50 Jahre Klett-Passage Stuttgart Konsumtraum in Orange – als „die Klett“ noch todschick war

1976 waren diese Arbeiter auf der unteren Königstraße noch mit dem Abgang in die Klett-Passage beschäftigt. (Archivbild) Foto: imago/Horst Rudel

Vor 50 Jahren eröffnete die Klett-Passage in Stuttgart als hypermoderne Ladenzeile unter Tage. Früher shoppte man hier länger als überall sonst. Heute ist der Glanz verblasst.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Nein, in Begeisterungsstürme bricht heute niemand aus, wenn er in den Bauch des Bahnhofsvorplatzes hinuntersteigt. Bei der Klett-Passage ist der Lack ab – und das schon seit Jahren. Wie anders war das am 9. April 1976, als die unterirdische Ladenpassage zwischen Bonatz- und Hindenburgbau eingeweiht wurde.

 

Stuttgart hat eine Attraktion bekommen, die des Partners der Welt würdig ist.“ Kleiner machte es Oberbürgermeister Manfred Rommel damals nicht. Vielleicht sogar mit Recht: Fünf Jahre lang war vor dem Hauptbahnhof gebuddelt worden. Und nach fast 90 Jahren, in der die Straßenbahnen über den Bahnhofsvorplatz geruckelt waren, verschwanden sie 1976 in den Untergrund.

Sich unter Tage zurecht zu finden, das hatten die Stuttgarter am Charlottenplatz bereits eingeübt. Hier fuhren die Straßenbahnen schon seit 1967 unterirdisch. Und wer das Charlottenplatz-Labyrinth fehlerfrei passieren konnte, für den war die deutlich übersichtlichere Mega-Haltestelle „Hauptbahnhof/Arnulf-Klett-Platz“ ein Klacks. Unter dem Arnulf-Klett-Platz entstand eine ganze Transitwelt: Ganz unten verkehrten ab 1978 die S-Bahnen. Im mittleren Geschoss die „Strampe“. Und oben sollte auf 9400 Quadratmetern konsumiert werden, was der Geldbeutel hergab.

Die Klett-Passage bekam einen Look in der Trendfarbe Orange

Orange war in den 1970er Jahren die Trendfarbe schlechthin. Da war es nur folgerichtig, dass auch das „bundesweit modernste und größte Fußgängergeschoss“ in diesem hippen Farbton getüncht wurde. Benannt wurde die Ladenpassage nach Arnulf Klett, Stuttgarts Langzeit-OB, der zwei Jahre zuvor während eines Kuraufenthalts auf der Bühlerhöhe gestorben war. 93 Millionen D-Mark kostete das komplette Projekt, davon flossen zehn Millionen in die Passage.

Deko und Schreibwaren shoppen bis 22 Uhr – das ging bei Steinmann. (Archivbild) Foto: Kraufmann

Tausende kamen schon am Eröffnungstag, die Musikkapelle der Polizei spielte auf und „der Strom der Zuschauer wälzte sich in die neuen Geschäfte, von denen die meisten bald wegen Überfüllung zeitweise schließen mussten“, hieß es in dem Bericht der Stuttgarter Zeitung. Ein begeisterter Redakteur witterte gar „ein Pariser Lüftchen in der neuen Unterwelt“.

Was „die Klett“ aber besonders attraktiv machte: Die rund 30 Geschäfte – darunter Filialen von Schuh Braun, Sport Entress oder dem Schreibwaren- und Geschenkeladen Steinmann – hatten bis 22 Uhr geöffnet. Bis spät am Abend konnte man hier noch Lebensmittel einkaufen, Schuhe shoppen, Papeterie-Produkte erstehen. Ein erster Geländegewinn im ewigen Kampf ums Ladenschlussgesetz.

Was vergessen? Ab in „die Klett“

Wem abends siedend heiß einfiel, dass er beim Einkaufen etwas vergessen hatte, der sauste noch kurz in „die Klett“. Zehn Jahre lang verteidigte OB Rommel die Stuttgarter Ausnahmegenehmigung immer wieder auch vor Gericht, bis 1986 ein neues Gesetz Rechtssicherheit brachte.

Als die Passage 1996 schließlich 20 Jahre alt wurde, sprach man in der Landeshauptstadt schon von Stuttgart 21. Frank Steinmann, dem damaligen Vorsitzenden der Mietervereinigung der unterirdischen Einkaufsmeile, schwebte vor, die Klett-Passage werde einst als „Scharnier zwischen dem neu zu erstellenden Stadtteil und der alten City“ fungieren. Gewartet wird darauf – wie auf die Eröffnung des Tiefbahnhofs – bis heute.

2012 sorgte dieser Fuchs in der Klett-Passage für Unverständnis. (Archivbild) Foto: PPfotodesign

Weil der ganz große Modernisierungswurf in Sachen Klett-Passage nicht kommen wird, bevor der Tiefbahnhof in Betrieb ist, gibt es seit langem nur noch überschaubare Versuche, „die Klett“ aufzuhübschen.

Der ein oder andere dürfte sich noch an die Schaukästen aus Plexiglas erinnern, die in den Nuller- und den 2010er Jahren an den Abgängen zu den Stadtbahnen installiert wurden und in denen Kunst ausgestellt wurde. 2012 gab es ein mittleres Skandälchen, als eine Künstlerin einen ausgestopften, aufgeschlitzten Fuchs, der seine Gedärme präsentierte, in einen solchen Kasten steckte. Viele, die durch die Passage eilten, fanden den Anblick verstörend. Ein Leserbriefschreiber aber bemerkte süffisant, man müsse den Fuchs mit der Umgebung als Gesamtkunstwerk verstehen: In der „verdreckten, verrauchten und farblich zu grell geratenen Passage“ passe der Fuchs in den Kontext. 

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