Ein breit gestreutes Aktien-Portfolio lässt sich mit ETFs am einfachsten und kostengünstigsten umsetzen. Foto: dpa/Westend61/Sus Pons
Sie sind einfach, langweilig und mittelmäßig – und genau das sind die Gründe für ihren Erfolg: Vor 25 Jahren wurden die ersten ETFs in Deutschland gehandelt. Doch nun gerät die Idee hinter dem Produkt unter Druck.
Philipp Obergassner
12.04.2025 - 06:00 Uhr
Angesichts der derzeitigen Börsenturbulenzen könnte man sagen, dass es eine recht wilde Geburtstagsfeier ist: In diesen Tagen feiern ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, ihre Markteinführung in Deutschland vor 25 Jahren. Was anfangs ein Nischenprodukt für institutionelle Anleger war, hat sich seitdem zu einer großen Erfolgsstory vor allem auch für Privatanleger entwickelt. Geholfen haben hierbei ausgerechnet die großen Börsenkrisen dieser Zeit. Doch die ursprüngliche Idee hinter den ETFs droht immer mehr zu verwässern.
„Suchen Sie nicht nach der Nadel im Heuhaufen, kaufen Sie den Heuhaufen!“ – dieser Satz umschreibt die Idee von Indexfonds. Er stammt vom ETF-Pionier und US-Unternehmer John Bogle. Statt als Investor einzelne Aktien herauszupicken, investiert man in den gesamten Markt. Der Grundgedanke dahinter: Kapitalmärkte sind so weit informationseffizient, dass es für den aktiven Anleger meist reiner Zufall ist, wenn er besser als der Markt abschneidet. Also kauft man lieber den ganzen Markt und vermeidet so das Risiko, langfristig darunter zu performen. Mittelmaß als Anlagestrategie. Martin Bechtloff, bei der Investmentgesellschaft Franklin Templeton Deutschland zuständig für ETFs, nennt den 22. Januar 1993 als „Beginn einer neuen Ära im Investmentbereich“. Damals wurde in den USA der erste ETF aufgelegt. Deutschland sollte sieben Jahre später folgen und damit Pionier in Europa werden.
ETFs sind die einzige Anlageform, in der Privatanleger die gleichen Gebühren zahlen wie institutionelle Anleger. Mittlerweile liegen die jährlichen Gebühren bei durchschnittlich 0,2 Prozent des Anlagevolumens – Tendenz fallend. Im Vergleich zu aktiv verwalteten Fonds mit Ausgabeaufschlägen und vergleichsweise hohen Managementgebühren ist das unschlagbar niedrig. ETFs sind zudem maximal transparent, da sie an der Börse gehandelt werden und dadurch immer ein aktueller Preis gestellt wird. Auch die Zusammensetzung des ETFs ist immer klar: Er bildet einfach den Index ab.
Die Entwicklung
Die Kombination aus niedrigen Gebühren und maximal breiter Streuung hat die ETFs erfolgreich gemacht. „ETFs sind die beste Erfindung in der Finanzdienstleistung seit dem Geldautomaten“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Seit dem Start des ETF-Handels auf Xetra Mitte April 2000 floss immer mehr Geld in sie. Ende 2024 betrug das verwaltete Vermögen der auf Xetra handelbaren ETFs 1,73 Billionen Euro. In den vergangenen zehn Jahren nahm es mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 17 Prozent zu. Stephan Kraus, Leiter des ETF-Segments der Deutschen Börse, geht davon aus, dass das ETF-Vermögen auch in Zukunft mit ähnlich hohen Wachstumsraten zunehmen wird. Ein Erfolgsfaktor hierbei sind die ETF-Sparpläne, die vor allem junge Anleger nutzen, um fürs Alter vorzusorgen.
Die beiden ersten ETFs auf Xetra bildeten die Referenzindizes Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 50 nach, also die nach Marktkapitalisierung 50 größten Unternehmen in der Eurozone und in Europa. Der Startzeitpunkt war vergleichsweise ungünstig: einen Monat zuvor war die Dotcom-Blase geplatzt, die Märkte benötigten Jahre, um sich von dem Tech-Ausverkauf zu erholen. Es folgten weitere Krisen: der 11. September 2001, die Finanzkrise, die Eurokrise, der Corona-Crash. Der Beliebtheit der ETFs als Anlagevehikel konnte das jedoch keinen Abbruch tun, sie gingen aus jeder Krise gestärkt hervor. Es spricht einiges dafür, dass sie das auch nun angesichts der Zoll-Turbulenzen tun werden. Verbraucherschützer Nauhauser findet es insofern „ehrlicher“, als das Jubiläum in diesem Umfeld passiert statt während eines Allzeithochs der Märkte. „Aktien-ETFs bedeuten immer auch Risiko, deswegen gibt es ja auch mehr Rendite.“ Selbst wer breit diversifiziert an der Börse investiere, „muss damit rechnen, dass sich die Märkte zwischenzeitlich halbieren. Das muss man aushalten können“. Langfristig erholten sich die Märkte jedoch wieder. Die Tatsache, dass viele Anleger auch in Krisen weiter auf ETFs setzten, zeige „offensichtlich, dass man einigen Verbrauchern nicht mehr vorgaukeln kann, dass aktives Management sich lohnt.“
Mittlerweile sind auf Xetra knapp 2400 verschiedene ETFs gelistet. Die volumenmäßig größten bilden verhältnismäßig breit gestreute Indizes nach wie den populären MSCI World oder den Euro Stoxx 50. Im Laufe der Jahre hat die Finanzindustrie allerdings immer speziellere ETFs aufgesetzt. So entstanden Rohstoff-ETFs, ETFs mit Hebel oder auch Short-ETFs, also Fonds, die steigen, wenn die Kurse fallen. Es gibt Sektor- und Themen-ETFs, beispielsweise zur Automobilindustrie oder zum Thema Raumfahrt. Jeder achte an Xetra gehandelte Aktien-ETF ist ein Themen-ETF. Mit der ursprünglichen Idee des Produkts, passiv dem breiten Markt zu folgen, hat das nichts mehr zu tun. „Das sind rein spekulative Anlageideen“, sagt Verbraucherschützer Nauhauser. Als Anleger sei man gut beraten, diese Modethemen-ETFs links liegen zu lassen.
Die neueste ETF-Mode sind derzeit übrigens aktive ETFs. Die Mischung aus aktiver Anlagestrategie in einer ETF-Hülle soll in turbulenten Marktphasen besser performen als das passive Pendant, so das Versprechen. Insofern wäre nun ein guter Zeitpunkt, das unter Beweis zu stellen.