Stuttgart - In der Abwasserbranche wissen es alle, in der Öffentlichkeit aber ist es kaum bekannt: Immer wieder werden ungeklärte Abwasser, also die Fäkalien der Menschen aus den Städten und Dörfern, aus der Kanalisation direkt in Flüsse und Seen geleitet und erhöhen dort das gesundheitliche Risiko für Badende sowie die ökologischen Gefahren für Tiere und Pflanzen. Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigte das Landesgesundheitsamt, dass eine solche Einleitung im Schnitt an 20 bis 30 Tagen im Jahr erfolge. Lokal sind die Verhältnisse aber unterschiedlich, zeitlich wie mengenmäßig.
Warum geschieht das überhaupt? Das Grundproblem besteht darin, dass in Baden-Württemberg zwei Drittel der rund 79 000 Kilometer an Abwasserleitungen Mischsysteme sind – sie nehmen also sowohl das Regen- als auch das Abwasser auf. Wenn es nun lokal zu einem starken Gewitter kommt oder auch, wenn es zwar nur schwach, aber lange regnet, dann gelangen die Rohre an ihre Kapazitätsgrenze, und auch die Kläranlagen können die Menge nicht mehr verarbeiten. Als Puffer hat man in früheren Jahrzehnten viele Regenüberlaufbecken gebaut – derzeit gibt es davon rund 7000 im Land.Doch der Begriff „Regenüberlaufbecken“ ist irreführend: Denn auch dorthin wird Abwasser geführt; Schätzungen gehen von einem Anteil von mindestens fünf bis zehn Prozent aus. Und wenn nun diese Becken nicht mehr ausreichen, wird der Überschuss direkt in die Flüsse geleitet. Beschönigend spricht man dann gerne von „Entlastungen in die Vorfluter“ – mit letzterem sind die Gewässer gemeint. Der Laie kann das übrigens leicht erkennen, weil in den Büschen am Ufer überall Toilettenpapier hängt.
Regenüberlaufbecken enthalten auch Abwasser
Gottfried May-Stürmer vom BUND in Lauffen am Neckar (Landkreis Heilbronn) kämpft seit vielen Jahren gegen diese Umweltsünde und kann sie für seinen Heimatort auch klar belegen. Erfolge kann er aber noch kaum verzeichnen: „Die meisten Menschen glauben das einfach gar nicht“, sagt er. Er selbst ist dagegen der Ansicht, dass diese Einleitungen mittlerweile die größte Quelle an organischer Belastung für die Flüsse darstellen. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen würden viele Kommunen die Abwassermengen schönrechnen, um immer neue Baugebiete an die Regenüberlaufbecken anschließen zu können; so sparten sie sich die hohen Kosten für neue Becken. Zweitens funktioniere die eigentliche Grundidee nicht, das Schmutzwasser so stark zu verdünnen, dass die Flüsse die Schadstoffe leicht wieder abbauen könnten. Denn laut May-Stürmer lagert sich in den Rohren Faulschlamm ab, der in die Flüsse gespült werde und dort für einen Mangel an Sauerstoff sorge.
Fakt ist jedenfalls, dass die Flüsse in Baden-Württemberg fast nirgendwo die von der EU bis 2021 geforderte gute Wasserqualität erreichen – aber das hat natürlich viele Ursachen und ist auch eine Mammutaufgabe für Jahrzehnte.
Nachrüstung mit Messgeräten bis Ende 2024
Wie umfangreich und wie gefährlich diese Einleitungen in Baden-Württemberg letztlich sind, kann allerdings niemand sagen. Zwar gibt es an knapp der Hälfte der Becken mittlerweile Messgeräte. Doch Mengenangaben seien nicht leicht zu bestimmen, sagt Ralf Heineken, der Sprecher des Umweltministeriums, zumal die „Entlastung“ mancherorts nie vorkomme, an anderen Stellen aber auch mehr als 40 Mal im Jahr. Es sei allerdings geplant, so Heineken, bis Ende 2024 auch alle anderen Becken mit Messgeräten auszurüsten. „Ganz vermeiden lässt sich die Schadstoffbelastung aber auch dann nicht“, dämpft der Sprecher die Erwartungen. Langfristig müssten mehr Flächen entsiegelt werden, damit weniger Regenwasser in die Rohre gelangt, und es müssten in neuen Baugebieten Regen- und Schmutzwasser in separaten Kanälen gesammelt werden.
In Berlin warnt eine App vor verschmutztem Wasser
Andernorts in Deutschland ist man zumindest mit der Analyse und der Information schon weiter. In Berlin hat man mit Fördermitteln des Bundesprojekts „Flusshygiene“ eine App entwickelt, die aktuelle Schadstoffwerte und Wetterprognosen verknüpft, sodass jeder Badegast an Spree und Havel für den ausgewählten Strand sehen kann, ob eine erhöhte Gefahr besteht, mit Bakterien oder Viren in Kontakt zu kommen, die Durchfallerkrankungen auslösen können. In Baden-Württemberg werden die Badegewässer natürlich auch überwacht, aber die Messungen finden meist nur an wenigen Tagen im Jahr statt – kurzfristige Einleitungen werden also selten erfasst. Wolfgang Seis vom Wasser-Kompetenzzentrum in Berlin hat diese App entwickelt; er gilt als einer der wichtigsten Experten für dieses Thema.
Inwieweit bei diesem Auslauf von Fäkalien neben Krankheitserregern auch andere Stoffe in die Flüsse gelangen, die das Leben im Wasser beschädigt, ist unbekannt. Denken müsste man vor allem an Phosphor oder an Pestizide.