Angefangen habe alles vor vor vier Jahren, blickt Kilian Sauer zurück. Etwas überraschend wurden seiner Familie damals einige Krainer Steinschafe zum Kauf angeboten. Kilian Sauer studierte gerade Pferdewirtschaft in Nürtingen – über Schafe hatte er sich „noch nie Gedanken gemacht“. Er fuhr hin und schaute sich die Tiere an. Kurz darauf war die Idee geboren, eine „Streuobstschäferei“ zu betreiben. Und tatsächlich fanden sich schnell Streuobstwiesen-Besitzer die gerne bereit waren, die mühselige Aufgabe des Mähens lieber den Schafen zu überlassen. Zumal das Abweiden auch noch andere Vorteile bietet: „Die Artenvielfalt wird größer, die Wiese sieht nachher grüner aus“, sagt Kilian Sauer.
Der Biodünger kommt sehr gut an
Die allererste, die sich voller Enthusiasmus auf eine Anzeige hin meldete, war Birgitt Kollmann aus Ostfildern-Nellingen. „Unser Wiesenstück heißt sogar Schafbaum“, berichtet sie. Bei Gewitter habe früher wohl ein Schäfer seine Tiere immer dorthin getrieben. Birgitt Kollmann freut sich jedes Mal, wenn die kleine Herde auf ihrer Wiese zu Gast ist. Und sie ist begeisterte Abnehmerin des Biodüngers, den die Familie Sauer aus Schafwolle herstellt.
Denn einmal im Jahr müssen die Tiere von ihrem dicken Wollpelz befreit werden. Das sei auch ein Tierschutzaspekt, sagt Kilian Sauer. Diesmal hat er beim Scheren selbst Hand angelegt. „Für eine so kleine Herde einen Scherer herzubekommen, ist schwierig“, berichtet der 29-Jährige. Und so besuchte er kürzlich einen Scher-Lehrgang des Landesschafzuchtverbandes und schaffte eine Schermaschine an – auch mit dem Hintergedanken, das Scheren künftig bei anderen Hobbyzüchtern übernehmen zu können. „Ich arbeite gern mit Tieren“, sagt Kilian Sauer. Und so wurden diesmal alle Schafe in Eigenregie geschoren, mit tatkräftiger Unterstützung der Familie.
Abnehmer gebe es für die Wolle indes kaum, bedauert Kilian Sauer. „Bei den robusten Schafrassen ist sie weniger fein als bei Merinoschafen.“ Zudem sei kaum Infrastruktur vorhanden, um so kleine Mengen an Wolle weiter zu verarbeiten. Deshalb stellen die Sauers aus der geschorenen Wolle vor allem Düngerpellets her, die bei der Kundschaft prima ankommen. Guten Gewissens können Schafliebhaber auch die verschiedenfarbigen kuschligen „Felle“ erstehen, die von Mutter Simone Sauer in Handarbeit gefilzt werden. Keinem Schaf werde dafür etwas angetan, heißt es dazu auf der Website.
Kilian Sauer arbeitet ohne Hütehund oder festen Stall
Die feingliedrigen Krainer Steinschafe stammen ursprünglich aus dem Bergland in Slowenien und gelten als widerstandsfähig und genügsam. Dass sie zudem sehr menschenbezogen und zutraulich sind, schätzt Kilian Sauer ganz besonders. Da er ohne Hütehund oder festen Stall arbeitet, ist ein problemloser Umgang mit den Tieren wichtig. So etwa, dass sie ohne viel Aufhebens in den Anhänger steigen, wenn der Umzug zu einer neuen Weide ansteht. Optisch kommen die Krainer recht bunt daher: Es gibt sie in weiß, schwarz oder gefleckt, viele haben eine sogenannte Gemszeichnung am Kopf. Ergänzt wird die kleine Herde durch einige rotbraune Coburger Fuchsschafe.
In die Versorgung der Tiere ist die ganze Familie involviert: „Die Schaf- Euphorie hat uns alle erfasst“, sagt Pirmin Sauer und lacht. Er arbeitet, wie sein Bruder Kilian, in einem Autohaus in Dettingen. Ebenfalls ein Schaf- Fan ist Vater Reinhart Sauer, der – neben seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt – zwei bis dreimal täglich auf der Weide nach dem Rechten schaut. „Die Tiere strahlen so eine Ruhe aus“, schwärmt er.
Zuweilen sind die Schafe auch pädagogisch tätig: Mutter Simone Sauer arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten im Ostfilderner Teilort Kemnat und pilgert ab und an mit einer Kindergruppe zur Weide. Die beruhigende Magie der Schafe wirkt offenbar auch auf die Kleinen: Ganz vorsichtig bewegen sie sich auf der Weide, um die Tiere nicht zu erschrecken.
Weitere Informationen unter: https://wieseundwolle.de/
Ideal für die Landschaftspflege
Schafrassen
Schafe gehören zu den frühesten Nutztieren, die der Mensch einst domestizierte. Bereits in Pfahlbauten der Jungsteinzeit wurden Überreste des „Schweizer Torfschafs“ gefunden. Das in Slowenien beheimatete Krainer Steinschaf stammt vom Torfschaf ab und gilt damit als eine der ursprünglichsten Schafrassen in Europa.
Rote Liste
Heute stehen Steinschafe auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen. Ebenfalls als gefährdet gilt das Coburger Fuchsschaf, das durch seine aparte rotbraune Farbe auffällt.
Herde
Aus Tieren der beiden Rassen setzt sich Kilian Sauers Schafherde zusammen, die sommers wie winters die Streuobstwiesen um Ostfildern abgrast. Für die Landschaftspflege seien Krainer Steinschafe oder auch Coburger Füchse ideal, sagt der Schafhalter: „Sie haben eine robuste Gesundheit und sind genügsam“. Die größere Gruppe besteht aus 19 Mutterschafen und fünf Lämmern, in der kleineren „Männergruppe“ sind sechs Schafböcke versammelt. Für Spaziergänger sind die Tiere eine Attraktion. „Und wenn mal etwas nicht stimmt mit dem Elektrozaun oder einem Schaf rufen die Leute an, und wir erfahren das schnell“.