Dieser Tage jährt sich die Bauernkriegsschlacht am Goldberg zum 500. Mal. Böblingen erinnert daran mit einer monumentalen Denkmal-Säule des Künstlers Peter Lenk. Am Freitag wurde sie feierlich enthüllt.
Robert Krülle
11.05.2025 - 12:38 Uhr
Das schöne Wetter mag seinen Teil beigetragen haben – doch unabhängig davon zeigte sich das große Interesse der Bürgerschaft am Denkmal „Gesichter des Bauernkriegs“, als es am Freitagabend enthüllt wurde. Geschätzt an die 500 Bürgerinnen und Bürger, darunter viele Kulturengagierte und Stadträte, kamen an den südlichen Rand des Oberen Sees, um bei der Einweihung dabei zu sein, und bevölkerten den Bereich zwischen Bootshaus und Spielplatz.
Zu Beginn der Veranstaltung war die zehn Meter hohe Säule noch in Plastikplanen gepackt. Nach einigen einführenden Worten und Reden ließ sich Oberbürgermeister Stefan Belz gegen 19 Uhr mit einem Hubwagen zur Spitze des Denkmals fahren und zog unter dem Jubel des Publikums die Verdeckungen ab. Nun steht da mitten im Stadtgarten eine riesige, mehrteilige Gedenksäule, die auf verschiedenen Tafeln und Ebenen Szenen des Bauernkriegs zeigt und so die Historie greifbar machen soll.
Von einem „Zeichen lebendiger Erinnerungskultur“ sprach OB Belz in einer Rede. Am Beispiel des Bauernkriegs könne man sich grundsätzliche Gedanken über Geschichtsschreibung machen. „Man muss sich immer wieder fragen: Wem nützt diese oder jene Darstellung?“ Wie erinnern sich Sieger einer Auseinandersetzung, wie die Unterlegenen? Fragen, mit denen sich auch die parallel am Freitag und Samstag laufende öffentliche wissenschaftliche Tagung auseinandersetzte. „Das Denkmal von Peter Lenk verleiht den Akteuren des Bauernkriegs ein Gesicht“, stellte Belz fest und berichtete, dass bislang bereits 167 000 Euro an Spenden aus der Bürgerschaft und von Unternehmen zusammengekommen seien. Ziel ist es, die Denkmal-Gesamtkosten von 350 000 Euro zur Hälfte durch Spenden zu finanzieren – viel fehlt nicht mehr.
OB Stefan Belz bei seiner Rede Foto: Eibner-Pressefoto/Maxi Saier
Peter Grohmann, Stuttgarter Kabarettist und Autor, hielt die Laudatio. Als er zu sprechen begann, wähnte man sich kurz auf einem mittelalterlichen Marktplatz, womöglich kurz bevor die Bauern in die Schlacht ziehen – so wortgewaltig und pointiert legte Grohmann los. Er mahnte, dass die Gesellschaft aktuellen Widrigkeiten standhalten müsse – so wie dieses Denkmal allem standhalten werde. Er erinnerte an Kunstschaffende und Journalisten, die in autoritären Staaten verfolgt und eingesperrt würden. Er rief die massiven Ungerechtigkeiten vor 500 Jahren ins Gedächtnis, als die Bauern von den Obrigkeiten ausgepresst wurden, ehe sich der Aufstand entwickelte. Grohmann transportierte die zwölf Artikel, in denen die Bauern ihre Forderungen formulierten, ins Heute und polterte: „Am wichtigsten ist Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, verdammt noch mal!“ Der 87-Jährige lobte Lenk, der die Probleme „ans Tageslicht ziehen“ würde. Und er appellierte an die Zuhörerschaft: „Sorgt dafür, dass niemand, der für seine Rechte kämpft, allein bleibt!“
Peter Lenk selbst trat während des Eröffnungsprogramms aktiv nicht in Erscheinung, sprach keine Worte und hielt sich eher abseits auf. Und doch war der Bildhauer vom Bodensee mit seinem schlohweißen Haaren, dem mächtigen Schnauzbart und der weißen Kappe gut sichtbarer Mittelpunkt der Veranstaltung. Mit seinen provokant-satirischen Skulpturen wie der „Imperia“ in Konstanz oder dem „Schwäbischen Laokoon“ in Stuttgart ist er bekannt geworden, nun hat er für Böblingen eine tonnenschwere Gedenksäule geschaffen, die Schlüsselszenen des Bauernkriegs zeigt – mit all ihrer Brutalität.
Laudator Peter Grohmann Foto: Eibner-Pressefoto/Maxi Saier
Da werden die Bauern am Fuße des Goldbergs vernichtend geschlagen, da wird der Graf von Helfenstein in der Bluttat von Weinsberg durch Speere getrieben oder der Bauernführer Melchior Nonnenmacher zur Strafe am Tag nach der Schlacht bei Böblingen bei lebendigem Leib verbrannt. Ganz oben auf dem Denkmal steht die lebensgroße Figur des Truchsess von Waldburg, der als „Bauernjörg“ große Grausamkeit gegen die Aufständischen zeigte. In Böblingen trägt er Geldsäcke in den Händen – Lenks Hinweis auf die Raffgier des brutalen Heerführers.
Nachdem das „Lenk-Mal“ enthüllt war, wurde der Künstler von vielen Bürgerinnen und Bürgern mit Fragen bestürmt und in etliche Gespräche verwickelt. Nun hatte das Publikum auch die Gelegenheit, die Szenen auf der Säule genauer zu studieren. Von einem „starken Statement“ der Stadt Böblingen zum Bauernkrieg war die Rede. Und dass der Standort mitten im Stadtgarten es auch Spaziergängern, Familien und Zufallsbesuchern erlaube, sich der Historie zu nähern. Hat die Skulptur gar das Zeug zum neuen touristischen Anziehungspunkt in Böblingen? Gut möglich.
500 Jahre Bauernkrieg
Jahrestag Die Schlacht am Goldberg am 12. Mai 1525 war eine der bedeutendsten und blutigsten des Bauernkriegs. Rund 15 000 schlecht ausgerüstete und zum Teil auch uneinige Bauern standen zwischen Böblingen und Sindelfingen etwa 8000 Soldaten gegenüber und wurden blutig geschlagen. Wahrscheinlich verloren etwa 3000 Bauern ihr Leben. In diesen Tagen gibt es zahlreiche Gedenkveranstaltungen.
Führung Die Stadt Sindelfingen weist im Zusammenhang mit der Schlacht am Goldberg auf eine thematische Stadtführung hin. Am Sonntag, 11. Mai, können Teilnehmende ab 15 Uhr mehr darüber erfahren, was „am Abend vor der Schlacht 1525“ in Sindelfingen passierte. Karten kosten fünf Euro, Start ist am i-Punkt am Marktplatz.
Gedenken Die Kirchen gedenken am Sonntag, 11. Mai, der Opfer der Schlacht bei Böblingen gedenken. Um 18 Uhr beginnt ein ökumenischer Gottesdienst auf dem Schulhof der Ludwig-Uhland-Schule am Böblingen Galgenberg.
Vortrag Am Montag, 12. Mai, um 19 Uhr lädt die evangelische Kirche noch zu einem Vortrag von Prof. Dr. Volker Leppin in die Böblinger Stadtkirche ein. Leppin war Professor an der Universität Tübingen und lehrt seit 2021 an der Yale University in den USA. Sein Vortrag trägt den Titel „Freiheit, die ich meine. Der Bauernkrieg und die Reformation“.