A 81 in der Nacht auf Mittwoch bei Böblingen dicht Bombenentschärfer sperren Autobahn

Mit diesem Metallzylinder arbeiten sich die Bombenentschärfer in solchen Fällen in die Tiefe. Foto:  

Die Autobahn zwischen Böblingen und Sindelfingen wird in der Nacht auf Mittwoch gesperrt. Der Grund ist ein 50 Zentimeter großes Eisenstück im Boden. Es könnte eine Fliegerbombe sein.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Fliegerbombe oder Gießkanne? Ein mysteriöser Metallfund stoppte die Bauarbeiten auf der A 81 zwischen Sindelfingen und Böblingen und zwang 19 Menschen, ihre Häuser zu verlassen. Die Räumung war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe allerdings noch nicht beendet.

 

UPDATE (23.04.): Bei einer weiteren Bodensondierung am Dienstagabend wurde festgestellt, dass sich an der vermuteten Stelle doch kein Metallteil befindet – weder Gießkanne noch Bombe. Die Autobahn wurde dennoch gesperrt, damit die Deges inzwischen geplante Bauarbeiten durchführen konnte.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1944 und 1945 zogen die Bomberschwärme über Deutschland, sie zerstörten systematisch und flächendeckend die deutschen Städte und die Infrastruktur, um den Kampfwillen der Wehrmacht zu brechen und die Rüstungsindustrie zu behindern. Eines ihrer Ziele: Das Daimlerwerk in Sindelfingen und der Flughafen Böblingen auf dem heutigen Flugfeld.

Wie Maulwurfshügel sehen die Sondierungsstellen aus. Foto: Stadt Sindelfingen

Eine der damaligen Landebahnen reichte bis an das Daimlerwerk heran, berichtet der Projektleiter Johannes Kuhn von der Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH), die gerade im Auftrag des Bundes die Autobahn zwischen Sindelfingen und Böblingen auf drei Fahrspuren verbreitert. Wie große Maulwurfshügel sehen sie aus, die Reihen der Probebohrungen und Sondierungen, die auf der Baustelle gemacht wurden. Auf dem Grünstreifen, wo demnächst die Flugfeld-Ausfahrt gebaut wird, sind die Spezialisten fündig geworden: In etwa fünf Metern Tiefe lag etwas aus Eisen oder Stahl. Mehr wussten die Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes vor der Untersuchung nicht.

Nach den Bombenangriffen waren die deutschen Räumungstrupps schnell unterwegs, denn die Kriegsmaschinerie musste weiter laufen. Sie sammelten die Blindgänger ein, warfen sie in die Bombentrichter und schaufelten die Löcher zu. Dort ruhen die Bomben bis heute, seit 80 Jahren bereits.

Luftaufnahmen helfen den Bombenräumern

Um herauszufinden, was da unten lag, hatte der Kampfmittelbeseitigungsdienst einen mehrere Meter großen Aluminiumzylinder mitgebracht, der seit Dienstag über dem Fundort stand. Aluminium deshalb, damit die Sondierung nicht gestört wird, die nach Eisen, genauer nach Stahl sucht. Mit diesem Zylinder wurde die Grube im Laufe des Nachmittags ausgeschachtet, bis sich die Arbeiter auf einen halben Meter an das Metallstück herangearbeitet hatten. Dann sollten nur noch die Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes unter Tage sein. Sie sollten erst vorsichtig sondieren und ihn dann, sollte sich der Gegenstand im Boden tatsächlich als Fliegerbombe entpuppen, freilegen und die Bombe entschärfen.

Sie hatten dabei ein wichtiges Hilfsmittel an der Hand. Vor allem die Briten hatten nach den Bombenangriffen die Angriffsorte in etwa 16 Kilometern überflogen und mit großen Kameras Aufnahmen gemacht, um Treffer und Schäden zu dokumentieren. Über diese Luftbilder verfügt jetzt der Räumungsdienst und kann damit die Gefahr besser einschätzen.

19 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen

Die Sindelfinger Feuerwehr unter Rainer Just ging vom Schlimmsten aus und wollte einen Radius von 500 Metern um den Fundort räumen. Weil ein großer Teil des Sperrgebietes Baustelle und Industriegebiet ist, hat es nicht viele Menschen hüben und drüben der Autobahn getroffen. 19 Menschen seien es, die ihre Wohnungen verlassen mussten und eine Nacht bei Freunden und Verwandten oder in Hotels unterkommen sollten, sagte Katrin Sadroschinski, die Pressesprecherin der Stadt Sindelfingen. Bei der kurzfristigen Suche nach einem Obdach wurden sie von den Städten Sindelfingen und Böblingen unterstützt. Teile der Böblinger Motorworld waren betroffen und auch der Zirkus Barelli, der zur Zeit auf dem Flugfeld gastiert, musste nicht nur die Menschen, sondern auch seine Tiere in Sicherheit bringen.

Folgenden Zeitplan haben sich die Experten ausgedacht: Gegen 21.30 Uhr am Abend wird eine Spur der Autobahn gesperrt, gegen 22.30 Uhr macht die Deges dann die Anschlussstellen dicht und gegen 23 Uhr herrscht Vollsperrung bis etwa 5 Uhr am Mittwochmorgen. Der Verkehr wird, wie bei den übrigen Sperrungen der Autobahn auch, durch Sindelfingen und Böblingen geleitet, mit einer großen Ausnahme, diesmal fällt der westliche Teil der Wolfgang-Brumme-Allee in Böblingen als Umleitung aus, weil er noch innerhalb des Sperrkreises von 500 Metern liegt. Von 23 Uhr an ist für den Kampfmittelbeseitigungsdienst Feinarbeit angesagt, wenn er die letzten Erdschichten vor dem Metallfund freilegt. Ob es so kam, war am frühen Abend noch unklar.

Für die Baustelle eine Belastung

Erst dann wussten die Mitarbeiter, ob es ein Eisenträger ist, eine Fliegerbombe oder eine rostige Gießkanne. Sicher war zunächst, das hatten die Messungen ergeben, der Gegenstand ist etwa 50 Zentimeter lang. Erst weit nach Mitternacht sollte die Arbeit der Bombenräumer beendet sein. Auch für den Projektleiter Johannes Kuhn ist der Einsatz der Bombenräumer eine Belastung. Denn die Sondierung kostet ihn etwa eine knappe Woche Zeit.

Bomben im Boden

Baustelle
Auf etwa sechs Kilometern Länge baut der Bund die A 81 zwischen Sindelfingen und Böblingen dreispurig aus. Dabei müssen sieben Unterführungen, vier Brücken und ein 850-Meter langer Deckel gebaut werden.

Räumungsdienst
Der Kampfmittelbeseitigungsdienst von Baden-Württemberg entschärft alle Arten von Bomben und Munition, transportiert und vernichtet die Waffen und verwertet das angefallene Material. Die Arbeit ist hoch riskant und von schweren Unfällen begleitet.

Weitere Themen