Afghanischer Friedensaktivist in Stuttgart Mit Worten gegen die Taliban

Marziah und Ali Mazlomyar mögen ihre neue Heimat Stuttgart. Im Herbst erwartet das Ehepaar sein erstes Kind. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Afghanistan war Ali Mazlomyar ein Friedensaktivist. Als die Taliban 2021 wieder die Herrschaft errichteten, mussten er und seine Frau Marziah nach Deutschland fliehen. Wie kommt das junge Ehepaar in Stuttgart zurecht?

Ali Mazlomyar schwitzt unter der Burka, es ist heiß und stickig, er kann sich kaum bewegen und kaum etwas sehen. Irgendwo neben und vor ihm stehen seine Freunde aus der Friedens-WG in Kabul. Die rund 20 jungen Männer wollen für die Rechte der Frauen in ihrem Land demonstrieren. Sie halten Banner mit Aufschriften wie „Der Schmerz der Frauen ist auch unser Schmerz“ oder „Schreibt den Frauen nicht vor, was sie zu tragen haben“ in die Höhe.

 

Es ist der Internationale Frauenrechtstag 2017, Mazlomyar läuft in dem sackähnlichen Gewand zum Gebäude der afghanischen Menschenrechtskommission. „Wir wollten wissen, wie sich das anfühlt“, sagt er heute. Wie kann man überhaupt damit laufen? Wie mit diesem winzigen Sichtgitter den Weg finden? „Wir trugen die Burka nur 40, 45 Minuten. In der Zeit bin ich zweimal hingefallen, konnte kaum atmen.“

Frauen leben wie im Gefängnis

Vor Ort zieht die Gruppe junger Männer öffentlichkeitswirksam die Burkas aus. Die Kameras der über die Aktion in Kenntnis gesetzten internationalen Nachrichtenagenturen und von gewöhnlichen Passanten klicken. Während die Fotos des Protests sofort in den sozialen Netzwerken von Friedensgruppen geteilt werden, schlägt den Aktivisten vonseiten der Einwohner Kabuls auch Verachtung entgegen: Das sei „ein Schachzug des Westens“, sagte ein männlicher Passant einem Videoreporter von Independent Television News (ITN). „Frauen sollten sich davon nicht täuschen lassen, denn der Islam gewährt ihnen die besten Rechte.“

In Wahrheit wollen radikale Islamisten den afghanischen Frauen fast alle Rechte rauben: Nach ihrem Willen dürfen sie kein Geld verdienen, ab dem Alter von acht Jahren nicht mehr zur Schule gehen, ohne die Begleitung eines männlichen Blutsverwandten das Haus nicht mehr verlassen, und wenn sie ein Mann begleitet, dann müssen sie stets einen Ganzkörperschleier tragen. In der Burka, die die Trägerin fast komplett verhüllt und nur einen Streifen Netzstoff als Sichtfenster hat, würden sich die Frauen „wie in einem Gefängnis“ fühlen, beklagen die Demonstrierenden am 8. März 2017.

Von Kabul über Leipzig nach Stuttgart

Ihrem Protest folgt die Verdammung durch einen religiösen Führer. Sie hätten die afghanische Kultur beleidigt. Die Sorgen, die Mazlomyar sich damals machte, spiegeln sich bis heute in seiner Mimik. In jener Nacht nach der Protestaktion seien sie zu acht im Friedenszentrum gewesen, keiner konnte schlafen, erzählt er. Werden die Taliban kommen und sie töten? Dabei hätten sie überhaupt nicht die afghanische Kultur beleidigt, sagt Mazlomyar, im Koran stehe nichts über die Burka oder die angebliche Pflicht für Frauen, sie in der Öffentlichkeit zu tragen. Doch die Aktion ließ die Gruppe, ihre männlichen und weiblichen Mitglieder, ins Fadenkreuz der Taliban rücken.

Viele Tausend Menschen sind seit der Einnahme Kabuls durch die Taliban am 21. August 2021 auf der Flucht – vor allem jene Teile der afghanischen Zivilgesellschaft, die sich mühsam etabliert haben und die der Westen gefördert hat (allerdings nach dem Einmarsch der Taliban sofort fallen ließ). Sie verstecken sich in Afghanistan vor den Taliban und müssen befürchten, dass sie sich an ihren engsten Verwandten rächen.

Ali und Marziah Mazlomyar – beide 24 Jahre alt – gehören zu den wenigen Afghanen, die es durch die Luftbrücke aus Kabul an einen sicheren Ort geschafft haben. An diesem warmen Frühsommertag sitzen auf den Stufen eines Stuttgarter Cafés und blicken auf das gegenüberliegende Neue Schloss. Sie trägt eine Bluse mit Blümchenmuster und einen Schal, der auch einen Teil ihrer Haare bedeckt. Er hat ein graues Sweatshirt an und seinen Bart zu einem hippen Henriquatre getrimmt. Das Ehepaar lernt zurzeit eifrig Deutsch, „Danke schön“ seien ihre Lieblingsworte, sagt er.

Eine Wohnung für die junge Familie

Sie sind jetzt im Exil, in Sicherheit vor den Taliban, seit sie am 27. Januar mit einem Flugzeug in Leipzig gelandet sind. Trotzdem sorgt sich Ali Mazlomyar. Denn das Stuttgarter WG-Zimmer, in dem sie momentan wohnen, hat keine Heizung: „Es war sehr kalt im Winter.“ Marziah ist schwanger. Bis zum Herbst, wenn sie zu dritt sind, brauchen sie unbedingt eine neue Wohnung, meint er, aber ihre Chancen dafür stünden schlecht.

Andererseits: So viel Grün wie in Stuttgart, das gebe es in ihrer Heimatstadt Kabul nicht, erzählen die beiden (auf Englisch) begeistert. Freunde hätten ihnen erklärt, dass das große Gebäude am Schlossplatz „The King’s house“ sei – das Haus des Königs. Das Ehepaar staunt ein wenig darüber.

Streit mit dem Bruder

Vieles ist neu und ungewohnt. Berührungspunkte zu ihrem alten Leben gibt es hier nicht – aber Menschen, die ihnen helfen. Etwa den Dokumentarfilmer Niklas Schenck und seine Partnerin Ronja von Wurmb-Seibel, eine mutige Reporterin. Beide haben sich lange in Afghanistan aufgehalten, das Land porträtiert. Einer ihrer Filme (von 2015) heißt „7 Tage . . . in Kabul“ und zeigt, wie die afghanischen Friedensaktivisten als Wohngemeinschaft zusammenleben und sich um Straßenkinder kümmern. Warum er diesen Weg gegangen ist, warum er in diesem kriegszerrütteten Land Friedensaktivist geworden ist, kann Ali Mazlomyar kaum sagen. Das Thema Frieden habe in seinem Leben immer mehr Raum eingenommen. Er hätte den Krieg, das alltägliche Leid schlichtweg sattgehabt.

Ali Mazlomyars älterer Bruder war Soldat. Als Pazifist fand Ali das nicht gut, es gab Streit in der Familie. Dennoch hat ihm sein Bruder von seinem kargen Sold Schreibhefte und Bücher gekauft, damit er lernen konnte. Nach zwei Jahren bei der Armee wurde er von den Taliban erschossen. Er wurde gerade einmal 22. „Ich konnte ihm nicht einmal mehr dafür danken, dass er mich unterstützt hat“, sagt Ali Mazlomyar.

Sein Vorbild ist Mahatma Gandhi

Wie muss es sein, in einem Land aufzuwachsen, in dem solche Tragödien vorgezeichnet sind? Wo Gewalt normal ist und die Alternative – Frieden – kaum denkbar? Ali Mazlomyar und seine Freunde wollten diese Verhältnisse ändern. Sie sind gescheitert.

Angefangen hat Ali Mazlomyars Engagement bei einem Besuch in Bamiyan, jener Stadt, in der die Taliban 2001 die großen Buddhastatuen gesprengt hatten. Als 13-Jähriger lernte er dort 2012 eine Gruppe von Friedensaktivisten kennen. Sie räumten einen Park auf. Er fragte: „Warum seid ihr hier?“ Sie antworteten: „Hier ist Frieden.“

Mazlomyar erzählt, dass er damals damit begonnen habe, sich mit dem Thema Frieden intensiv zu beschäftigen. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse hat er den Schriften von Mahatma Gandhi zu verdanken: „Du und ich, wir sind eins. Ich kann dir nicht wegtun, ohne mich zu verletzen.“ Frieden vorzuleben – und damit vielleicht zu stiften – wurde Ali Mazlomyars Mission.

Der Traum von einem toleranten Miteinander

In Kabul studiert er Umweltwissenschaften, seine Frau Marzia Geburtshilfe. Sie träumen davon, dass ihre Kinder in einer freien Gesellschaft aufwachsen. Doch als die Taliban die afghanische Hauptstadt einnehmen, wird ihnen klar, dass es in ihrer Heimat wohl niemals ein tolerantes Miteinander geben wird. Es beginnt eine bleierne Zeit.

Viele Menschen – mehrheitlich Hazara, Angehörige jener Ethnie, die die Taliban bereits früher brutal verfolgt hatten, verlassen ihre Häuser und Wohnungen in Kabul und ziehen in die Berge. Sie verstecken sich auf rund 2500 Meter Höhe, dort, wo vor Kurzem noch Skirennen – auch für Frauen – stattgefunden haben. Die Kälte beißt, 26 Babys erfrieren in den Bergen. Die Taliban garantieren, sie würden niemanden töten, die Menschen sollten in die Stadt zurückkehren.

Sie halten nicht Wort. Als die Hazara nach Kabul zurückgekehrt sind, werden sie überprüft: Wer war Soldat, wer Richterin? Wer war Journalistin, Filmemacher oder Theaterschauspielerin? Wer hat mit Ausländern zusammengearbeitet?

Die zerstörerische Macht der radikalen Islamisten

Auch auf Ali Mazlomyar werden die Taliban von ihren Sympathisanten aufmerksam gemacht: „Der da war in einem Film zu sehen, der zeigt, dass die Taliban die Buddhas von Bamiyan zerstört haben.“ Tatsächlich hat Mazlomyar in einem Film einen Taliban gespielt. „In meiner Rolle zerstörte ich Schulhefte, schlug Mädchen, schrie sie an. Ich musste gewalttätig sein.“ Der Film prangert die zerstörerische Macht der radikalen Islamisten an – und wird neben der Protestaktion am Weltfrauentag zu einem Grund, weshalb Ali Mazlomyar mit seiner Frau aus Kabul fliehen will.

Als Ali Mazlomyar für die Ausreise bei der Behörde einen Pass beantragt, wird er verhaftet. Man schlägt ihn. Seine Stimme stockt, wenn er das heute erzählt. Den Taliban reiche ein unbestimmter Verdacht, um jemand ins Gefängnis zu stecken, sagt er.

Der Friedensaktivist ist für die Taliban ein Todfeind

Als sich am nächsten Tag zwei Freunde für ihn eingesetzt haben, lassen ihn die Taliban zwar gehen, aber nicht, ohne ihn vorher zu fotografieren und ihm zu drohen, dass sie ihn finden würden, sollte er sich weiterhin gegen das Regime engagieren. Ein Friedensaktivist ist für die Taliban ein Todfeind. „Ich musste nicht nur um mein eigenes Leben fürchten, sondern auch damit rechnen, dass sie meiner Frau etwas antun werden.“

In Stuttgart haben Ali und Marziah Mazlomyar ihren lang ersehnten Frieden gefunden. „Wir fühlen uns hier frei“, sagt er. „Und endlich wieder lebendig.“

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