In der Steppe Kasachstans haben Archäologen die Relikte einer 140 Hektar großen Bronzezeit-Metropole Semiyarka entdeckt – der größten der gesamten Region.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Das Bauen und Werkeln ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Bob den Baumeister gab es schon in der Urzeit.

 

Baumeister am Tanganjikasee

Rückblick: Vor 476.000 Jahren lebte eine Homo-erectus-Gruppe – frühe Vorfahren des modernen Menschen – am Ufer der Kalambo-Wasserfälle an der Grenze zwischen dem heutigen Sambia und Tansania im Gebiet des gewaltigen Tanganjikasees (englisch: Lake Tanganyika). Sie nutzten herumliegendes Holz, um damit zu bauen.

Am Südostufer des Tanganjikasee finden Paläontologen im September 2023 Überreste von Holzstämmen gefunden, die offenbar genau für diese Baumaßnahme verwendet wurde.

Mega-Stadt in der Steppe

Millenien später: In der Steppe Kasachstans entdecken Archäologen die Relikte einer 140 Hektar großen Bronzezeit-Metropole – der größten der gesamten Region -, die sie Semiyarka tauften. Die 3600 Jahre alte Siedlung umfasst wie auf dem Reißbrett entworfene Hausreihen, ein größeres Gebäude und zahlreiche Werkstätten zur Bronzeherstellung.

 Ausmaß und Struktur dieser Steppenstadt seien einzigartig für diese Zeit und Gegend, berichten die Forscher. Und was besonders bemerkenswert ist: Die Gründer dieser Siedlung kamen aus einer nomadischen Kultur.

Diese 1972 erstellte Aufnahme eines Spionagesatelliten zeigt Struktur und Größe von Semiyarka. Foto: © Radivojevic et al.

Neolithische Revolution: Bauer und Baumeister

Schon früh in der Geschichte haben Menschen befestigten Orte errichtet, wie die Kultstätte von Göbkeli Tepe in der Türkei, die Siedlung Motza in Israel, monumentale Bauten in der arabischen Wüste oder Ringbauwerke aus der Bronze- und Eisenzeit in Europa beweisen.

Größere Bauten aus der Jungsteinzeit (rund 9500 bis 2000 v. Chr) zeigen, dass der Mensch mit Beginn der Neolithischen Revolution nicht nur zum Bauern, sondern auch zum Baumeister wurde. Umstritten war bisher, wann der Wandel vom Jäger und Sammler zum sesshaften Architekten stattgefunden hat.

Göbekli Tepe (türkisch für „bauchiger Hügel“) ist der Name einer geographischen Erhebung in der Türkei, auf der seit jüngerer Gegenwart die derzeit ältesten bekannten Großbauten der Menschheit archäologisch untersucht werden. Foto: Imago/Anadolu Agency

Brutstätte für revolutionäre Innovationen

Ob Skythen, Mongolen oder die Jamnaja-Kultur (englisch: Yamnaya culture) – auch Grubengrab-Kultur (englisch: Pit grave culture) genannt – und ihre frühen Vorfahren: Die heute dünn besiedelten Steppen Zentralasiens waren Brutstätte für revolutionäre Innovationen und Kulturen.

Die Nomaden zähmten und züchteten die ersten Pferde, erfanden das Rad und entwickelten die indoeuropäische Sprache. In der Bronzezeit brachten nach Europa vordringende Reiternomaden den Vorfahren der heutigen Europäer einen kulturellen Entwicklungsschub.

Detailansicht einer Hirschstein genannten Steinstele aus der späten Bronzezeit: Der Stein ist mit Gravuren von Tieren und Mustern verziert, die Schmuckstücke und Gürtel darstellen könnten. Er diente möglicherweise als Grabstein für einen Skythenkrieger in der heutigen Mongolei. Foto: Imago/GFC Collection

Das Erbe von Amnya I

In den vergangenen Jahren haben Archäologen immer wieder spektakuläre und bestens strukturierte Siedlungen in der Steppe entdeckt. Diese Steppenstädte entstanden vor rund 4000 Jahren wie aus dem Nichts in den Weiten Zentralasiens – wie beispielsweise Amnya I. Im Jahr 2023 fand man in der Taiga zwischen dem Ural und den Flüssen Jenissei, Dnister, Bug und Ural in der Pontischen Steppe mehrere Siedlungen aus neolithischer Zeit.

Funde aus Semiyarka. Foto: Durham University

140 Hektar große Steppenstadt

Die bisher größte Steppenstadt der Bronzezeit hat jetzt ein Spatenforscher-Team um Miljana Radivojevic vom University College London entdeckt. Sie hatten eine Fundstätte in Kasachstan näher untersucht, in der schon vor rund 25 Jahren rund 3600 Jahre alte Relikte von Häusern ausgegraben wurden.

Schon damals sorgten die rund einen Kilometer langen Reihen von regelmäßig angeordneten, rechteckigen Baufragmenten für Aufsehen. Wie groß diese Siedlung wirklich war, blieb zunächst unklar.

Stadt der „Sieben Schluchten“

Bis heute. Neue Analysen enthüllen Unglaubliches: Semiyarka war sehr viel größer als ursprünglich angenommen. Die auf einem Vorsprung oberhalb des Flusses Irtysch gelegene Bronzezeit-Stätte erstreckte sich über rund 140 Hektar. Sie ist damit die größte bekannte Stadt aus dieser Zeit und Region.

Der Name Semiyarka bedeutet „Sieben Schluchten“ und leitet sich von dem Netzwerk von Tälern ab, das die Siedung von ihrer strategisch günstigen Lage aus überblickte.

Artefakt von der Forschungsstätte Semiyarka in der kasachischen Steppenregion. Foto: Durham University

Prähistorische Reihenhäuser, geplant wie am Reißbrett

„Dies ist eine der bemerkenswertesten archäologischen Entdeckungen in dieser Region seit Jahrzehnten. Das Ausmaß und die Struktur von Semiyarka sind einzigartig. Es war ein echtes urbanes Zentrum‘ der Steppe“, sagt Radivojevic.

Die rechteckigen Häuser waren in zwei Reihen und regelmäßigen Abständen angeordnet, genauso wie bei einer modernen Reihenhaussiedlung. Die beiden Häuserreihen trafen sich in einem flachen Winkel.

Die Fundamente der Wohnhäuser sind von rund einen Meter hohen Erdwällen umgeben. „Solche Wälle um einzelne Strukturen statt der gesamten Siedlung sind bislang einzigartig“, schreiben die Archäologen im Fachjournal „Antiquity Project Gallery“.

„Hohes Maß an architektonischem Planen“

Die hinter den Erdwällen liegenden, dicken Hauswände waren aus Lehmziegeln erbaut, das Gebäudeinnere war zudem in mehrere Innenräume aufgeteilt. „Diese Struktur deutet auf ein hohes Maß an architektonischem Planen hin“, schreiben Radivojevic und ihr Team.

Im Fokus der beiden Häuserreihen stand ein größeres Gebäude, rund doppelt so groß wie die übrigen Gebäude. Möglicherweise handelte es sich um einen Versammlungsraum, ein Ritualort oder das Haus einer mächtigen Familie.

„Die rechtwinkligen Gehöfte und das potenziell monumentale Gebäude zeigen, dass die bronzezeitlichen Gemeinschaften hier fortschrittliche, geplante Siedlungen entwickelten, ähnlich wie ihre Zeitgenossen in traditionelleren ,urbanen‘ Teilen der alten Welt“, erklärt Koautor Dan Lawrence von der Durham University.

Semiyarka in der kasachischen Steppenregion. Foto: Durham University

„Zentrum für die metallurgische Produktion“

Doch Semiyarka war nicht nur eine Siedlung für Bauern, sondern auch ein Zentrum der bronzezeitlichen Industrie. Davon zeugt eine spezielle Zone am südöstlichen Ende der Steppenstadt. Dort entdeckten die Archäologen zahlreiche Erzreste, Schmelztiegel, Schlacke, Gießabfall und fertige Bronzeobjekte.

Menge und Verteilung der metallurgischen Relikte deuten auf vielfältige Anlagen zur Produktion von Zinnbronze hin, der wichtigsten Bronzelegierung der Bronzezeit, wie Radivojevic und ihr Team erläutern.

„Unsere Funde legen nahe, dass Semiyarka ein hochorganisiertes Zentrum für die metallurgische Produktion war“, konstatieren die Archäologen. Das sei ein unerwarteter Fund für die eurasische Steppe.

Denn bisher wurden zwar viele Zinnbronzeobjekte in der Steppe gefunden. Aber nur in einer weiteren Siedlung, dem spätbronzezeitlichen Bergbauort Askaraly im Osten Kasachstans, hat man Hinweise auf eine ähnliche Herstellung der Zinnbronze gefunden.

5000 Jahre alte verkohlte Gerstenkörner aus der Südtürkei. Foto: Imago/Anadolu Agency

Industrie mitten in der Steppe

„Semiyarka widerlegt bisherige Annahmen, nach denen die halbnomadischen Steppengemeinschaften keine strukturierte metallurgische Ökonomie besaßen“, resümieren die Forscher.

In der kasachischen Steppenstadt gab es einen ganzen Stadtteil, welcher der Herstellung von Zinnbronze gewidmet war. Das deutet auf eine hoch organisierte Industrie dieses begehrten Metalls hin. Die Rohstoffe für diese Bronze stammten wahrscheinlich aus Kupfer- und Zinnvorkommen im angrenzenden Altai-Gebirge.

Bis heute leben viele Bewohner im Altai-Gebirge halbnomadisch mit ihren Herden. Foto: Imago/Xinhua

Neuer Blick auf nomadische Kulturen

Semiyarka wirft ein neues Licht auf die Entwicklungen in jener Ära beginnender Zivilisation, als lokale Nomadengemeinschaften dauerhafte, urbanisierte Siedlungen gründeten.

 „Dies zeigt, dass mobile Gemeinschaften in der Lage waren, dauerhafte, organisierte Siedlungen zu errichten und zu erhalten – mitsamt einer groß angelegten metallurgischen Industrie“, sagt Radivojevic.