20 Monate dauerte es, den Stuttgarter Fernsehturm zu bauen. Das Degerlocher Unternehmen Gustav Epple hat unzählige Fotos, die den Bau dokumentieren. Für uns wurde das Archiv geöffnet.
Das Wetter im Sommer 1954 macht Mucken: Es regnet und windet tagelang. Und deshalb wächst auf dem Hohen Bopser der Fernsehturm nicht so schnell wie geplant. Als Anfang Oktober ein Lokaljournalist auf der Baustelle vorbeischaut, sagen ihm die Arbeiter: Eigentlich sollte der Turm jetzt schon doppelt so hoch sein. Aber: „Was wir bei einigermaßen gutem Wetter in vier Stunden schaffen, hält uns bei Regen einen Tag lang hin!“
Wie zum Beweis, dass er letztlich doch auf seine knapp 217 Meter kam, hängt ein Foto des Stuttgarter Fernsehturms bei der Firma Gustav Epple im Foyer. Hier ist man immer noch stolz darauf, dass man vor über 70 Jahren an Stuttgarts Wahrzeichen mitgebaut hat. Die Arbeiten von damals wurden gut dokumentiert. Etliche Fotos lagern bei der Baufirma, die 1909 vom Botnanger Gastwirtsohn Gustav Epple (1883-1955) in Degerloch gegründet wurde, fein säuberlich datiert im Archiv. Einige von ihnen dürfen wir nun das erste Mal veröffentlichen.
Stuttgarter Fernsehturm: Gefährliche Baustelle – aber keine schlimmen Unfälle
Der Ingenieur Fritz Leonhardt hat ihn ersonnen, den eleganten grauen Herrn aus Spannbeton auf Stuttgarts Höhen. Und zwar, weil er auf seinen Reisen gesehen hatte, „was für scheußliche Fernsehtürme man baute, und das wollte ich Stuttgart ersparen.“ Aber erbaut haben ihn unter anderen die Arbeiter der Baufirmen Gustav Epple und Wayss & Freytag – „buchstäblich mit den bloßen Händen, wenn man sich die Fotos von damals anschaut“.
Klaus Kramartschik, bei Gustav Epple fürs Marketing zuständig, ist immer wieder baff, wie damals gearbeitet wurde. „Ohne Helme, mit ein paar dünnen Balken als Sicherung. Das wäre heute undenkbar.“ Und doch hat es in den 20 Monaten Bauzeit nie einen schweren Arbeitsunfall gegeben – das betonten auch die Stuttgarter Zeitungen damals in ihrer Berichterstattung.
Stuttgarter Fernsehturm: Spatenstich am 10. Juni 1954
Am 10. Juni 1954 setzt der Intendant des Süddeutschen Rundfunks (SDR), Fritz Eberhard, den ersten Spatenstich. Das Bauloch ist acht Meter tief und hat einen Durchmesser von 32 Metern. „Die Fundamentierung für dieses Projekt wird begreiflicherweise die längste Zeit in Anspruch nehmen“, schreiben im Juli die Stuttgarter Nachrichten, „aber dann wird der Turm jeden Tag um einige Meter in die Höhe wachsen.“
Doch dann kommt der Regen. Als der StN-Reporter im Oktober wieder auf der Baustelle vorbeischaut, ist der Schaft zwölf Meter hoch, dabei sollte er „längst über die ihn umgebenden Baumkronen ragen“. Täglich wächst der Turm um 1,25 Meter in die Höhe, alle zwölf Minuten um einen Zentimeter, rechnet der Autor aus. Die Arbeit am Turm – „ein waghalsiges Unternehmen. Schmale schwankende Bretter, die sich rings um den Turm ziehen, sind der Boden für die Arbeiter, die außen an der Turmwand arbeiten.“
Ende Oktober 1954 trägt der Turmschaft des Stuttgarter Fernsehturms schon Signalleuchten
Gearbeitet wird in Ringen: Die Arbeiter bauen eine Verschalung aus Stahlplatten, in die der Beton gegossen wird. Wenn der Ring durchgehärtet ist, beginnt das gleiche Spiel wieder von vorn. Jeder Ring ist ein bisschen kleiner als der vorherige, weil sich der Turmschaft ja elegant verjüngen soll. Als die StZ Ende Oktober zu Besuch ist, ist der Turm 35 Meter hoch, überragt knapp die Baumwipfel und ist oben bereits mit roten Lampen ausgestattet, um Flugzeuge vor dem Hindernis zu warnen.
Im Dezember ist der Fernsehturm auf 115 Meter gewachsen. „Gefährlich? – Schön ist unsere Arbeit!“, zitieren die StN Otto Mocho, den Oberpolier „auf Stuttgarts höchster und zur Zeit zweifellos interessantester Baustelle.“ Dieser Herr Mocho dirigiert ein Dutzend Männer, die in luftiger Höhe harte Arbeit leisten. Er muss ein Unikat gewesen sein: „Ein Mann mit einer zähen Schale und prächtigem Kern, dazu einer unverwechselbaren Berliner Schnauze, kurz – ein Prachtkerl.“ 500 Leitersprossen müssen die Arbeiter erklimmen, bis sie an ihrem Arbeitsplatz sind. Ein Zelt schützt die Baustelle vor Wind und Wetter, ein „hochmoderner Ölofen“ kämpft gegen die eisige Kälte da oben an. „Wie Polarforscher“, schreibt der Reporter, seien die Arbeiter angezogen: „Hut ab vor diesen Männern.“
Die Bauzeit wird länger, der Stuttgarter Fernsehturm teurer
Zum Jahreswechsel ist klar: Das Ziel, den Fernsehturm bis zur Eröffnung der Landesausstellung am 1. Juli 1955 fertigzustellen, ist nicht zu halten. 32 Bautage habe man im Sommer verloren. Immer teurer wird der Turm auch: Eigentlich hatte der SDR mal mit 1,4 Millionen Mark geplant, am Ende kostet das Bauwerk 4,2 Millionen. Heute wären das zwischen 12 und 13 Millionen Euro. Durch die Eintrittsgelder hatten die sich aber nach zehn Jahren bereits amortisiert.
Im Januar 1955 beginnt „der schwierigste und gefährlichste Bauteil, die Verschalung des Korbansatzes.“ Die StZ erklärt damals, was die Arbeiten so kompliziert macht: „Der Turm ist dort, wo der Korb angesetzt wird, nur noch fünf Meter breit, der Korb dagegen wird etwa 15 Meter breit.“ Nun ist der Turm schon gut zu sehen, auch aus dem Kessel. Und dort macht sich Aufregung breit: Steht der Turm etwa schief? „Man beruhigte sich, als nachgewiesen wurde, daß es sich um eine optische Täuschung handle.“
Kritik am Stuttgarter Fernsehturm – „Waldesruhe gestört“
Je höher der Fernsehturm im Jahr 1955 wächst, desto lauter werden die Stimmen der Kritiker. Der Schwäbische Heimatbund protestiert: Nicht nur verschandele der lange Lulatsch die Landschaft, durch die Schaulustigen werde auch „die Waldesruhe gestört“.
Mancher Bürger, schreibt die StN, wisse nicht mehr so recht, was er von dem Bauwerk halten solle, „das in Wirklichkeit so viel gewaltiger erscheint als im Modell“. Haufenweise Leserbriefe kommen in den Redaktionen an: „Man möchte vorschlagen, daß die Namen all der Leute, die zu diesem größten Narrenstück der Stadt Stuttgart ja gesagt haben, an diesem Schandmal für immer verewigt werden (…)“, heißt es da. Oder: „Groß und protzig steht der Fernsehturm da, ein Fremdkörper in schöner Waldlandschaft.“ Fritz Leonhardt höchstpersönlich antwortet einem arg bösen Kritiker: „Ich nehme so etwas grundsätzlich nicht übel, denn jeder soll und darf seine eigene Meinung haben. (…) Kritik mit so harten Worten ist jedoch nur dann berechtigt, wenn man’s besser machen kann.“
Gustav Epple stirbt noch vor der Einweihung des Stuttgarter Fernsehturms
Aller Bedenken zum Trotz: Am 29. Oktober 1955 sendet der Fernsehturm zum ersten Mal. Zwei Tage später wird Gustav Epple ins Marienhospital eingeliefert. Er stirbt dort an einem Aortenriss. Seine Mitarbeiter sind geschockt, genauso wie ganz Degerloch, wo Epple viel Gutes tat. Eine Beerdigung wie seine auf dem Degerlocher Waldfriedhof hatte Stuttgart noch nicht gesehen. Die Firma übernimmt sein Sohn Fritz.
So erlebt Gustav Epple nicht mehr mit, wie der Stuttgarter Fernsehturm am 5. Februar 1956 auch offiziell eingeweiht wird. Wenn seine Lichter nachts freundlich blinken, bekäme man schon jetzt heimelige Gefühle, schreibt die StZ einen Tag zuvor: „So vertraut ist er uns schon, dieser städtische Nachtleuchter, von dem zuerst niemand hat etwas wissen wollen.“
Wir suchen Ihre Erinnerungen
Wer war dabei?
Die meisten der Männer, die den Stuttgarter Fernsehturm gebaut haben, dürften heute nicht mehr am Leben sein. Dennoch hoffen wir auf Ihre Erinnerungen: Haben Sie oder jemand aus Ihrer Familie zwischen 1954 und 1955 am Bau des Fernsehturms mitgewirkt? Wir freuen uns über Ihre Zuschriften – per Mail (redaktion@stzn.de) oder per Post: Theresa Schäfer, Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH, Plieninger Straße 150, 70567 Stuttgart.