Ungewöhnliches Naturprojekt Ackerfläche wird zum Schlaraffenland für Tiere: „Eidechsen gab es vorher gar nicht“

, aktualisiert am 27.05.2026 - 15:33 Uhr
Markus Canz tüftelt vor den Augen seiner Frau Susanne und der Tochter an einem dem neuesten Elemente auf der Wiese: einer Burg für Käferlarven. Foto: Werner Kuhnle

Die Familie Canz hat in Freiberg (Kreis Ludwigsburg) auf 1,3 Hektar eine Naturoase geschaffen. Das Gelände ist gespickt mit selbst gebauten Teichen, Burgen und Hohlräumen.

Wenn man glaubt, schon alles gesehen zu haben, wird man bei einem Besuch auf dem Aussiedlerhof von Susanne und Markus Canz in Freiberg schnell eines Besseren belehrt.

 

Die Eheleute haben auf Tuchfühlung zu ihrem Haus eine 13.000 Quadratmeter große Ackerfläche in ein Paradies für Insekten, Amphibien, Vögel und kleine Säuger verwandelt. Alle paar Meter stößt man auf eine andere Eigenkreation, die Markus Canz in unzähligen Stunden in seiner Freizeit gebaut hat, um Lebensräume für Tiere zu schaffen. Hier schimmert ein Tümpel im Sonnenlicht, dort türmt sich eine stattliche Eidechsenburg auf. Auftrieb dürfte der Familie geben, dass all diese Bemühungen von Erfolge gekrönt sind.

Wissenschaftlich erhoben wurde es noch nicht. Aber alles deutet darauf hin, dass das Artenspektrum deutlich mannigfaltiger geworden ist. „Eidechsen gab es vorher gar nicht“, sagt Susanne Zeltwanger-Canz. „Jetzt sind sie im Grunde überall“, ergänzt ihr Mann. Ein Hauswiesel sei ebenfalls rund um den Hof unterwegs gewesen, berichtet Susanne Zeltwanger-Canz. Dazu hüpfen und flattern Vertreter verschiedener Vogelarten über das Gelände, von der Mönchgrasmücke über den Zaunkönig bis zum gefährdeten Gartenrotschwanz.

Gottesanbeterin hat ihre Eier abgelegt

In den Flachwasserteichen sollen vor allem Amphibien ablaichen können. Foto: Werner Kuhnle

Insektenfreude haben ebenfalls viel zu entdecken. Das Gelände sei von verschiedenen Ameisenvölkern bevölkert, berichtet Markus Canz. Wildbienen und eine Fülle an Schmetterlingen könne man ebenfalls beobachten. Bei einem Spaziergang über die Wiese zeigt der Freiberger zudem auf einen mehrere Zentimeter großen Kokon, der an einem Stängel klebt. Eine Gottesanbeterin hat hier ihre Eier abgelegt. „Ich denke, es sind auf jeden Fall mehr Tiere hier, das Angebot ist auch größer“, resümiert er.

Das Erstaunliche daran ist, dass sich die Familie Canz erst vor drei Jahren auf den Weg gemacht hat, den Acker in einen Lebensraum für Pflanzen und Tiere umzumodeln. Nachdem der letzte Mais abgeerntet war, ließen die Naturfreunde eine Saatmischung aus Gräsern, Kräutern und Hülsenfrüchten ausbringen. Schon bald war das Feld von einem bunten Blütenteppich überzogen, kreuchte und fleuchte es auf dem Areal. „Es sieht aber jedes Jahr anders aus“, betont Markus Canz.

Das liege daran, dass manche Gewächse eher Brachflächen eroberten, mit der Zeit bei einer geschlossenen Pflanzendecke aber verdrängt würden. „Mohn gibt es zum Beispiel gar nicht mehr“, sagt Susanne Zeltwanger-Canz. „Ich glaube, es hat sich eine gewisse Mischung eingependelt, die hier eben vorherrscht“, fügt ihr Mann hinzu. Wobei er die Natur nicht einfach Natur sein lässt, sondern durch verschiedenen Eingriffe einzelne Biotope erschafft und so auch punktuell wieder ideale Bedingungen für Pioniere wie Mohn und Co. herstellt.

Auf den 1,3 Hektar entwickeln sich alleine schon dadurch jeweils unterschiedliche Lebensräume, dass Markus Canz einzelne Sektoren zeitlich versetzt mäht. In den gestutzten Abschnitten können sich Blühpflanzen entfalten. Im stehen gebliebenen Gras haben dagegen Tiere die Möglichkeit, sich zu entwickeln, zu verstecken oder im Winter Nahrung zu finden. „Wir wollen eine Art Weidewirtschaft simulieren“, sagt Canz.

„Man könnte in jedem kleinen Garten ein bisschen Grasfläche wegmachen und schauen, was passiert.“

Susanne Zeltwanger-Canz über die Möglichkeiten auf kleinerer Fläche

Darüber hinaus verändert er die Struktur der Wiese mit baulichen Eingriffen. Störstellen nennt er diese künstlichen Einschübe. An einer der eindrücklichsten Geländeformationen hat er wochenlang geackert. Mitten auf dem ansonsten flachen Feld hat er eine tiefe, mehrere Meter breite Senke ausgehoben. Auf der unbesiedelten, quasi jungfräulichen Erde können sich Pionierpflanzen ansiedeln, herrscht ein eigenes Mikroklima. Canz hofft, dass sich bei starkem Regen vielleicht sogar kurzzeitig ein Teich bildet. An der hohen, senkrecht abfallenden Abbruchkante haben Wildbienen die Möglichkeit, Löcher zu graben.

Weitere Lebensräume für krabbelnde und surrende Bewohner warten in einer Hecke aus Totholz und in drei mit Regenwasser gefüllten flachen Teichen. „Das ist vor allem für Amphibien, die kleinere Gewässer zum Ablaichen brauchen“, erklärt Canz.

Ein Schlaraffenland für Käferlarven ist indes die Burg, die er neu errichtet hat. Canz hat dafür eine Grube ausgehoben, Totholz von heimischen Sorten hineingesteckt, das Loch wieder verfüllt, nach oben hin mit lockerer Erde. Die Stämme ragen noch hinaus. „Das verrottende Holz wärmt sich bis in die Tiefe durch die Sonne auf. Da können Käfer ihre Eier ablegen und die Larven wachsen“, erklärt er. Ähnlich spektakulär verspricht das Sandarium zu werden, an dem er arbeitet. In einer Art Becken aus Erde wird eine 60 Zentimeter dicke Schicht Sand eingebracht, in dem Wildbienen ein Zuhause finden.

Familie: Jede kleine Fläche kann helfen

Rund um die künstlich geschaffene Abbruchkante herrscht ein eigenes Mikroklima und können sich Pionierpflanzen ansiedeln. Foto: Werner Kuhnle

Wie außergewöhnlich all das ist, was auf dem früheren Acker zwischen Benningen und Freiberg entstanden ist, hat sich längst herumgesprochen. Die Familie Canz wird für Vorträge gebucht, ist mit anderen Naturfreunden vernetzt. Und Markus Canz fällt ständig etwas Neues ein, wie er das Gelände weiter bereichern könnte. So hat er sich eine Ladung mächtiger Steine herankarren lassen, die auf einer Baustelle nicht mehr benötigt werden. Canz wird sie zerkleinern und für zusätzliche Biotope verwenden.

Er und seine Frau würden sich wünschen, dass andere ihrem Beispiel folgen, um die Artenvielfalt zu stärken. Natürlich könne nicht jeder auf so einer gewaltigen Fläche schalten und walten. Aber jede kleine Fläche helfe. „Man könnte in jedem kleinen Garten ein bisschen Grasfläche wegmachen und schauen, was passiert. Vielleicht nisten dann zum Beispiel Sandbienen, die einfach Erde brauchen“, sagt Susanne Zeltwanger-Canz.

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