Abschied vom Kult-Club Schräglage-Gründer Grelle: „Das verruchte, dirty Ausgehen ist vorbei“
Stuttgart verliert eine Institution: Ende Juni schließt der Schräglage Club. Gründer Heiko Grelle im Interview über das Ende einer Ära.
Stuttgart verliert eine Institution: Ende Juni schließt der Schräglage Club. Gründer Heiko Grelle im Interview über das Ende einer Ära.
Halb Stuttgart hat in der Schräglage schon einen Kurzen getrunken, Samy-Deluxe-Lyrics mitgerappt und ist über die Mini-Ramp gestolpert, die anfangs noch an der Tanzfläche verbaut gewesen ist, so viel ist sicher. Nun schließt der Kult-Club am 27. Juni nach 20 Jahren seine Türen und verwandelt sich in eine Event-Location. Heiko Grelle hat die Schräglage 2006 mitgegründet und spricht mit uns über die gute alte (Party-)Zeit, totgeglaubten Hip-Hop und warum Veränderung gar nicht so schlecht ist.
Wir hatten damals eine Location angemietet als Showroom für unseren Modevertrieb und da war halt eine Bar mit drin. Als richtiges Business oder Club war das anfangs gar nicht gedacht gewesen, mehr als Afterwork- und Party-Location für unsere eigene kleine Bubble. Das hat sich dann aber ein bisschen verselbstständigt. Und das, obwohl es eine Zeit war, in der der deutsche Hip-Hop totgeredet wurde: Alle haben davon gesprochen, dass das Genre durch ist und keine Berechtigung mehr hat. Wir als totale Hip-Hop-Freaks haben aber einfach unser Ding gemacht und uns auf deutschen Hip-Hop konzentriert. Und siehe da, zwei, drei Jahre später war klar, dass der deutsche Hip-Hop nicht tot war – und wir waren mittendrin.
Hip-Hop wird nie tot sein. Das war früher schon die albernste Ansage aller Zeiten. Ich glaube, das kam daher, dass für den Rest der Welt Hip-Hop und Deutsch nicht zusammengepasst hat. Aber die Deutschen haben eine Zeitlang wirklich geilen Hip-Hop gemacht, allen voran wir Stuttgarter. Aber Hip-Hop ist auch aktuell noch das größte Genre auf der Welt und auch das am breitesten gefächerte. Klar geht jeder gerne zu elektronischer Musik feiern, das heißt aber nicht, dass man den ganzen Tag in der Bude sitzt und sich nur mit elektronischer Musik zudröhnt.
Ich glaube, dass die Leute nicht mehr so in einem Genre verwurzelt sind, wie vielleicht die älteren Generationen. Und auch die Bedeutung hat abgenommen: Als ich Teenager war, war das Allerwichtigste, eine eigene Stereoanlage zu haben. Wir waren jeden Nachmittag in dem einzigen Plattenladen, den es damals in Herrenberg gab, bevor wir nach Stuttgart zur Lerche fahren konnten. Musik hat unser Leben bestimmt. Und wenn man neue Platten hören wollte, dann musste man entweder in der Plattenladen oder ausgehen. Aufgrund der Verfügbarkeit von Musik hat sich das selbstverständlich jetzt verändert.
Ich war damals schon keine 25, sondern 40 und eigentlich nicht mehr meine eigene Zielgruppe. Und obwohl ich die Musik immer noch gelebt habe, habe ich mir gleichzeitig Gedanken darüber gemacht, wie krass das Ausgehverhalten zu jener Zeit eigentlich gewesen ist: brutal Nacht-lastig und immer mit viel Absturz verbunden. Und ich habe geahnt, dass der Trend irgendwann in eine andere Richtung gehen wird. Gepaart mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung ‚angepasster‘ und ‚braver, hat dieses ‚dirty nachts feiern‘ sukzessive abgenommen. Und das ist auch verständlich. Hinzu kommt, dass die Verfügbarkeit von allem, nicht nur der Musik, einen großen Einfluss auf das Ausgehverhalten hat. Ob Unterhaltung, soziale Kontakte, Essen, Dating – heutzutage kannst du alles zuhause haben, es treibt die Leute nicht mehr raus. Als ich 18 war, war ich genau 364 Abende im Jahr unterwegs und nur an Heiligabend zuhause bei meinen Eltern. Alles andere war unvorstellbar.
Wir wollen wieder eine Schräglage haben, mit dem Schräglage-Spirit und dem Hip-Hop-Lastigen, aber eben angepasst an das heutige Ausgehverhalten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es etwas sein wird, was rund um die Uhr auf hat: für Kaffee, Afterwork und durchaus Nächte, die abgehen, aber eben nicht regelmäßig.
Es wird natürlich nie wieder genauso sein wie in den 80er- oder 90er-Jahren. Man kann – und das ist auch gut so – die Uhr nicht zurückdrehen. Ich finde auch, dass man aktuell wieder so alte Themen herausholt und wieder salonfähig machen will, total absurd. Ich glaube auch nicht, dass dieses ‚verruchte‘, ‚dirty‘ Ausgehen zurückholbar ist, das passt zu einer Zeit, die vorbei ist.
Eines der größten Highlights war Marteria nach der Pandemie. Der ist und war damals schon eine Liga, die gar nicht zu unserem kleinen Club gepasst hat. Die Club Session bei uns war auch seine erste nach Corona und das hat man auch gemerkt: Zum einen daran, dass er für seine Verhältnisse ziemlich nervös war, zum anderen daran, dass er wirklich mit Leib und Seele dabei war. Wir haben gefeiert, bis keiner mehr gerade stehen konnte, das war ein unfassbarer Abend. Ähnlich war es mit Deichkind, die eine Clubtour durch Deutschland gemacht und unter anderem uns als Stopp dafür ausgewählt haben. Mit deren ganzem Bühnenaufbau und Team blieb dann im Club nicht mehr Platz als für 200 Leute (eigentlich können 350 rein). Als sie dann noch das Schlauchboot rausgeholt haben, war der Club bis zum letzten Zentimeter gefüllt. Aber es war ein unvergesslicher Abend. Es gab aber noch so viel mehr tolle Abende und Gäste in den letzten 20 Jahren, wenn ich alle nennen müsste, sitzen wir morgen noch hier.
Das ist eine fiese Frage, denn ich muss an jenem Tag nach Berlin.