Ärger um Schönbuchbahn Kreis will nicht auf Kosten sitzen bleiben

Im Sommer soll der Betrieb der Schönbuchbahn komplett mit Ökostrom funktionieren. Foto: Stefanie Schlecht

Der Betrieb der Schönbuchbahn kostet etliche Millionen Euro im Jahr. Das Land will zwar aushelfen, aber die Summe reicht dem Böblinger Landrat nicht. Er droht mit einem Rückzug.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Als „beschämend“ bezeichnet der Böblinger Landrat Roland Bernhard (parteilos) die Höhe der Mitfinanzierung, die das Land Baden-Württemberg für den Betrieb der Schönbuchbahn in Aussicht gestellt hat. Der Kreis Böblingen hatte vor gut 30 Jahren die Stilllegung der Nebenbahn rückgängig gemacht, indem er zusammen mit dem Kreis Tübingen in einem Zweckverband die Verantwortung für die Nebenbahn übernommen hatte. In den vergangenen Jahren hat der Zweckverband die Themen zweigleisiger Ausbau zwischen Böblingen und Dettenhausen (Kreis Tübingen) sowie Elektrifizierung der Züge in die Hand genommen, mit allen Hochs und Tiefs, die beispielsweise die Entwicklung und Zulassung eines neuen Zugmodells mit sich bringen. Nun sind ebendiese Themen beim Land angekommen – die Reaktivierung vieler Nebenbahnstrecken läuft. Alle Nebenbahnen – wie auch die Schönbuchbahn – sollen „brüderlich und schwesterlich“ aus einem Topf Mittel erhalten. Egal, ob sie schon mit der Elektrifizierung ihrer Züge begonnen haben oder nicht.

 

Das Verkehrsministerium in Stuttgart hatte vorgeschlagen, jeden Kilometer, den die Schönbuchbahn zurücklegt, mit vier Euro zu bezuschussen (in den Jahren 2025 und 2026). Zwischen 2027 und 2031 dann sollen es fünf Euro sein. Das wären 1,45 beziehungsweise 1,8 Millionen Euro im Jahr. Bernhard reicht diese Zahl nicht. „Aus der Perspektive einer modernisierten, elektrifizierten Nebenbahn ist das eine schallende Ohrfeige“, schreibt der Landrat in einem Brief an das Verkehrsministerium. Den Landkreis koste jeder Zugkilometer 30 Euro. Es drohe ein Defizit von 15 Millionen Euro im Jahr bei den Betriebskosten. „Diese chronische Unterfinanzierung würde sich in den nächsten zehn Jahren auf 100 Millionen Euro aufschaukeln. Das ist nicht akzeptabel“, so Bernhard.

Landrat fordert mehr Unterstützung

Er verlange keine komplette Übernahme der Betriebskosten, sagte Bernhard ebenso im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags, wo er ankündigte, den Brief zu verschicken. Aber das Land solle sich am Landesstandard für den Schienenpersonennahverkehr orientieren. Gut 75 Prozent der Kilometer, die auf der Böblinger Nebenbahn jährlich gefahren würden (492 000 Kilometer) entsprächen diesem Landesstandard. Käme das Land Bernhards Forderung nach, läge der Zuschuss jährlich bei elf Millionen Euro.

Für den Landrat geht es dabei auch ums Prinzip. „Wir machen für das Land den ganzen Betrieb, obwohl es deren Aufgabe ist“, sagte er im Ausschuss. Der Zweckverband Schönbuchbahn habe in den vergangenen Jahren viel eigene Mittel investiert – seit 2016 nach eigenen Angaben 190 Millionen Euro. „Wir sind in Kürze die einzige Nebenbahn in der Region Stuttgart, die vollelektrisch und mit Ökostrom betrieben wird“, schreibt Bernhard in seinem Brief. „Der Zweckverband Schönbuchbahn hat damit frühzeitig ein von der Landesregierung propagiertes Ziel zur Umsetzung der Klimaschutzziele realisiert. Andere haben diesen Schritt noch vor sich.“ Dass nun alle Nebenbahnen mit ähnlich hohem Mitfinanzieren zu rechnen hätten, ärgere ihn. „Die, die noch nichts selbst aufgewendet haben, freuen sich natürlich“, sagte Bernhard im Ausschuss. „Aber wir machen da nicht mit. Unser einziger Verbündeter ist der Landkreis Karlsruhe. Der Kollege da ist ähnlich auf der Gardinenstange wie ich.“

Ultimatum für das Land

Besonders kritisiert Bernhard die Ungleichbehandlung zur Ammertalbahn zwischen Herrenberg und Tübingen. Hier übernähme das Land die vollen Zugkilometer nach dem Landesstandard. „Diese eklatante Ungleichbehandlung ist eine grobe Missachtung des Gleichheitsgrundsatzes“, schreibt er.

Für ihn gibt es eine Konsequenz: Sollte das Land sich nicht bereit erklären, schon in diesem Jahr einen Großteil der Zugkilometer zu finanzieren, werde Bernhard dem Zweckverband Schönbuchbahn die Auflösung empfehlen. Damit würde der Zweckverband die Bahn innerhalb von zwei Jahren „in einem modernen, technisch und ökologisch einwandfreien Zustand“ an das Land übergeben. Der Landrat von Tübingen stehe im Übrigen hinter ihm, sagte Bernhard.

Der Umwelt- und Verkehrsausschuss begrüßte das Vorhaben des Landrates, den Brief – auch in dieser Deutlichkeit – zu senden. Das Land müsse eigene Strukturen für den Betrieb der Schönbuchbahn schaffen, wenn es nicht bereit sei, einen größeren Teil der Betriebskosten zu tragen. „Es geht hier um Gerechtigkeit“, sagte beispielsweise Martin Killinger (Freie Wähler) dazu. Da müsse man auch mal „den Finger in die klaffende Wunde legen“. Auch Hans-Dieter Scheerer (FDP) nannte die Belastung durch die Betriebskosten „nicht tragbar“ und sagte: „Es ist absolut notwendig, dass das Land übernimmt.“

Die Schönbuchbahn

Strecke
Die Schönbuchbahn führt von Böblingen nach Dettenhausen im Kreis Tübingen. Die 17 Kilometer lange Strecke war lange stillgelegt, wurde 1996 reaktiviert. Schnell wuchsen die Fahrgastzahlen an.

Ausbau
 Zwischen 2017 und 2019 arbeitete der Zweckverband Schönbuchbahn als Betreiber an einer Modernisierung der Trasse. Ziel war der 15-Minuten-Takt mit vollelektrischen Zügen.

Neue Züge
 Die mit Ökostrom betriebenen Züge lassen auf sich warten. Bei der Zulassung der zwölf Fahrzeuge vom spanischen Hersteller CAF gab es immer wieder Probleme. Ausgeliehene E-Loks und Dieselzüge haben lange überbrückt.

Start
 Seit März liegt die Zulassung endlich vor. Seit Anfang Mai werden die Zugführer geschult, dies soll bis August dauern. Die neuen Elektrofahrzeuge sollen dann nach und nach in den Planbetrieb der Schönbuchbahn übergehen.

Weitere Themen