„Abschied(e)“ Julian Barnes letztes Buch ist ein Geschenk an die Leser

, aktualisiert am 19.01.2026 - 17:30 Uhr
Julian Barnes schaut dem Universum bei der Arbeit zu. Foto: Marzena Pogorzaly

Zum 80. Geburtstag von Julian Barnes erscheint ein Buch, das sein Leben mit einer Schleife der Erinnerung versieht. Es enthält eine traurige Botschaft – und ist trotzdem tröstlich.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Eigentlich sollte man denken, dass sich Geburtstagsartikel von Nachrufen unterscheiden wie Glückwünsche von Beileidsbekundungen. Die einen feiern das Leben und was es hervorgebracht hat, die anderen verabschieden es und machen es zu einem Fall des Gedenkens. Doch bei dem britischen Schriftstellers Julian Barnes, der an diesem Dienstag seinen achtzigsten Geburtstag begeht, kommt beides zusammen. Obwohl er glücklicherweise noch lebt und pünktlich zum Jubiläum ein neues Buch erscheint.

 

Darin klingt noch einmal alles an, was seine Stimme im Konzert der Gegenwartsliteratur so unverwechselbar macht: intellektuelle Neugier, die Fähigkeit, existenzielle Problemstellungen in exemplarischen Kollisionen aufzulösen, und eine zartbittere Eleganz im vergeblichen Bemühen, was man liebt, gegen die Zeit zu verteidigen.

Doch in „Abschied(e)“ geht es um das Ende. „Dies ist mein letztes Buch“, heißt es auf den ersten Seiten lapidar, immerhin gedämpft von der Aussicht, dass es auch darin eine Geschichte geben werde.

Vor den letzten Dingen bleibt Julian Barnes gelassen

Im Mittelpunkt steht kein alternder Arzt, der wie in „Flauberts Papagei“ die Enttäuschungen seines Lebens mit der Obsession für französische Literatur zu kompensieren versucht; kein Pensionär, der sich in den Schleifen von Schuld und Erinnerung verstrickt, wie in dem Booker-Preis-prämierten Bestseller „Vom Ende einer Geschichte“; und schon gar kein jugendlicher Revoluzzer, der in Barnes’ Debüt „Metroland“ gegen die ihm vorgezeichnete Londoner Vorort-Tristesse rebelliert, nur um in seiner Traumstadt Paris gründlich desillusioniert zu werden.

Protagonist ist der Kopf hinter all dem, ein Autor, dem gleichwohl manche Titel seiner Romane nicht mehr einfallen wollen, dem gerade die Diagnose einer seltenen Art des Blutkrebses gestellt wurde, und der nur noch so viele eigene Zähne im Mund hat, wie sein alter Hund, acht Stück, aber sich seine heiter-melancholische Gelassenheit von den düsteren letzten Dingen nicht nehmen lässt, die ihm bevorstehen.

Melange aus philosophischer Reflexion und pointierter Alltäglichkeit

Das Zentralorgan des Schriftstellers, das Gedächtnis, ist hier „ein Ort, an dem Verfall und Ausschmückung ineinandergreifen“. Bei Proust war es eine Madeleine, die den Prozess des Erinnerns angestoßen hat. Eine Ärztin macht Barnes auf den Fall eines Patienten aufmerksam, der durch einen Schlaganfall eine Gedächtnisattacke erlitten hat, durch die in chronologischer Reihenfolge sämtliche jemals verspeisten Apfelkuchen heraufbeschworen wurden.

Aber wäre so etwas als Vergegenwärtigungsform des eigenen Lebens überhaupt wünschenswert? Wie wenn man leise gefurzt hätte, und dann jeden einzelnen Furz präsentiert bekäme, den man je losgelassen hätte, meint ein Freund dazu. Das ist der Ton, eine Barnes-typische Melange aus philosophischer Reflexion und pointierter Alltäglichkeit. Was in ihr Gestalt gewinnt, sind keine Flatulenzen, sondern Elemente eines Schriftstellerlebens, in dem sich Kunst und Wirklichkeit verschränken.

Und damit zur versprochenen Geschichte: Sie handelt von einer seltsamen Dreiecksbeziehung, in der der Autor zum Schicksalsstifter, um nicht zu sagen Kuppler, wird. Wie das genau zugeht, sollte man sich von Barnes selbst erzählen lassen, der hier ein letztes Zwiegespräch mit seinen Lesern sucht. Nur soviel: Was in der Realität gleich zweimal im Abstand von 40 Jahren tragisch scheitert, führt in der fiktionalen Nachbetrachtung zu Sätzen, wie sie nur diesem Autor für die tragischen Komplikationen des Lebens gelingen: „Glücklichsein macht mich nicht glücklich.“ Was bleibt, als dem Universum bei der Arbeit zuzuschauen, wie es nach und nach all die, die er liebt, zu sich nimmt.

Das klingt traurig. Aber einmal sinnt Barnes über die Filme Ingmar Bergmans, warum große Kunst immer tröstlich wirkt. Eine Antwort gibt dieser Abschied.

Julian Barnes: „Abschied(e)“. Kiepenheuer & Witsch. 256 Seiten, 23 Euro.

Info

Autor
Julian Barnes, am 20. Januar 1946 in Leicester geboren. Seine Eltern waren beide Französischlehrer und haben ihn mit ihrer Frankophilie angesteckt. Nach dem Studium moderner Sprachen arbeitete er als Lexikograph, dann als Journalist. Barnes lebt in London.

Werk
Sein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk, darunter „Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln“, „Lebensstufen“ oder der Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“, wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. 2011 erhielt er den Man Booker Prize für den Roman „Vom Ende einer Geschichte“. Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh hat er auch Krimis geschrieben. Er ist ein Simenon-Liebhaber und greift immer wieder wie in „Flauberts Papagei“ Motive aus der französischen Literatur auf, zuletzt in dem Essay über die Belle Epoque „Der Mann im roten Rock“.

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