50 Jahre Stammheim Being Gudrun Ensslin

RAF heißt Lesen, Lesen, Lesen: Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Foto: Picture alliance / ASSOCIATED PR/STR

Ein Roman aus der Perspektive von RAF-Terroristin Gudrun Ensslin? Das hat Stephanie Bart gewagt. Eine Begegnung mit einer mutigen Autorin.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Die Erzählstimme durchdringt Raum und Zeit, mal ist sie kollektiv, mal allein; sie kennt die Gedanken eines in Heidelberg stationierten GI, kurz bevor dessen Vorgesetzter bei einem RAF-Bombenanschlag zerfetzt wird; Begriffe wie „Ausrottungsstrategen“ für die Verantwortlichen des Vietnamkrieges gehen ihr so leicht über die Lippen wie die juristischen Stilblüten des Richters Theodor Prinzing, der bis zu seiner Ablösung nach dem 85. Befangenheitsantrag den Stammheim-Prozess leitete, Wortungetüme wie „Ausschlussbeschluss“ oder „Unverzüglichkeitsdatum“; sie schweift zurück in die Idiome der Bauernkriege und voraus auf die Kampfplätze der globalisierten Welt, wo die Mitarbeiter des taiwanesischen Chipherstellers Foxconn aus Verzweiflung über die Arbeitsbedingungen ihrem Leben ein Ende setzen; und sie träumt die Träume der in Stammheim Inhaftierten – auch ihren letzten, in dem Männer mit weißen Handschuhen einen Mord begehen und als Selbstmord tarnen. Der Geist der Erzählung ist der Geist Gudrun Ensslins.

 
Stephanie Bart Foto: Matthias Bezzel

An einem Nachmittag in Frankfurt sitzt er einem gegenüber – in Gestalt der Schriftstellerin Stephanie Bart. Wenn ein Verlag für ein Buch mit dem Hinweis wirbt, dass es ein Rechtsanwalt geprüft und nichts gegen dessen Veröffentlichung einzuwenden habe, kann man davon ausgehen, dass es sich dabei um brisanten Stoff handelt. Und das ist bei der „Erzählung zur Sache“ der in Esslingen geborenen Autorin gleich in mehrfacher Hinsicht der Fall. Man spricht gerne davon, etwas sei auserzählt. Wie wenig das für die RAF-Geschichte zutrifft, wird schon daran deutlich, wie schnell sie bei der Hand ist, wenn es darum geht, beispielsweise den Aktionen der Letzten Generation einen Deutungsrahmen zu geben.

Provozierend parteiisch

Es erfordert Mut, dem einschüchternden Komplex der RAF-Literatur heute, ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen, noch etwas hinzufügen zu wollen. So allerdings, wie bei Stephanie Bart, hat man darüber noch nicht gelesen. Was daran liegt, dass sie sich nicht von außen nähert, sondern von innen. „Erzählung zu Sache“ ist ein Buch über Gudrun Ensslin. Doch hier werden keine biografischen Zusammenhänge rekonstruiert, nicht die Geschichte von der intelligenten schwäbischen Pfarrerstochter, die zur Terroristin wurde. Man könnte die Arbeitsthese in Anlehnung an einen Filmtitel umschreiben: „Being Gudrun Ensslin“. Und natürlich weicht dieser Blick eklatant von einer eingespielten historischen Einordnung ab. Er ist provozierend parteiisch, allerdings nicht im Sinne missionarischer Überzeugungen, sondern im Dienst einer Darstellungsstrategie.

„Wie soll man einen Roman über Gudrun Ensslin schreiben, ohne deren Perspektive darzustellen?“, fragt die Autorin, die sechseinhalb Jahre damit verbracht hat, sich das theoretische Fundament jener revolutionären Praxis anzueignen, die in den Siebzigerjahren in den sogenannten Deutschen Herbst mündete, mit Toten auf allen Seiten. Es gibt vieles, was zutiefst befremden könnte, würde man den Roman als Sprachrohr und nicht als kunstvoll konstruierte Echokammer verstehen: Das über Leichen gehende Sendungsbewusstsein, dessen autoritäre Überzeugtheit eine Haltung reproduziert, gegen die sich der antifaschistische Impetus eigentlich richten sollte.

Stephanie Bart treibt ihre Erzählung durch das Material. Die radikale Innensicht hat ein dokumentarisches Widerlager. Statt Einfühlung könnte man ihr Verfahren als Einlesung beschreiben. „Lesen hilft immer. Lesen ist Weltaneignung, Begreifen, Rückeroberung, Lesen kann im Denken vom Schritt zum Sprung werden, Gudrun las, Andreas las, Jan las, Irmgard las, RAF heißt auch Lesen, Lesen, Bewusstsein, Bewusstsein, Handlungsfähigkeit.“ So heißt es in dem Roman, dessen knapp 700 Seiten seinerseits die Lesebereitschaft ebenso stimulieren wie provozieren.

Vor zehn Jahren hat Stephanie Bart mit „Deutscher Meister“ Aufsehen erregt, der Geschichte des Boxers Johann Rukelie Trollmann, der 1933 von den Nationalsozialisten um seinen Titel gebracht wurde, weil er Sinto war. So, wie sie darin der NS-Ideologie gewissermaßen bei der sprachlichen Arbeit zugeschaut hat, entfaltet sie nun die Ideenwelt der RAF.

Juristisches Trauerspiel

In der radikalen Verneinung einer vom Kapital besessenen Welt irrlichtern religiöse Motive, als wären Marx-Lesekreise das materialistische Pendant zu den Bibelgruppen, die Gudrun Ensslin früher geleitet hat. „Ich aber sage euch“ – in diesem hohen Ton verkündet die RAF ihre kollektivistische Lehre. Womöglich hätte man schon bald vor dem anmaßend-doktrinären Gestus dieser in sich geschlossenen Weltdeutung kapituliert, wenn diese „Erzählung zur Sache“ die penibel recherchierte Gemengelage aus marxistischer Theorie, Terror und bundesdeutscher Justizgeschichte nicht in einem gewaltigen Sprachkunstwerk aufheben würde.

Im Zentrum steht das juristische Trauerspiel des Stammheimer Prozesses, das sich über 400 Seiten zieht. Auch hier verfährt Stephanie Bart streng dokumentarisch. Erstmalig werden Tonaufnahmen des Prozesses literarisch verarbeitet. „Diese Aufzeichnungen sind mit großem Abstand die faszinierendsten historischen Dokumente, die ich jemals in der Hand gehalten habe. Es passiert darin so viel Exemplarisches, etwa im Hinblick auf das zentrale Thema Folter.“ Der Sprache des Widerstands fällt die Sprache der Macht ins Wort, die, um den Rechtsstaat zu verteidigen, dessen basale Prinzipien außer Kraft setzt, Befangenheitsanträge verschleppt, die Rechte der Angeklagten missachtet und die Gewaltenteilung unterläuft.

Die Letzte Generation in einer ausgepowerten Welt

Teil des Prozesses ist die „Erklärung zur Sache“ der Stammheimer Gefangenen, auf die der Romantitel anspielt: Im Januar 1976 wurde sie vorgetragen, knapp 200 Seiten, auf denen die RAF ihr Handeln begründet. Bart inszeniert dieses Manifest als Tragödie mit Chor, der die Analyse bis in eine Gegenwart verlängert, in der eine Handvoll transnationaler Konzerne eine ausgepowerte Welt beherrschen. Und auch das ist befremdlich: dass man dieser Diagnose mit Blick auf den heutigen Stand der Dinge Triftigkeit nicht absprechen kann.

„Viele spüren heute, dass es so nicht mehr weitergeht, diese Angst schwelt überall, dass der Stoffwechsel des Kapitals nicht kompatibel ist mit dem Stoffwechsel des Ökosystems.“ Damit wäre man bei der Letzten Generation angekommen. „Den Klimaaktivisten geht es darum, die Reproduktionsfähigkeit der Erde zu schützen, die die Voraussetzung für unser aller Leben ist. Wenn deren Störungen der öffentlichen Ordnung massiver werden, wird es wohl nicht mehr lange dauern, und wir haben wieder Fahndungsplakate.“

Schließlich die Stammheimer Todesnacht. Der offiziellen Version des Selbstmords setzt die literarische Traumarbeit des Romans den Mord entgegen. Heikles Terrain. Der frühere, mittlerweile 86-jährige RAF-Anwalt Kurt Groenewold bescheinigt dem Roman eine verblüffende Authentizität – die Mordthese teilt er nicht. Stephanie Bart hat sich für das Schlusskapitel den Obduktionsbericht angeschaut und die Nachforschungen der Angehörigen. „Es gibt so viele Ungereimtheiten. Die staatlichen Ermittlungen sind voller Widersprüche.“ Und sie verweist auf einen anderen RAF-Anwalt, den späteren deutschen Innenminister Otto Schily: Als er 2017 gefragt wurde, Mord oder Selbstmord, antwortete er, da seien noch viele Fragen offen.

„Ich schreibe nicht, um zu sagen: So war es. Sondern um den Leserinnen und Lesern etwas an die Hand zu geben, mit dem sie die Wirklichkeit besser verstehen können. Was sie daraus machen, darauf habe ich keinen Einfluss.“

Stephanie Barts kühner Roman ist keine Apologie, sondern eine Herausforderung. Statt auf Unterweisung zielt er auf Widerspruch. Und vielleicht ist das die vornehmste Aufgabe der Literatur: zu verunsichern, Ambivalenzen zu produzieren, Sprachgewohnheiten zu hinterfragen. Lesen hilft immer, so weit kann man der RAF auf jeden Fall folgen.

Stephanie Bart: Erzählung zur Sache. Roman. Secession Verlag. 680 Seiten, 28 Euro.

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