Mit „Bunt gegen Hass“ ist ein Projekt gestartet, das Haftentlassenen mit Cover-up-Tätowierungen auch optisch die Abkehr von der rechten Szene möglich macht
Es ist ein gewichtiger Mann, dem Kai Georgiadis die linke Wade rasiert – als Vorbereitung für das Tattoo, das er für seinen Kunden entworfen hat und das nun gestochen wird. Es ist eine Art Kaskade aus Totenköpfen, die sich vertikal aufeinanderstapeln. Das Motiv passt zu den zahlreichen martialischen Tattoos, die Michael Schrode (Name geändert) sonst noch am Körper und sogar im Gesicht trägt. Besonders viel künstlerische Freiheit hatte Georgiadis bei der Herstellung der Tattoo-Vorlage nicht, denn er muss auf der Wade ein sogenanntes Cover-up platzieren. Das heißt: Ein früheres Tattoo wird quasi übermalt, „Da kommt nur viel Schwarz in Frage, damit das ursprüngliche Motiv nicht durchscheint“, erklärt er.
Start in ein geregeltes Leben
Bei dem 44-jährigen Klienten geht es nicht nur um eine Geschmacksverirrung, die er loswerden will, sondern um vielmehr: Aufgewachsen ist er im Heim, zu seiner Familie hat er keinerlei Kontakt. Nach der Zeit in den Heimen verbrachte er insgesamt über zwei Jahrzehnte im Gefängnis. Wegen unterschiedlicher Straftaten wurde er immer wieder verurteilt. Im Knast ließ er sich viele Tattoos stechen, darunter auch Nazisymbole. Die will und die muss er loswerden, um endlich ein geregeltes, neues Leben beginnen zu können. Das ist sein fester Entschluss.
Dabei wird Schrode von der Sozialberatung Stuttgart unterstützt, die eigens mit ihrer Aktion „Bunt gegen Hass“ ein Projekt ins Leben gerufen hat, mit dem Haftentlassene und Aussteiger aus der rechten Szene ihren Körper von tätowiertem faschistischem Gedankengut sowie von Hassbotschaften reinigen lassen können. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Benefizaktion der Stuttgarter Nachrichten, der Aktion Weihnachten. Denn die Haftentlassenen können ein Cover-up nicht aus eigenen Mitteln bezahlen.
Hagen Schulz – selbst unübersehbar ein Tattoofan – nennt mehrere Gründe, weshalb solche Übertätowierungen unbedingt notwendig sind. Sie ganz zu entfernen mit vielen Lasersitzungen ist zu kostspielig. Die Haftentlassenen müssen wieder gesellschaftsfähig werden. Und zu ihrem eigenen Schutz dient die Entfernung der verfassungswidrigen Symbole oder von Symbolen, die eindeutig die Zugehörigkeit zur rechten Szene signalisieren, noch in anderer Hinsicht: Solche Zeichen rufen die falschen Freunde aus der rechten Szene auf den Plan.
Wieder gesellschaftsfähig werden
Schrode betont, dass er in Zeiten, in denen er nicht inhaftiert war, nie etwas mit der rechten Szene zu tun gehabt habe. Warum ließ er sich dann solche Symbole unter die Haut stechen? „Ich war jung, und ich war dumm“, sagt er. Auch wenn er es nicht konkret ausspricht, lässt seine Geschichte doch Rückschlüsse darauf zu, dass zumindest in einigen Haftanstalten, in denen er quer durch die Republik einsaß, die rechte Szene das Sagen hat. „Im Gefängnis halten eben die Deutschen zusammen, die Türken halten zusammen – alle Nationalitäten sind Gruppen“, erzählt er. Und wer sich weigere, die äußeren Zeichen zu tragen, stehe allein da. Welche Konsequenzen das haben kann, bleibt der eigenen Fantasie überlassen. „Tätowieren im Knast ist verboten“, sagt Schrode. „Aber es machen viele.“ Und irgendwie finden die Insassen die passende Gelegenheit für Tattoo-Sitzungen. Das Zubehör wird selbst gebaut: Der kleine Motor aus einer elektrischen Zahnbürste oder einer Haarschneidemaschine wird ausgebaut. Als Nadel dient die Feder aus einem Feuerzeug, die wird lang gezogen. Tätowiert wird mit zum Beispiel mit Füllertinte. „Es hat sich nie etwas entzündet“, erzählt Schrode.
Seine rechte Wade hat Kai Georgiadis vor Kurzem übertätowiert mit einem Sensenmann in einem schwarzen Umhang. Darunter ist eine Acht verschwunden, die zweite Acht wird ihm der Tätowierer jetzt mit der Totenkopfkaskade übermalen. Und nicht nur das: unter der Acht auf der linken Wade stand auch noch „AB“. Auch die Buchstaben werden unter der Kaskade verschwinden. Neben den beiden Zahlen, die für den Hitlergruß stehen, ist „AB“ die Abkürzung für Aryan Brotherhood („Arische Bruderschaft“). Es ist eine rassistische, neonazistische Gang mit Ursprung in den USA. In Deutschland existiert sie als international vernetzte Organisation seit etwa 25 Jahren.
Für Georgiadis sind die Cover-up-Tätowierungen im Rahmen des Projekts von großer Bedeutung. „Ich habe mich vorab davon überzeugen lassen, dass Herr Schrode nichts mit der rechten Szene zu tun hat“, sagt er bestimmt. „Und ich finde es politisch wichtig, dass er die Symbole jetzt überdecken lässt.“ Für das Projekt macht Georgiadis Sonderpreise, weil er damit einen Beitrag zur Resozialisierung leisten möchte.
Beitrag zur Resozialisierung
Hagen Schulz ist bei der Sozialberatung in der Wohnungslosenhilfe tätig und betreut sein Projekt „Bunt gegen Hass“ nebenher. Getilgt werden nicht nur verfassungswidrige und neonazistische Symbole, sondern auch Hassbotschaften. Michael Schrode ist der erste Klient, der über das Projekt Cover-up-Tattoos bekommt. Die Sozialberatung ist sehr kritisch bei der Auswahl derer, die sie auf diese Weise unterstützt. „Wir hatten schon Anfragen, die nicht im Sinne des Projekts waren, und wir warten ab, bis wir Kontakt zu denjenigen haben, mit denen wir arbeiten wollen“, erklärt Schulz die klaren Regeln, die hinter „Bunt gegen Hass“ stehen.