Einen Nachteil habe sein Logistiker Felix O. aber doch, formuliert Schmücker spitz: „Seine Fehler sind, dass er für sich selber aufkommen kann, nicht gewalttätig ist, keinen psychischen oder physischen Schaden hat, nicht drogenabhängig ist und Bock hat, zu lernen und zu arbeiten.“ Unabhängig von jeder Behörde bestreite sein „tadelloser Mitarbeiter“ seinen Lebensunterhalt ganz allein – keinem liegt er also auf der Tasche.
Der Bundeskanzler fordert, dass Nigeria ihre Landsleute aufnimmt
Am Mittwoch geht es dann sehr schnell. Morgens um 6 Uhr reißt die Polizei Felix O. aus dem Bett, nimmt ihn fest, setzt ihn in ein Auto, das Richtung Frankfurt fährt. Dort soll er in ein Flugzeug steigen, das ihn zurück in seine Heimat Nigeria fliegt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich Ende Oktober in Lagos dafür stark gemacht, dass der Staat in Westafrika die in Deutschland abgelehnten Asylbewerber aufnimmt.
Felix O. ruft auf der Fahrt nach Frankfurt mit dem Handy seinen Chef Michael Schmücker an, der es nicht fassen kann, dass er einen so guten Logistiker in seinem Unternehmen verlieren soll. Der Gastronom setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung zu verhindern.
Schmücker ruft in aller Frühe beim Regierungspräsidium an, bei Anwälten, beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband, postet bei Facebook diesen Fall, was zu sehr vielen Solidaritätsbekundungen zu führt. „Unfassbar!“, schreibt ein User, „die Kriminellen und Taugenichtse behält man, und die Tüchtigen, die alles tun, werden abgeschoben – ganz toll Deutschland!“
Eine Anwältin stellt beim Verwaltungsgericht in Frankfurt einen Eilantrag auf einstweilige Verfügung, der verhindern soll, dass Felix O. am Mittwoch die Reise nach Nigeria antreten muss. Wäre er erst mal dort, glaubt sein Chef, werde er nicht mehr zurück nach Stuttgart kommen können.
21 Minuten vor dem Abflug liegt die Entscheidung des Gerichts vor
Was dann passiert, hört sich an wie aus einem Film. „Um 11.10 Uhr sollte das Flugzeug starten“, berichtet Michael Schmücker, „um 10.49 Uhr hat das Gericht unserem Antrag stattgegeben.“ Felix O. sitzt bereits im Gate des Frankfurter Flughafen. Kurz bevor er einsteigen sollte, holen ihn die Beamten zurück.
Mit dem Fall befasst sich am Mittwochnachmittag das Amtsgericht in Frankfurt. Schmücker ist deshalb zur dortigen Anhörung gefahren und sieht, wie sein Mitarbeiter mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Das Gericht entscheidet, dass Felix O. in Gewahrsam in Deutschland bleibt, also vorerst nicht nach Nigeria abgeschoben wird. Am Freitag soll das Verwaltungsgericht über die Einstweilige Verfügung entscheiden.
„Die Behörden haben sich fair verhalten“, lobt Michael Schmücker und hofft, dass ihn noch mehr Menschen unterstützen in seinem Kampf, seinen Logistiker zu behalten. Gerade bei den zahlreichen Veranstaltungen vor Weihnachten könne er auf ihn unmöglich verzichten. Wie schwer es ist, gute Leute zu finden, schildert der Stuttgarter Gastronom: „Wir haben eine weitere Stelle als Logistiker seit Jahren ausgeschrieben – über das Arbeitsamt, diverse Fachportale, Online-Anzeigen etc. Es gingen lediglich vier schriftliche Bewerbungen ein, von denen zwei nicht zum Vorstellungsgespräch erschienen sind. Ein weiterer kam alkoholisiert, und der Vierte wollte das Gehalt eines Fachanwaltes für Strafrecht für sich in Anspruch nehmen.“
MdL Haag (FDP) kündigt Anfrage an die Landesregierung an
Der Stuttgarter FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Haag will sich für den Wirt und dessen Mitarbeiter einsetzen, wie er am Abend unsere Redaktion wissen lässt. „Es kann doch nicht sein, dass fleißige Mitarbeiter, von denen man die Adresse hat, abgeschoben werden, andere aber, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten und von denen man nicht viel weiß, bleiben dürfen.“ Mit einer Anfrage an die Landesregierung wolle er eine generelle Klärung erreichen: Sollte angesichts des Facharbeitermangels nicht auf die Abschiebung von zuverlässigen Mitarbeiter verzichtet werden, weil deren Fehlen dann der Wirtschaft des Landes empfindlich schade?