ihr freiwilliges Engagement in Stuttgart aus. Mit Porsche wurde zudem erstmalig ein Unternehmen bedacht.

Wilfried Porth, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung, erklärte zur Begründung, Porsche erhalte die Bürgermedaille für seine langjährige und breit angelegte Unterstützung der Bürgerstiftung. Das reicht von Spenden für Projekte wie „Suppoptimal – Essen für alle“ bis zu personeller Unterstützung im Rahmen des betrieblichen Freiwilligenprogramms. Rund 1000 Porsche-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – von der Fachkraft bis zum Vorstand – hätten sich bereits eingebracht. Porth würdigte dieses Engagement als „gelebte soziale Verantwortung“.

Toller Einfall: die Preisträger der vergangenen Jahre bildeten einen Jubiläums-Chor Foto: Bürgerstiftung Stuttgart/Jan Potente

Vera Schalwig, Porsche-Vorständin für Personal und Soziales sieht in der Auszeichnung einen „enormen Vertrauensbeweis“ und zugleich eine Verpflichtung, bei sozialen Themen „weiter zuzuhören“. Die Mitarbeit an Projekten wie „Suppoptimal“ verhelfe zu einem „berührenden Perspektivwechsel“, sagte Schalwig. Ehrenamtliches Engagement sei kein Randthema, sondern ein „tragender Pfeiler der Gesellschaft“ – erst recht in Zeiten, in denen die Unsicherheit wachse.

Die Porsche-Vorständin lobte in dem Zusammenhang die Arbeit der Bürgerstiftung. Sie bringe seit 25 Jahren Menschen in Stuttgart zusammen. Ihr gelinge dabei die Vernetzung von Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft. Der Jubiläums-Chor antwortete mit einem „An-Tagen-wie-diesen“-Tusch. Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister drückte Anerkennung aus. Frank Nopper nannte die 2001 auf eine Initiative des früheren Oberbürgermeister Wolfgangs Schuster hin gegründete, größte Bürgerstiftung Baden-Württembergs mit einem Stiftungskapital von 13 Millionen Euro, eine Einrichtung, „die Zusammenhalt stiftet und Stuttgart besser macht“. Die Bürgerstiftung, die von rund 300 Stiftern getragen und von mehreren Unternehmen unterstützt wird, sei für die Landeshauptstadt „Gold wert“.

50 Bewerbungen für den Bürgerpreis waren eingegangen

Die nächsten Tuschs galten den von einer 16-köpfigen Jury unter 50 Bewerbungen ausgewählten Preisträgern – dem aus 45 Jugendlichen bestehenden Theaterensemble „Lokstoff – Gegen das Vergessen – Erinnern für das Morgen“, der Gruppe „Mein Herz lacht“, in dem sich Eltern von Kindern mit Behinderung und chronischen Erkrankungen zusammengeschlossen haben, und dem Verein „Neckarbädle“, dessen Vision es ist, eines Tages wieder im Neckar baden zu können. Auf große Reden wurde bei der Preisverleihung verzichtet, auf große Wertschätzung hingegen nicht. Das fand seinen Ausdruck, in Bühnengesprächen mit den Ausgezeichneten, die für ihre Projekte jeweils 7000 Euro erhielten.

Die Preise sind mit insgesamt 26 000 Euro dotiert

Dieses Format bot den Preisträgern Gelegenheit, ihre Projekte anschaulich zu schildern: Lokstoff geht es darum, im Austausch mit jungen Leuten Erinnerungskultur lebendig zu halten und mit künstlerischen Mitteln gegen Antisemitismus einzutreten und für Demokratie zu werben. Bei „Mein Herz lacht“ kommen rund 80 Eltern von Kindern mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen zusammen, sorgen gegenseitig für Entlastung und stärken den Inklusionsgedanken. Die Aktiven des „Neckarbädle“ haben den Traum „den Menschen die verlorene Nähe zum Fluss zurückgeben“. Der erste Schritt soll ein schwimmendes Badeschiff mit aufbereitetem Neckarwasser sein, das von Ehrenamtlichen betrieben wird . Am Horizont zeichnen sich dessen Umrisse ab, das Preisgeld könnte helfen, sie noch deutlicher hervortreten zu lassen.

Groß war die Freude auch bei einem weiteren Preisträger: der mit dem Publikumspreis (5000 Euro) ausgezeichneten „Leseheimat Stuttgart“ für geflüchtete Kinder, einem Vorleseprojekt des Vereins Leseohren . Bei einer Online-Abstimmung unter allen Bewerbern hatte dieses Projekt die meisten Stimmen erhalten. Fehlte nur noch ein kräftiges „Hallelujah“. Das ließen Patrick Bopp und der Preisträger-Chor, unterstützt vom Saal, zum runden Abschluss folgen.