Über Jahrzehnte kämpfte die Aids-Hilfe gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Bei der Feier zum 40. Geburtstag wird mitten in der Stadt klar: Solidarität ist stärker als Angst und Stigma.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Der Große Sitzungssaal im Stuttgarter Rathaus platzt an diesem Abend aus den sprichwörtlichen Nähten. Dicht an dicht sitzen die Gäste, selbst die Empore ist gut besetzt. Die Aids-Hilfe Stuttgart feiert ihr 40-jähriges Bestehen – und die Stadt feiert mit. Stuttgart zeigt die rote Schleife.

 

Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) blickt in den voll besetzten Saal, in dem fast alle die Schleife tragen (die gibt es am Eingang), und sagt: „Ich bin oft hier im Großen Sitzungssaal, aber so voll habe ich diesen Ort selten erlebt.“ Die Aids-Hilfe, die in ihren Anfangsjahren gegen massive Vorurteile und Widerstände ankämpfen musste, sei heute „in der Mitte der Stadt angekommen – dort, wo sie hingehört“.

Zum 40. Geburtstag der Aids-Hilfe Stuttgart gibt es eine Plakatkampagne. Motto: „Ich zeige Schleife“. Laura Halding-Hoppenheit ist eines der Gesichter. Links: Bernd Skobowsky, Geschäftsführer der Aids-Hilfe. Foto: engelhard-photography

Erinnern an eine schwere Zeit

Die Stimmung ist fröhlich und nachdenklich zugleich. Ein eigens produzierter Kurzfilm der Arbeitsgemeinschaft Queere Erinnerungskultur „Der Liebe wegen“ des Vereins Weissenburg führt die Gäste zurück in die Zeit der Aids-Krise der 1980er und 1990er Jahre. Bilder und Originalaufnahmen zeigen eine Zeit, in der es noch keine wirksamen Medikamente gab – eine Zeit der Trauer, in der im Großraum Stuttgart rund 600 Menschen an den Folgen von Aids starben. Cliquen wurden dezimiert. Queere Jugendliche von heute können sich kaum vorstellen, was damals in Stuttgart los war.

Aber auch heute sterben noch Menschen weltweit an den Folgen von Aids. Zu ihrem Gedenken werden rote Schleifen an das Abendkleid von Queen Henni, einem Star der Stuttgarter Drag-Szene, geheftet. Es gibt eine Schweigeminute für die Opfer.

Clublegende Laura Halding-Hoppenheit erinnert an eine „grausame Zeit“ mit bebender Stimme und bewegenden Worten, die unter die Haut gehen. Jahrzehntelang betrieb sie den Kings Club, einen der wichtigsten Treffs der queeren Szene in Stuttgart. „Es gab Wochen, da hatten wir zwei oder drei Beerdigungen“, sagt sie, „und oft durften wir gar nicht hingehen, weil die Familien uns nicht wollten.“ Familien hätten ihren aidskranken Kindern gesagt: „Du bringst Schande über uns.“

Der queere Chor Rosa Note singt bei der Feier im Stuttgarter Rathaus Foto: Klaus Schnaidt

Von der Sterbebegleitung einst bis zur Aufklärung heute darüber, dass außer Aids weitere sexuell übertragbare Krankheiten die Gesundheit bedrohen: Die Arbeit der Aids-Hilfe, die vor allem vom Ehrenamt lebt, ist in 40 Jahren immer weiter gewachsen. Das Engagement galt damals wie heute einer offenen Gesellschaft. Etwa 3000 Langzeitpositive leben in Stuttgart. Etliche haben ein Alter erreicht, in dem sie in betreutes Wohnen ziehen wollen, doch keinen Platz dafür finden. Die Diagnose HIV, berichtet die Aids-Hilfe, halte Heime aus einer alten Angst heraus davon ab, sie aufzunehmen.

Der Abend im Rathaus Stuttgart ist auch ein Zeichen der Lebensfreude

Der Film erinnert an Verstorbene, die lange anonym bleiben mussten, weil selbst die Nennung ihres Namens Stigmatisierung bedeutete. Die Zeitung „Rainbow“ der Aids-Hilfe hat in den Anfangsjahren die Namen und Fotos ihre Redakteure nicht genannt und nicht gezeigt. Die Sorge war, „dass wir sonst berufliche Nachteile haben“.

Doch der Abend mit dem früheren Grünen-Fraktionsvorsitzenden Andreas Winter als Moderator ist mehr als ein Gedenken. Er ist auch ein Zeichen der Solidarität, des Stolzes auf das Erreichte und der Lebensfreude. Im oberen Foyer legt DJane Alegra Cole auf, Botschafterin der Aids-Hilfe. Musik erfüllt das Rathaus, Menschen tanzen, lachen, umarmen sich. Es gibt Maultaschen und Kartoffelsalat von der gemeinnützigen Gesellschaft für Schulung und Reintegration.

Im Foyer legt DJane Alegra Cole, Botschafterin der Aids-Hilfe, auf. Foto: stzn

Darf man feiern, wenn man an Tote erinnert? Ein Gefühl ist als Antwort zu spüren: Man darf – und sollte es auch. Die Botschaft lautet: lachen, trauern, kämpfen, feiern. An diesem Abend bedeutet Feiern: das Leben ehren, die Lehren aus der Vergangenheit ziehen, immer noch stärker eintreten gegen Diskriminierung und für eine bunte Stadt. Es ist ein stilles Versprechen, dass die Erinnerung bleibt, aber auch die Freude nicht verloren geht.

40 Jahre nach ihrer Gründung ist die Aids-Hilfe Stuttgart mitten in der Gesellschaft angekommen. Der Empfang im Rathaus zeigt, dass Mut und Menschlichkeit auf Dauer stärker sind als Angst und Vorurteile – damals wie heute. Am 29. November wird weitergefeiert. Dann heißt es in der Alten Reithalle des Hotels Maritim beim Weihnachtsball der Aids-Hilfe: Roter Teppich trifft die rote Schleife. Es gibt noch Karten.