„Kollision nicht vermeidbar“: Die Ermittlungen um den Schulwegunfall im März in Rot sind eingestellt (Archivbild). Foto: 7aktuell.de/Frank Herlinger
Es ist einer der folgenschwersten Schulwegunfälle gewesen: Im Frühjahr wurde ein Mädchen im Stuttgarter Stadtteil Rot von einer Bahn schwer verletzt. Nun ist der Fall abgeschlossen. Doch was sind die Muster, wenn auf dem Schulweg etwas passiert?
Polizei und Rettungskräfte werden die Bilder nicht vergessen: Ein zehnjähriges Mädchen muss lebensgefährlich verletzt unter einer Stadtbahn hervorgeholt werden. Der gelbe Zug steht zur Hälfte auf dem Gleisüberweg kurz vor der Haltestelle Fürfelder Straße im Stadtteil Rot. Die Schülerin war offenbar unaufmerksam über die Gleise geeilt, hatte die U 7 nicht gesehen. Am 5. März dieses Jahres ereignete sich einer der schlimmsten Schulwegunfälle der letzten Zeit.
Auch der zur Unfallzeit 44-jährige Stadtbahnfahrer wird die Bilder nicht vergessen. Hätte er das Unglück vermeiden können? Nach Informationen unserer Zeitung ist diese Frage inzwischen beantwortet: Ein Sachverständiger hat festgestellt, dass „die Kollision für den Beschuldigten nicht vermeidbar“ gewesen ist. „Das Ermittlungsverfahren gegen den Stadtbahnfahrer wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung ist eingestellt“, sagt Patrick Fähnle, Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Und wie geht es dem Mädchen inzwischen? „Über den Gesundheitszustand können wir keine Auskunft geben“, sagt Fähnle.
Mutter und Kind werden fast umgefahren
Gefahren lauern derweil überall. Schulwegunfälle können an allen Orten passieren, wie eine Analyse der Unfallstatistik für 2023 ergibt. Selbst auf dem Gehweg unmittelbar vor dem Gebäude des Bezirksamts Wangen. An einem Freitagmorgen sehen Zeugen, wie ein Autofahrer die Kontrolle verliert und mit seinem schwarzen Kombi gegen die Treppe des Rathauses prallt. Eine Mutter mit einem Mädchen im Grundschulalter werden fast umgefahren, als der Fahrer rangiert und Richtung Wasenstraße flüchtet. Zum Glück wird niemand verletzt, doch es bleiben mehrere Tausend Euro Schaden zurück. Die Polizei sucht anschließend einen Mann, den Zeugen so beschreiben: schwarzer Vollbart, etwa 50 Jahre alt.
Es kann auch in Weilimdorf passieren. In der Mathildenstraße radelt mittwochmittags ein Zwölfjähriger auf eine Kreuzung zu, kollidiert mit einem Ford, der von rechts kommt und Vorfahrt hat. Der Schüler wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. 20 Schulwegunfälle hat es im vergangenen Jahr in Stuttgart gegeben, über das Stadtgebiet verteilt. Und jeder zweite dieser Unfälle hat sich mit einem Fahrrad ereignet. In fünf dieser zehn Fälle waren die Kinder die Verursacher.
Doch ein typisches Unfallmuster oder gar Brennpunkte sind nur schwer zu finden. „Die Unfälle verteilen sich über das Stadtgebiet ohne erkennbare Schwerpunkte“, sagt Dirk Herrmann von der Abteilung Straßenverkehr im städtischen Ordnungsamt, das die Schulwegunfälle von der Polizei mitgeteilt bekommt. „Es sind auch keine schwerpunktmäßigen Monate und Wochentage erkennbar“, so seine Analyse auf Anfrage unserer Zeitung.
Aus dem Blickwinkel der Autofahrer: Die Polizei gibt Schulkindern Anschauungsunterricht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Für Eltern gibt es dagegen eindeutige Gefahren: Zu schnelle und unachtsame Autofahrer, zu wenige Querungshilfen, zu viele Sichthindernisse durch geparkte Fahrzeuge. So etwa in der Leitzstraße in Feuerbach, wo ein achtjähriges Mädchen zwischen zwei geparkten Autos über die Straße wollte und von einem Ford schwer verletzt wurde. Die Stadt reagierte – mit einem Halteverbot an der Einmündung des Fußwegs, um die Sicht zu verbessern. Dass Kinder plötzlich über die Straße rennen, zum Teil zwischen geparkten Pkw, ist für Herrmann die Unfallursache Nummer zwei in der Analyse der Schulwegunfälle – mit sieben Vorgängen.
Wer saß im davonfahrenden Jeep?
Ebenso viele Unfälle sind im vergangenen Jahr auf Zebrastreifen und Fußgängerfurten registriert worden. Dazu gehört ein Fall, der sich in der Fellbacher Straße in Untertürkheim abgespielt hat – mit einem offenbar dramatischen Ablauf. Eine Zwölfjährige, mit ihrer kleinen Schwester unterwegs, überquerte dort offenbar noch bei Grün den Überweg. „Als die Ampel auf Rot schaltete, hörten die beiden ein aufheulendes Fahrzeug“, heißt es im Polizeibericht. Die ältere Schwester habe die jüngere beiseitegezogen, sei dabei gestürzt und habe sich leicht verletzt. Ein grauer Jeep verschwand, ohne anzuhalten.
Der Fall konnte mittlerweile von der Polizei aufgeklärt werden. Die Beamten ermittelten einen 23-Jährigen. Doch was sich genau abspielte, war am Ende nicht mehr ganz so eindeutig. „Dem Beschuldigten konnte kein grob verkehrswidriges Verhalten nachgewiesen werden“, sagt Staatsanwalt Fähnle, „auch keine Unfallflucht, weil er den Vorfall womöglich gar nicht bemerkt hatte.“ Das Verfahren ist schließlich eingestellt worden.
Der Wangener Fall: gelöst – doch nicht ganz
Ein ungewöhnliches Ende hat auch die Unfallflucht am Wangener Bezirksrathaus gefunden. Der Autofahrer, der Mutter und Schulkind gefährdete, konnte letztlich aufgespürt werden. Wie sich herausstellte, war er nicht 50, sondern 72 Jahre alt. Er ist inzwischen zu einer Geldstrafe von 130 Tagessätzen verurteilt worden. Aber nicht allein wegen der Unfallflucht – sondern wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in drei Fällen.
Dies dürfte wohl auch das Motiv seiner Flucht gewesen sein. Dabei stößt die Polizei immer wieder auf Autofahrer, die illegal im Straßenverkehr unterwegs sind. So ganz zufrieden sind die Ermittler nicht mit der Aufklärung des Wangener Falls. „Die Mutter und das Kind sind unbekannt geblieben“, sagt Staatsanwalt Fähnle. „Dass sie sich nie gemeldet haben, ist sehr bedauerlich.“