Ein bisschen ist das Betrachten der Wände und Säulen unter der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt wie die Erforschung einer modernen ägyptischen Grabkammer: Alles ist voll schwer entzifferbarer Botschaften, allerdings teilweise in riesigem Format und vor allem in einer Menge Farben.
„Seit Corona ist die Hall of Fame unser Wohnzimmer“, sagt Marc Winter vom Stuttgarter Hip-Hop-Kulturverein Underground Soul Cypher. Hall of Fame bezeichnet einen Platz, an dem sich sogenannte Writer treffen und hochwertige, anspruchsvolle Graffiti malen. In der Hall of Fame unter der Brücke in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle Mercedesstraße, in etwa zwischen Wasen und Wilhelma gelegen, ist das Bemalen bestimmter Wände legal.
Stuttgart als Epizentrum von Hip-Hop in Deutschland
Graffiti stellt dabei nur ein Element des „sehr facettenreichen Kosmos“ von Hip-Hop dar, führt der 42-jährige DJ und Eventorganisator Winter fort, der sich als Künstler DJ Lowz nennt. Tanzformen wie das Breaking, DJ-Klangkunst und Rap-Musik gehören genauso zur Kultur.
In Stuttgart hat Hip-Hop eine lange Historie, so Winter. Durch die US-amerikanischen Soldaten, die unter anderem in Stuttgart stationiert waren, verbreitete sich die in den USA entstandene Musikrichtung durch „Anschauungsmaterial aus erster Hand“. Hip-Hop werde in Stuttgart daher auch länger praktiziert als in anderen deutschen Großstädten.
Fehlendes Kulturzentrum
Das Stuttgarter Hip-Hop-Open-Festival, das jahrelang eines der größten in Europa war, ist zwar unter anderem wegen mangelnder Ticketverkäufe und Sponsoren 2024 abgesagt worden. Die lokale Szene ist aber sehr lebendig, sagt Winter. Trotzdem sei die Kultur momentan noch mehr oder weniger heimatlos, da es kein Kulturzentrum gibt. Der einzige fixe Raum befindet sich in einem der Brückenpfeiler der Hall of Fame. Die Tür ist, kaum sichtbar, von Graffiti übermalt. Hier hat das Tiefbauamt dem Verein einen Lagerraum überlassen, wo sie bei Tanz-, Musik- und Graffitiveranstaltungen unter der Brücke auch Strom beziehen können.
Kein richtiges Zentrum zu haben sei ein Problem. Es gebe zwar einige Einrichtungen wie Jugendhäuser, an denen Veranstaltungen möglich sind, sagt Fausan Abouharia, der ebenfalls zum Verein gehört. Das sei aber unsicher, mache eine kontinuierliche Arbeit schwierig. Teilweise mussten sogar einzelne Termine einer Veranstaltungsreihe jeweils an verschiedenen Orten stattfinden.
Unzählige Projekte
Seit 2018 machte sich der Verein daher für ein eigenes Kulturzentrum stark, das Zentrum für urbane Kunst und Kultur (ZUKK). Laut Projekt-Webseite soll es dort unter anderem ein Studio, Atelier, Tanzraum und ein Ort für Outdoor-Zusammenkünfte geben. Anfangs gab es dazu auch eine Demo, die auf dem kleinen Schlossplatz startete. Bis 2020 habe die Initiative Fahrt aufgenommen und unter anderem mit dem ehemaligen Ufa-Kinopalast konkrete Gebäude als potenzielle Räumlichkeiten anvisiert – dann kam Corona, sagt Winter.
Der Gedanke an das ZUKK hat sich gefestigt. „Wir könnten es bereits jetzt 365 Tage im Jahr mit Leben füllen“, sagt der 45-jährige Metallarbeiter Abouharia, der sich als Tänzer „V-San“ nennt. Wer einen Blick in die Projektvielfalt, das Netzwerk und die verschiedenen Kooperationspartner des Vereins wirft, mag dem gerne Glauben schenken. „Democracy Moves“ beispielsweise ist ein Wettbewerb in verschiedenen Hip-Hop-Künsten, bei dem es keine Jury von außen gibt, sondern aktive Teilnehmer andere bewerten. „Wenn du entscheiden willst, musst du etwas beitragen“, sei hier die Message, sagt Abouharia.
Kooperation bei Kulturzentrum denkbar
Beim kulturellen Austausch „Unity“ können junge Hip-Hop-Künstler bis zum Alter von 26 Jahren Gleichgesinnte aus Stuttgarts Partnerstädten begegnen. Und an den Seminar-Wochenenden „Educate your soul“ lernen Künstler, wie sie sich im Internet darstellen und dabei auch mit ihren Schwächen umgehen, oder beispielsweise auch Rechnungen zu schreiben.
Auch das nötige Know-How sei im Verein vorhanden, ein Mitglied sei Architekt, Winter selbst habe einmal eine Filiale mit hundert Mitarbeitern geleitet. Mittel und Ort für das Projekt sind durch Corona aber wieder in Ferne gerückt. „Solange wir autonom agieren können, könnte ich mir auch ein geteiltes Zentrum, beispielsweise mit dem Pop-Büro, vorstellen“, sagt Winter.
Fehlende Regelförderung
Ein weiteres Problem sei eine fehlende Regelförderung des Vereins. So sind Förderungen durch das Kulturamt, die für den Verein am wichtigsten seien, projektweise begrenzt, ergänzt Abouharia. Da nur Projekte, die nicht bereits einmal in gleicher Weise stattgefunden haben, gefördert werden, befindet sich der Verein in einem Innovationszwang, so Winter. Funktionierende, etablierte Konzepte seien so finanziell schwierig, zu wiederholen. Wenn dagegen feste Strukturen für die Hip-Hop-Kultur in Stuttgart geschaffen würden, stehe und falle auch nicht mehr alles mit Einzelpersonen.
Underground Soul Cypher arbeitet eng mit dem Stadtjugendring zusammen. Der Verein zählt ungefähr hundert Mitglieder, davon seien ungefähr sechs wiederum Leiter eigener Hip-Hop-Kulturprojekte. Einige seien in drei oder vier Projekte parallel involviert. Den Verein, der sich projektweise und eher auf Zuruf organisiert, verstehen Winter und Abouharia als offene Plattform aus der Szene für die Szene.
Untergrund-Hip-Hop als Lebensschule
Den Namen erklärt Abouharia, der den Verein 2009 mitgründete, so: Den Kreis von Gleichgesinnten (Cypher) vereint, die Kultur aus der Seele (Soul) heraus zu betreiben. Der Hip-Hop, den sie vertreten, bewegt sich im Untergrund (Underground) und werde von der Gesellschaft nicht verstanden. So sei mit dem Gangster-Rap die aktuell populäre Rapmusik nur ein ganz kleiner Teil der Rap-Kultur und Rap wiederum nur ein Teil der Hip-Hop-Kultur. Und auch Gangster-Rap, der in US-amerikanischen Ghettos entstand, habe „Gründe, die wir nicht ahnen können“, so Abouharia.
„Für mich ist Hip-Hop eine Lebensschule, bei der man sich selbst die Fächer, die Unterrichtszeiten und die Wegbegleiter auswählt“, sagt Winter. Der Gemeinschaftsgedanke, Respekt und Integrität seien große Werte in der Kultur.
Es geht nicht um das Ausüben der Künste
„Besonders Menschen, die es vielleicht schwerer haben, kann Hip-Hop helfen, sich für das eigene Leben zu begeistern, über sich hinauszuwachsen und Selbstvertrauen zu entwickeln, wenn sie es irgendwo verloren haben.“ Es gehe nicht um die Künste an sich, sondern um das Leben von Individualität, sagt Abouharia.
In der Freiluftgalerie der Hall of Fame, wo wandgroße Bilder teilweise innerhalb eines Tages entstehen und durch neue Werke wieder übermalt werden, können sich Besucher von dieser Individualität zumindest ansatzweise ein Bild machen.