Man sieht es ihm nicht auf den ersten Blick an, aber eigentlich ist Alexander Petrajtis ja ein Diplom-Physiker. In seiner Arbeit an der Uni Vaihingen hat er vor einer halben Ewigkeit die Hardware erforscht, die für Quantencomputer verwendet wird. Es braucht jedoch keine tiefer gehende Analyse, um zu verstehen, wieso er im Jahr 2013 das Labor hinter sich gelassen hat, um stattdessen an den Türen von Stuttgarter Clubs und Bars seinen Weg einzuschlagen. Hände wie Schaufeln, 140 Kilo Kampfgewicht, Vollbart und ein breites Kreuz zeigen nun mal eine körperliche Präsenz, die man sich von jedem Türsteher wünscht.
Wer in Stuttgart schon feiern war, wurde sicherlich mal von den Augen des friedlichen Riesen gemustert. Normalerweise schlägt er sich bei der Arbeit die Nacht um die Ohren. Der Grund warum er an einem Freitag auf der Stuttgarter Königstraße mit Clownsmaske in der einen Hand und einer Rolle Plakate in der anderen Hand unterwegs ist, bevor die Geschäfte überhaupt geöffnet haben, hat etwas mit seinem anderen Job zu tun. Alex organisiert MMA-Kämpfe in Stuttgart. An diesem Morgen ist er unterwegs, um einen sehr bekannten Kämpfer aus der Region zu einem Comeback zu bewegen. Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn der Fight wäre in etwas zwei Wochen.
Stuttgart als neues Zentrum für MMA: Alex' Vision und Engagement
„Ich bin damals über den Kampfsport überhaupt erst zu dem Beruf als Türsteher gekommen“, sagt er. Ungefähr zeitgleich hat er angefangen, Kämpfe in Stuttgart zu organisieren. Das Problem sei damals gewesen, dass es Hotspots für den Kampfsport in Berlin und im Ruhrgebiet gegeben habe. „Ich wollte damals, dass auch Stuttgart vorangebracht wird und die Leute nicht so lange Wege in den Ruhrpott auf sich nehmen müssen“, sagt er. Die Stadt habe ein großes Potenzial für Kämpfer gezeigt. Diese haben sich unter anderem im bekannten Stallion Gym in Zuffenhausen getroffen. Das Studio sei der erste Ort in Stuttgart gewesen, an dem sich MMA-Kämpfer getroffen hätten.
Die Erfolge, die aus den Stuttgarter Events hervorgegangen sind, sprechen nun für sich. Manche bekannten Kämpfer hatten in Alex’ Käfig ihre Anfänge und haben später eine Profikarriere eingeschlagen. „Der Publikumsliebling aus Stuttgart ist sicher Christian Jungwirth. Der ist damals ganz schüchtern zu mir gekommen und hat gefragt, ob er bei mir kämpfen darf“, sagt Alex. Seine ersten drei Kämpfe habe er bei Age of Cage damals gewonnen und habe danach internationale Kämpfe und eine Profikarriere absolviert.
Kuriositäten und Respekt: Spannende Anekdoten aus dem MMA-Ring
Im Laufe der Jahre haben sich zudem einige kuriose Dinge bei den Events abgespielt. Einmal wurde einem Kämpfer beim Kampf die Schulter ausgekugelt. „Der Ringarzt hat das natürlich gesehen und ist sofort gekommen und hat die Schulter wieder eingerenkt. Dann hat er dem Kämpfer gesagt, dass er wieder zurück kann und weiterkämpfen“, erzählt Alex. Meistens würden sich die Kämpfer ohnehin zwar die Köpfe einschlagen doch sich anschließend auch umarmen und respektvoll miteinander umgehen.
Die nächste Age-of-Cage-Veranstaltung findet am 11. Mai im LKA Longhorn statt. Diese läuft unter dem Motto „Veteranen“. Die Kämpfer sind also teilweise wesentlich älter als andere. Einer von ihnen ist 62 Jahre alt. Was ihre Sicherheit angeht, macht sich Alex jedoch keine Sorgen. „Du kannst davon ausgehen, dass wenn jemand mit 62 überhaupt in den Ring steigen kann, er bereits topfit sein muss“, sagt er. Die Kämpfe finden mit MMA-Handschuhen in einem Boxring statt.
"Junge Kämpfer im Fokus: Chancen und Herausforderungen im MMA"
Das Besondere an seinen Veranstaltungen ist zudem, dass jungen Kämpfern die Chance geboten wird, unter großem Druck anzutreten. „Es gibt Kämpfer, die sehr gut trainiert sind. Doch wenn sie auf einmal vor einem Publikum stehen, das den Gegner anfeuert, schaffen sie es nicht, ihr Wissen im Kampf umzusetzen“, sagt Alex. Durch die Kämpfe würde den Kämpfern auch die Chance geboten, sich besser zu vermarkten, weil sie Bild- und Videomaterial hätten, das sie posten können. Man könne immer auf ihn zukommen, wenn man kämpfen will. Er lässt jedoch nur diejenigen in den Käfig, der auch die Erlaubnis seines Trainers hat.
Bis Alex Großveranstaltungen mit einem Käfig auf die Beine stellen konnte, war es ein langer Weg. „Am Anfang hatte ich noch einen normalen Boxring, in dem man kämpfen konnte“, sagt er. Das Problem sei, dass ein Ring die Gefahr berge, dass man herausfallen könne, gerade wenn man in die Ecke gedrängt wird. Irgendwann hat er dann auf den bekannten Käfig umgestellt, für den die brutalen MMA-Kämpfe bekannt sind. Dieser muss einiges aushalten können, um für die Turniere geeignet zu sein. „Ich hatte damals einen Freund, der mir den Käfig mit dem Maschendraht bauen konnte“, sagt er. Damals habe er 10 000 Euro dafür bezahlt.
Stuttgart im MMA-Fieber: Oktagon bringt Kämpfe ins TV
Laut Alex war er einer der Ersten in Stuttgart, die diese Art von Kämpfen organisiert haben. Inzwischen finden auch Kämpfe von anderen Veranstaltern statt. Der große Durchbruch für die Szene kam sicherlich mit den Kämpfen des europäischen Verbands Oktagon MMA. Diese haben im vergangenen März in der Schleyerhalle ein Großevent auf die Beine gestellt, das auf RTL Plus übertragen wurde.
Alex betont auch, dass alle zu seinen Kämpfen willkommen seien. Der normale Eintrittspreis liege bei 40 Euro. Entgegen vieler Vorurteile kämen auch Frauen zu den Events. „Bei mir ist jeder. Mancher sieht aus wie eine Manager von Porsche und andere wirken bodenständiger“, sagt er. Auch betont er, dass bei ihm keine Wetten abgeschlossen werden können. „Die Kämpfer kriegen ohnehin wenig Geld. Wenn Wetten abgeschlossen werden, fangen die plötzlich an zu verlieren. Das will niemand“, sagt er.
Und dann ist da noch die Sache mit der Clownsmaske. Auf Instagram zeigt der bullige Türsteher ungern sein Gesicht. Daher ist er die meiste Zeit mit einer Maske mit einem verzerrten Clownsgesicht zu sehen. Diese ist inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden. Dass man sein Gesicht online sieht, ist ohnehin nicht wichtig. Denn die Menschen, die ihn von den Türen der Stuttgarter Clubs kennen, werden ihn auch so erkennen.