70 Jahre Künstlerbund Von der Basis für die Basis: Darum ist es so wichtig
Einige versuchen, die Gesellschaft immer mehr auseinanderzudividieren. Gut, dass es Kräfte gibt, die dagegen wirken, meint unser Kolumnist.
Einige versuchen, die Gesellschaft immer mehr auseinanderzudividieren. Gut, dass es Kräfte gibt, die dagegen wirken, meint unser Kolumnist.
Im November nahm ich an einer Podiumsdiskussion in der Kunsthalle Baden-Baden mit Kolleginnen und Kollegen aus der Kunstszene teil. Anlass war das Symposium „Wer trägt die Kunst und wohin?“, mit dem der Künstlerbund Baden-Württemberg sein 70-jähriges Bestehen feierte. Wir debattierten über die Autonomie der Kunst, Finanzierungsfragen, politische Kontroversen – Themen, die angesichts zunehmendem Autoritarismus und Populismus sowie schwindender Wirtschaftskraft Brisanz hatten. Auffällig war, dass sich niemand aus der Politik hatte bequemen wollen, am Symposium teilzunehmen.
In den Wochen danach kreisten meine Gedanken immer wieder um die Veranstaltung. Die symbolträchtige politische Leerstelle verdeutlichte mir, wie wichtig doch die zivilgesellschaftliche Selbstorganisation von der Basis für die Basis ist, in der Kunst und darüber hinaus, gerade in härter werdenden Zeiten. Der Künstlerbund ist ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen aus eigener Kraft und mit viel ehrenamtlichem Engagement ihre eigenen Institutionen aufbauen, wie sie einander Hilfe im materiellen und immateriellen Sinne leisten, wie sie lobbyieren für ihre Anliegen, aber auch wie sie eine Diskursgemeinschaft bilden und sich wechselseitig inspirieren. Heute, da reaktionäre und regressive Kräfte mit wachsendem Erfolg versuchen, die Gesellschaft auseinanderzudividieren und atomisierte Individuen gegeneinander auszuspielen, ist die Bedeutung solch zivilgesellschaftlicher, demokratischer und freiheitlicher Selbstorganisation gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Wie zivilgesellschaftliche Selbstorganisation und Selbstinstitutionalisierung wiederum das Kunstschaffen als solches prägen, sollte ein prioritärer Gegenstand der Kunstgeschichte werden, vergleichbar mit der Konstellationsforschung in der Philosophiegeschichte. Die Kunstgeschichte und der Kunstbetrieb haben in der Vergangenheit viele heroisierende Darstellungen zu Einzelpersonen produziert, natürlich vorwiegend zu Männern – schwärmerische Wälzer über Michelangelo, monumentale Prachtbände über Picasso. Neuerdings erscheinen aber auch dicke Bücher über nicht hinreichend gewürdigte Künstlerinnen wie Hilma af Klint, die ihrerseits verklärenden Charakter haben. So beginnt die Monumentalisierung von Einzelnen unter feministischen Vorzeichen wieder von vorn. Die spannendere Frage danach, welche Auswirkungen konkrete Praktiken des Sich-Organisierens, des Sich-Verbindens, des Sich-Verbündens und der eigenständigen Institutionenbildung auf Kunst und Ästhetik haben, dürfte ein fruchtbares Gebiet der Kunstgeschichtsschreibung werden.