Ärger über Poller in Stuttgart Durchfahrt versperrt – Retter zu Fuß auf Irrwegen?

Wer etwa an dieser Stelle mit dem Rettungswagen weiterwill, scheitert an den Pollern – und muss einen mehrere Hundert Meter langen Weg zu Fuß antreten. Foto: Jürgen Bock

Der Ärger über neu aufgestellte Poller mit Vorhängeschlössern in Heumaden hält an. Jetzt ist laut Anwohnern ein Rettungseinsatz verzögert worden. Offenbar passiert das auch an anderen Stellen in Stuttgart. Eine Klage läuft.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Es ist ein Samstag Anfang April. Ein Anwohner ist im Bereich der Bernsteinstraße in Stuttgart-Heumaden unterwegs. „Ich wurde Augenzeuge, wie ein Notfallsanitäter und ein Notarzt hier herumirrten, bis sie schließlich zu Fuß zum Einsatzort in einer Wohnung kamen“, erzählt der Mann. Erst seien die Retter mit ihrem Fahrzeug in die verkehrte Richtung gefahren, hätten dann gewendet und das Auto schließlich stehen lassen. „Ich habe ihnen den Weg letztlich gezeigt, Schlüssel für die Vorhängeschlösser an den Pollern zur Fußgängerzone hatten sie nicht“, sagt der Anwohner. Hätte das Fahrzeug einfahren können, hätte es „15 Meter vom Eingang entfernt halten können“. Der ganze Vorgang habe mindestens acht Minuten gedauert.

 

Es sind solche Einsätze, derentwegen sich viele Anwohner der Bernsteinstraße in Heumaden Sorgen machen. Die Stadt hat an der dortigen großen Fußgängerzone an allen Seiten grün-weiße Poller mit Vorhängeschlössern aufgestellt, um nach Beschwerden das illegale Befahren zu unterbinden. Seither kommen Handwerker, Paketboten, aber auch Rettungskräfte nicht mehr durch und müssen zu Fuß weiter.

Feuerwehr sieht kein großes Problem

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) verweist in dem Fall von Anfang April auf die Feuerwehr. Deren Rettungsdienst war offenbar vor Ort. Dort will man von Schwierigkeiten allerdings nichts wissen. „Die Kollegen berichten von einem normalen Einsatz ohne besondere Behinderungen“, sagt ein Sprecher. Die Pollerthematik sei bekannt. Der Leitungsdienst der Feuer- und Rettungswache 5 habe sich die Situation vor Ort angesehen und als „unkritisch“ eingeschätzt. „Es sind etwas längere Wege zu laufen oder die Vorhängeschlösser mit den von uns mitgeführten Bolzenschneidern zu öffnen.“ Die haben andere Rettungsorganisationen allerdings nicht dabei.

Die Stadt bestätigt mittlerweile, dass die grün-weißen Poller mit Vorhängeschloss offenbar nicht nur in der Fußgängerzone in Heumaden eingesetzt werden. „Zu anderen Einsatzorten des Pollers können wir nicht ausführlich Stellung nehmen“, sagt ein Sprecher. Allerdings: „Aus Sicht des zuständigen Amtes wird diese Form des Pollers auch andernorts so eingesetzt.“

Ob damit andere Orte in Stuttgart gemeint sind? Höchstwahrscheinlich ja. Denn offenbar hat es auch in anderen Stadtbezirken schon Ärger damit gegeben. „Das gleiche Problem mit den Vorhängeschlössern besteht auch am Killesberg an den Zufahrtswegen zu den Häusern auf dem ehemaligen Messegelände“, sagt ein Mitarbeiter aus dem Rettungswesen. Bereits vor Jahren sei er dort bei einem Notarzteinsatz dabei gewesen. „Die Zufahrt und adäquate Patientenversorgung waren nach einigem Hin und Her nur dadurch möglich, dass ein zufällig vorbeikommendes Feuerwehrfahrzeug das entsprechende Werkzeug an Bord hatte, um das Schloss zu knacken“, erinnert er sich. Außer in Stuttgart habe er das so noch nirgendwo gesehen.

Das zuständige Ordnungsamt hatte gegenüber unserer Zeitung zum Fall in Heumaden gesagt, die Rettungsorganisationen seien vor dem Aufstellen der neuen Poller informiert worden, Einsätze seien gewährleistet. Davon jedoch wussten die Retter nach eigenen Aussagen nichts. Nach DRK-Angaben etwa habe man auch keine Möglichkeit, die Schlösser zu öffnen. Die Retter könnten die Einsatzorte zwar erreichen – aber eben zu Fuß. Die Fußgängerzone dort misst allein in Ost-West-Richtung fast 500 Meter. Da kommen schnell lange Wege zusammen – so wie in dem Fall Anfang April.

Kein Durchkommen dank Vorhängeschloss Foto: Jürgen Bock

Bei vielen Anwohnern herrscht nicht zuletzt wegen solcher Ereignisse nach wie vor Aufregung. Einer von ihnen hat inzwischen Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Zunächst geht es dabei um einen Eilantrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung. Ziel: Entfernung der Vorhängeschlösser, um die Sicherheit der Anwohner zu gewährleisten. „Die Stadt hat dazu dem Gericht gegenüber Stellung bezogen, mit teils abenteuerlichen Argumenten“, sagt der Kläger. Er zweifelt an, dass die Poller rechtlich überhaupt zulässig sind.

Der Sprecher der Stadtverwaltung bestätigt das Vorliegen der Klage. „Das Verfahren ist als vorläufiges Rechtsschutzverfahren beim Verwaltungsgericht Stuttgart anhängig. Es liegt der Stadt noch keine Entscheidung vor“, sagt er. Ob die Poller zulässig sind, sei Teil des Verfahrens. Man bitte daher um Verständnis, „dass wir uns zu dem laufenden Verfahren nicht äußern können“.

Bei Unklarheiten fragen Retter öfter mal Anwohner

Immerhin: Weitere möglicherweise behinderte Einsätze neben dem geschilderten liegen zumindest der Leitstelle vom Deutschen Roten Kreuz und der Feuerwehr derzeit offenbar nicht vor. Dort heißt es, es sei an sich nicht ungewöhnlich, dass bei schwierigen Ortsverhältnissen Anwohner nach dem Weg gefragt würden.

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