Alarmstufe Rot beim Tiefbauamt Dutzende Brücken in Stuttgart sind marode – Millionen Kosten jedes Jahr

Die Löwentorbrücke muss abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Foto: Andreas Rosar

Die Bilanz ist ernüchternd: 52 der insgesamt 310 Brücken in Stuttgart müssen dringend instandgesetzt oder neu gebaut werden. Reicht die geforderte Etatsteigerung auf jährlich 15 Millionen Euro dafür aus?

Wer hätte das gedacht: Stuttgart ist mit 310 Verbindungen über Straßen, Schienen und Wasser eine der brückenreichsten Städte Europas. Zum Vergleich: Venedig besitzt 400 Brücken, in Hamburg sind es 2500. Zuständig für die Erhaltung und Instandsetzung der Stuttgarter Brücken ist das Tiefbauamt, das jüngst im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik allerdings heftig Alarm schlagen musste.

 

Zwar ist spätestens seit den Sperrungen der Rosenstein- und der Wilhelmsbrücke vor zwei Jahren in Bad Cannstatt klar, dass Stuttgart ein Brückenproblem hat, doch wollte der verantwortliche Bürgermeister Dirk Thürnau (SPD) und sein Tiefbauamts-Chef Jürgen Mutz noch einmal auf die Dimension, Tragweite und vor allem auf die zu erwartenden Kosten hinweisen. „Die Ingenieurbauwerke der Landeshauptstadt zu erhalten ist eine Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte, die große finanzielle Mittel bindet. Wir sehen aus Gründen der Sicherheit jedoch großen Handlungsbedarf“, sagte Dirk Thürnau.

Die Aubrücke, eine elementare Verbindung zwischen Bad Cannstatt, Münster und Mühlhausen, muss erneuert werden. Foto: LHS Stuttgart

Die Ausgangslage

Viele der heute in Stuttgart noch genutzten Brücken stammen aus den 1950er bis 1970er Jahren, einer Zeit, in der der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und der wirtschaftliche Aufschwung zu einem Boom im Infrastrukturbau führte. „Die meisten dieser Brücken wurden für eine Lebensdauer von etwa 70 Jahren entworfen, was bedeutet, dass viele Bauwerke heute das Ende ihrer ursprünglich geplanten Nutzungsdauer erreicht oder bereits überschritten haben“, sagt Jürgen Mutz. Das Alter sei, in Verbindung mit den gestiegenen Verkehrsbelastungen sowie veränderten Umweltbedingungen ein entscheidender Faktor für starke Schäden an den Brücken.

Der Status Quo

Die regelmäßigen Überprüfungen haben laut dem Tiefbauamts-Chef erhebliche Mängel an vielen Brückenbauwerken aufgezeigt. Diese variieren von oberflächlichen Schäden bis hin zu strukturellen Problemen, die die Tragfähigkeit und damit die Standsicherheit der Brücken betreffen. Aktuelle Prüfungen zeigen, dass 95 Brücken eine Zustandsnote von höher als 2,5 aufweisen (1 ist sehr gut, 4 ungenügend). Bei 52 Brücken besteht ein vorrangiger Instandsetzungs- oder Erneuerungsbedarf, wobei 26 Brücken davon die Note nicht ausreichend und ungenügend erhalten hatten. „Es besteht bei keiner dieser Brücken akute Einsturzgefahr, doch eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, so Mutz. Das Tiefbauamt tue alles, um das Restrisiko zu minimieren, notfalls werde – wie bei der Rosensteinbrücke – kurzfristig gesperrt.

Herausforderung „Spannbetonbrücke“

Doch gerade Bauwerke wie die Rosensteinbrücke, die vor 1980 in Spannbetonbauweise errichtet wurden, stehen aufgrund der Gefahr von Spannungsrisskorrosion unter besonderer Beobachtung. Dazu zählt die Otto-Hirsch-Brücke. „Hier werden bis Ende 2024 temporäre Sicherungsmaßnahmen installiert“, so Jürgen Mutz. Ein Ersatzneubau sei jedoch bereits in Planung. Auch die Brücke am Augsburger Platz in Bad Cannstatt ist ein Sorgenkind.

„Nach statischen Prüfungen bleibt das Bauwerk nutzbar, erfordert jedoch jährliche Inspektionen und eventuell zusätzliche Maßnahmen, die mit 2,5 Millionen Euro zu Buche schlagen würden“, sagt Mutz. Eine grundsätzliche Instandsetzung der Brücke werde für 2027 angestrebt. Die Hofener Schleusenbrücke (Baujahr 1957) soll dagegen ab 2025 mit externen Spanngliedern verstärkt werden. Allerdings muss das Bauwerk wohl in 20 Jahren durch einen Neubau ersetzt werden.

Finanzieller Bedarf

Die To-do-Liste ist gewaltig. Laut Tiefbauamt müssen in den kommenden 20 Jahren 95 Brücken in Stuttgart instandgesetzt oder neu gebaut werden. Insgesamt ergibt sich nach derzeitigem Stand ein Finanzbedarf ab 2025 von rund 300 Millionen Euro bis 2045. Das bedeutet, dass pro Jahr nach derzeitigem Stand mindestens 15 Millionen Euro als Pauschale alleine für die Brückenunterhaltung und Brückeninstandsetzung bereitgestellt werden müssen. Für die Erhaltung von Brücken stellt der aktuelle Doppelhaushalt jährlich 6,45 Millionen Euro bereit. „Mit diesem Betrag werden wir nicht weit kommen, zumal der langfristige Bedarf für die Erhaltung der Bauwerke in den nächsten 30 Jahren sogar auf gut eine Milliarde Euro geschätzt wird“, so der Chef des Tiefbauamts.

Laut Tiefbauamt soll die Wilhelmsbrücke ab 2028 neu gebaut werden. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Personeller Bedarf

Um die künftigen Aufgaben bewältigen zu können, muss das Personal aufgestockt werden. „Wir benötigen mindestens acht neue Stellen, vor allem auch für den Bereich der Brückenüberprüfungen“, betont Jürgen Mutz. Denn die Prüfintervalle müssen angesichts des Zustands vieler Bauwerke verkürzt werden. Als Beispiel nennt der Tiefbauamts-Chef die Wilhelmsbrücke, die wohl erst 2028 neu gebaut werden kann, aber für Radfahrer und Passanten zugänglich ist. „Hier wird die Bausubstanz natürlich regelmäßig auf Herz und Nieren untersucht.“ Gleiches gelte für das Brückenbauwerk am Augsburger Platz oder etwa die Löwentorbrücke auf der Heilbronner Straße.

Kraftakt Löwentorbrücke

Gerade letztgenanntes Bauwerk, auf dem täglich rund 80 000 Fahrzeuge und 600 Stadtbahnen unterwegs sind, wird ein logistischer Kraftakt. Nach den Notinstandsetzungen 2023 und 2024 hat eine Machbarkeitsstudie offenbart, dass ein Ersatzneubau nur mit Behelfsbrücken für Stadtbahn und Individualverkehr möglich ist. „Die Umsetzung wird mindestens acht Jahre dauern“, sagt Mutz. Die geschätzten Kosten: rund 80 Millionen Euro.

Aktuelle Projekte der Brückensanierung

Brücke Degerlocher Straße
Seit Mai 2024 wird die Brücke aus dem Jahr 1970 wegen erheblicher Abdichtungsschäden instandgesetzt. Die Arbeiten sollen zum Jahresende fertig sein

Talstraße über EnBW-Gelände (Gaskessel)
Eine Notinstandsetzung der Fahrbahnabdichtung ist für 2025 geplant, allerdings muss die Brücke aus dem Jahr 1929/30 mittelfristig zurückgebaut und durch einen Durchlass ersetzt werden.

Rosensteinbrücke
Nach dem Rückbau wird im Frühjahr 2025 eine Interimsbrücke für Fußgänger und Radfahrer errichtet. Die Planung eines dauerhaften Ersatzneubaus beginnt nach Beschluss des Verkehrsstrukturkonzepts durch den Gemeinderat.

Wilhelmsbrücke
Ein Gestaltungswettbewerb für den Neubau wird im Dezember dieses Jahres ausgelobt. Ein Baubeginn ist für 2028 vorgesehen.

Aubrücke Münster
Das 73 Jahre alte Bauwerk muss abgerissen werden. Eine Machbarkeitsstudie zu Rück- und Ersatzneubau läuft und wird bis Ende 2025 abgeschlossen sein. Erst dann können die Kosten beziffert werden.

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