Aktion vor Bürgerentscheid Lebendiges Windrad: Weltrekord geknackt
Das „größte lebendige Windrad der Welt“ hat sich am Sonntagnachmittag auf der Herrenberger Festwiese gedreht. 598 Menschen haben mitgemacht.
Das „größte lebendige Windrad der Welt“ hat sich am Sonntagnachmittag auf der Herrenberger Festwiese gedreht. 598 Menschen haben mitgemacht.
Wir haben den Weltrekord gebrochen!“ Nachdem Michael Lamparter, der gemeinsam mit Angela Patka per Mikrofon die Aktion in die richtigen Bahnen gelenkt hat, diesen entscheidenden Satz sagt, sind der Applaus und Jubel am Sonntagnachmittag auf der Herrenberger Festwiese groß.
Ein paar Minuten später brandet erneut lang anhaltender Beifall auf – dann steht fest, dass genau 598 Personen Teil des größten sich drehenden menschlichen Windrad der Welt gewesen sind und damit mehr als doppelt so viele als beim bisherigen Weltrekord. Dieser wurde 2017 auf dem Wiener Heldenplatz aufgestellt, als mehr als 260 Menschen die Silhouette eines Windrades bildeten.
In Herrenberg wurde der Rekord nicht nur zahlenmäßig bei weitem übertroffen, sondern auch in der technischen Ausführung: Denn anders als in Wien bleibt das Herrenberger Windrad nicht statisch, sondern die Flügel setzen sich tatsächlich in Bewegung. Damit das funktioniert, hatten die Initiatoren ein ausgeklügeltes System entwickelt, das 14 Tage zuvor, bei der Generalprobe mit einem Bruchteil an Beteiligten ausprobiert und weiter verfeinert wurde.
Ein Kreidekreis mit 30 Metern Durchmesser für den Rotor sowie ein 25 Meter langes, ebenfalls aufgesprühtes schlankes Trapez, das die Konturen des Turms bereits sichtbar macht, markieren den Bereich, in dem es später im wahrsten Sinn des Wortes rund gehen wird. Angesichts der sengenden Sonne und großen Hitze hält sich die Anspannung bei den Machern lange, ob genügend Mitstreiter erscheinen werden.
Erst als die Organisatoren bereits die Seile auslegen, die denjenigen, die die beweglichen Flügel bilden, Orientierung bieten und zugleich den 120-Grad-Abstand der drei Rotorblätter konstant halten sollen, steigt der Zustrom massiv an – und nimmt die Anzahl der farbigen Armbänder ebenso rasch ab. Mit diesen verteilen die Verantwortlichen die Teilnehmenden auf die Bestandteile des Windrades: Je 100 grüne, gelbe und blaue für diejenigen, die die Flügel bilden. 200 weiße gehen an die, die im Turm-Trapez stehen.
Die Aufstellung der Leute geht dann erstaunlich fix. Auch einige ohne Bändel sind darunter – genau 98, wie die Nachzählung ergeben wird. Rasch setzen sich die Rotoren in Bewegung, eine Trommel gibt den Mitgliedern des Orga-Teams, die die Flügelspitzen bilden und alle Seile in der Hand halten, den Takt vor. Besonders groß ist Freude jedes Mal, wenn bei den insgesamt fünf Runden, die sich das menschliche Windrad dreht, die Passage der Flügel reibungslos funktioniert. Dafür sind im oberen Teil durch schraffierte Flächen markiert, die die dafür vorgesehenen Lücken im oberen Turmsegment sichtbar machen.
„Wir sind einfach nur glücklich“, sind sich Eva Lang, Klaus Weingärtner und Jannis Ahlert, die drei Sprecher der Herrenberger Bürgerinitiative Rückenwind, einig. Gemeinsam mit Windkraft BB (Böblingen/Sindelfingen), Pro Windkraft Neckar-Alb, der Energiegenossenschaft erneuerbare Energien Rottenburg eG, Pro Wind Sulz am Neckar, der Teckwerke Bürgerenergie Genossenschaft sowie weiteren, mit den Initiatoren freundschaftlich verbundene Organisationen, haben sie den Rekordversuch getragen. „Es macht viel mehr Spaß, für etwas zu sein“, ergänzt Klaus Weingärtner. Die Macher wollten mit diesem Projekt ein Zeichen pro Windkraft setzen – auch mit Blick auf den Bürgerentscheid zur Verpachtung städtischer Flächen für Windkraftanlagen im Spitalwald am 13. Juli.
Darüber, aber auch über Betreibermodelle, bei denen sich Interessierte aus der Bürgerschaft finanziell beteiligen können, konnten sich Besucher zuvor beim flankierenden Rahmenprogramm informieren. Flammende Appelle pro erneuerbare Energien allgemein und Windkraft im Speziellen prägten dabei die verschiedenen Redebeiträge auf der Bühne, die von mehreren Musikbeiträgen umrahmt wurden. Ein besonderer war der eigens getextete „Windkraft-Shanty“ auf die Melodie von „Wellerman“. „Grünstrom ist unser Ziel, davon braucht es noch viel“, hieß es dort im Refrain.
Auch Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) griff zum Mikrofon. Sie berichtete, das bald das 800. Windrad in Baden-Württemberg in Betrieb geht und weitere 1200 in Planung seien. Der Turnaround sei geschafft, jetzt heiße es dranzubleiben, so die Politikerin weiter: „Es gibt keine günstigere Art, Energie zu erzeugen als mit Erneuerbaren. Das ist ein Fakt“, betonte sie.
Eine Vielzahl an Pavillons sorgte dafür, dass sich die Besucher an den Ständen und Bierzeltgarnituren im Schatten aufhalten konnten. Insbesondere diejenigen, die auf einer der zehn Sternfahrt-Routen mit dem Fahrrad in die Gäustadt gekommen waren, konnten sich zusätzlich unter einer Nebeldusche abkühlen.