Hilferufe richten die Leonberger Boschler nicht nur an das Management, sondern auch an die Politik. Vor drei Jahren war hier noch das weltweite Zentrum für autonomes Fahren geplant. Jetzt ist vor allem von Abbau die Rede. Foto: Simon Granville
Vor dem imposanten Neubau des Technologie-Konzerns Bosch in Leonberg und vor dem futuristischen Forschungszentrum in Renningen geben viele Beschäftigte ihren Sorgen Raum.
Der terrassenförmige Bosch-Neubau liegt mitten im Leonberger Zentrum. Drei große Einkaufsmärkte, ein Baumarkt und eine stark frequentierte Tankstelle sind in unmittelbarer Nachbarschaft. So wundern sich nicht wenige Passanten und Autofahrer am Donnerstagmittag über den gut gefüllten Vorplatz der neuen Bosch-Zentrale für autonomes Fahren, die eigentlich den Aufbruch in eine neue Welt der Mobilität symbolisieren sollte.
Doch die Aufbruchstimmung, die noch vor gut zwei Jahren nicht nur die Belegschaft, sondern die ganze Region Leonberg erfüllt hatte, ist längst einer fahlen Ernüchterung gewichen. Der zweite Teil der einstigen Erweiterungspläne – eine an ein Raumschiff erinnernde Veranstaltungshalle mit Mensa – wurde gestrichen, obwohl eine tiefe Baugrube bereits ausgehoben war. Die ist mittlerweile zugeschüttet, über ihr wächst im wahrsten Sinne des Wortes Gras.
Jetzt stehen knapp 200 Menschen bei kaltem Wind frierend am Haupteingang und heben ihre gelben „Hilfe“- und „SOS“-Plakate hoch, die zuvor Mitglieder des Betriebsrates und der IG Metall verteilt haben. Denn nicht nur die 2600 Menschen, die jetzt am nach wie vor am großflächigen Standort Leonberg arbeiten, fühlen sich völlig hilflos. „Noch bis vor einem Jahr gab es im Konzern eine Taskforce für das Anwerben neuer Beschäftigter“, erzählt Marten Wilhelm vom Leonberger Betriebsrat. „Die wurde schlagfertig gestoppt. Seither ist nur noch von Abbau die Rede.“
Was das in Zahlen bedeutet, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Dirk Taffe: „Wir kommen von mehr als 4000 Beschäftigten. Heute haben wir 2600. Davon sollen in einer ersten Welle weitere 400 abgebaut werden, in einer zweiten Welle noch einmal 1400.“ Die Arbeitnehmer-Vertreter wissen freilich, dass das Management auf die Krise am Automobilmarkt reagieren muss. Deshalb richtet sich der Hilferuf vor allem an die Politik. „Alle Verantwortlichen sind angesprochen, egal ob in Leonberg, in Stuttgart, Berlin oder Brüssel“, sagt Stefan Bischoff vom Leonberger Betriebsrat. Gehe es doch nicht nur um die Jobs, sondern um die Kaufkraft in der Region. „Mit unseren Gehältern bezahlen wir Einkäufe, Besuche in der Gastronomie oder im Sportstudio. Davon profitieren alle.“ Der Betriebsrat gibt der Menge ein Signal. Die ruft im Chor laut rhythmisch „Hil-fe“. Der Redner ist zufrieden: „Diesen Notruf hat man bis ins Kanzleramt gehört.“
Hilferufe an der Leonberger Bosch-Fassade. Foto: Haubitz
Den kämpferischen Part übernimmt Frank Sell. Der Chef des Gesamtbetriebsrates hat am Morgen schon in Abstadt die dortige Belegschaft auf einen heißen Winter eingestimmt. In Leonberg berichtet er von den Bosch-Stätten in Schwäbisch Gmünd und Hildesheim, wo ebenfalls ein drastischer Personalabbau geplant ist. „Dabei sind das mit Leonberg die Standorte, in denen die Zukunft der Elektromobilität entwickelt wird. Was soll dann erst mit Feuerbach oder anderen Werken geschehen, an denen noch die Verbrennertechnik im Mittelpunkt steht?“
Nicht nur die Beschäftigten in Leonberg sorgen sich um ihre Jobs. Foto: Simon Granville
Besonders verärgert ist der Chef des Gesamtbetriebsrates, dass das Management schon jetzt die Personalabbauprogramme verkündet, die erst in drei Jahren greifen sollen: „Und das kurz vor Weihnachten. Die Leute sind völlig durchgedreht.“ Deutliche Worte fallen zeitgleich auch in Renningen. Vor dem Forschungszentrum haben sich viele Mitarbeiter zu einer „aktiven Mittagspause“ versammelt.
Die Worte der Personalvertretung bleiben nicht ungehört. Noch während der Leonberger Kundgebung verteilt ein Mitarbeiter der Konzern-Pressestelle ein Statement, in dem der Bosch-Arbeitsdirektor Stefan Grosch zwar „Verständnis für die Sorgen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ zeigt, aber auch klarmacht: „Angesichts der großen Herausforderungen können wir einen Stellenabbau nicht abwenden.“
Grosch verhehlt nicht, dass sich „der Markt für Zukunftstechnologien wie Elektromobilität anders als erwartet entwickelt hat.“ Deshalb müsse das Unternehmen „unter diesen Rahmenbedingen wettbewerbsfähig bleiben“. Beim „nicht zu vermeidenden Stellenabbau gehen wir differenziert vor, um den Chancen eines jeden Bereiches und Standortes gerecht zu werden.“
Ob diese Worte den Menschen helfen, die um ihre Stelle bangen? In Leonberg leert sich nach einer knappen halben Stunde der Platz. Die Kundgebung war als „aktive Mittagspause“ angekündigt. Aber eine Aufgabe haben die Boschler noch: Ihre Hilferuf-Plakate sollen sie an die Außenfenster zur Römerstraße hängen – dort, wo die großen Einkaufsmärkte sind. Auf dass viele Passanten mitbekommen, dass im prächtigen Bosch-Neubau offenbar nicht alles Gold ist, was glänzt.