Albert-Schweitzer-Schule Stuttgart Immer mehr Erstklässler, die noch in der Trotzphase stecken
Die Zahl der Erstklässler mit sozialem und emotionalem Förderbedarf steigt. Wie unterrichtet man diese Kinder? Ein Besuch in der Biberklasse in Stuttgart.
Die Zahl der Erstklässler mit sozialem und emotionalem Förderbedarf steigt. Wie unterrichtet man diese Kinder? Ein Besuch in der Biberklasse in Stuttgart.
Vier von fünf Kindern laufen in den Wald. Sie sind „Naturforscher“ und auf der Suche. Nach Blättern, Stöckchen, Moos. Für ein Nest, das sie passend zum Unterrichtsthema „Vögel im Frühling“ gleich bauen wollen. Das fünfte Kind sucht nicht mit. Zumindest nicht jetzt. Mario (alle Kindernamen geändert) heult und kreischt seine Wut heraus. Brüllend stapft er los, weg von den anderen. Die Praktikantin Lena folgt ihm.
Mario hatte zur Schule eine Taschenlampe mitgebracht und Klassenkameraden in die Augen geleuchtet. Die Taschenlampe musste er abgeben. Sie liegt sicher im Bollerwagen. Dass er sie (noch) nicht zurückhaben darf, macht den Siebenjährigen wütend. So wütend wie einen Dreijährigen in der Trotzphase.
Das ist bei Mario häufiger so. Deshalb ist er auch nicht in der Grundschule in seiner Nachbarschaft. Mario und die anderen sechs Kinder aus seiner Klasse (zwei sind an diesem Tag krank) gehen auf die private Albert-Schweitzer-Schule in Stuttgart-Rohr. Das ist eine von drei sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren in Stuttgart mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (Esent).
Noch vor zehn Jahren wurden Kinder, die früh Verhaltensauffälligkeiten zeigen, an den Grundschulen eingeschult oder kamen in eine Grundschulförderklasse. Sie sollten eine Chance an der Regelschule bekommen. So berichten es Stefanie Merla und Maria-Theresia Burkert aus der Schulleitung der Albert-Schweitzer-Schule. Entsprechend kamen die Kinder erst an die Esent-Schulen, wenn es an der Regelschule nicht funktioniert hatte. Inzwischen versuche man, den Kindern das Scheitern zu ersparen. Der neue Ansatz wirkt sich aus. Laut dem Staatlichen Schulamt gibt es in diesem Schuljahr insgesamt 74 Erstklässler an den drei Stuttgarter Schulen – die meisten (40 Kinder) an der Albert-Schweitzer-Schule. Zum Vergleich: vor fünf Jahren, im Schuljahr 2020/21 waren es zusammengerechnet 46 Erstklässler an den drei Schulen. Zahlen von vor zehn Jahren liegen dem Schulamt nicht vor.
Der Anteil der Kinder mit Förderbedarf sei noch mal deutlich größer, die Anfragen entsprechend höher, betonen Stefanie Merla und Maria-Theresia Burkert. Es handele sich vor allem um Kinder, die keine oder kaum entwicklungsfördernde Angebote in der Kita hätten wahrnehmen können. „Sie waren ausgeschlossen oder durften nur in Teilzeit kommen“, so Burkert.
Die Albert-Schweitzer-Schule hat auf die Entwicklung reagiert. Seit diesem Schuljahr gibt es nicht mehr nur altersgemischte Klassen, sondern auch eine reine erste Klasse: die Biberklasse, die auch Mario besucht. Sie folgt einem intensivpädagogischen Konzept. Dazu gehört, dass die Kinder viel Zeit draußen verbringen statt im Klassenzimmer. Die Kinder gehen wie an diesem Vormittag in den Wald, kümmern sich um die Tiere der Schule und verbringen viel Zeit in ihrem „Biberbau“. Das ist ein liebevoll ausgebauter Bauwagen, der – wie das Außengelände – ausgiebig genutzt wird. Das viele draußen sein, tue den Kindern gut, berichtet die Lehrerin Daniela Glück. Ein Kind habe sich laut Schulleiterin Merla so positiv entwickelt, dass es auf die Regelschule wechseln soll.
Auch sonst gibt es viele kleine Erfolge. Wie kürzlich, als sie Stockbrot machten. Für ein Kind sei die Situation schwierig gewesen, es hat wenig Geduld. Da habe ein Mitschüler angeboten, den Stock für das Kind zu halten, erzählt Glück. Auch die motorischen Probleme hätten sich gebessert. Anfang des Schuljahres bewegten sich die Kinder unsicher den Hang zum Biberbau hinunter, mussten an der Hand gehen.
Jetzt im Wald zeigen sie keine Scheu, laufen in ihren Matschhosen über den unebenen Blätterboden. Mario hat ein Stück Moos in der Hand. Schluchzend legt er es auf seinen Platz. Alle sammeln ihre Fundstücke auf ihren Sitzkissen. Der Siebenjährige hat sich zwar noch nicht völlig beruhigt, aber er ist auf dem Weg dahin. Mit jedem Stückchen, das er findet, wird es besser. Wären sie im Klassenzimmer, hätte er die anderen mit seinem Verhalten wahrscheinlich angesteckt, meint Daniela Glück. Hier ist das nicht passiert.
Dann bauen sie gemeinsam das Nest. Michael ist traurig. Er hat nicht so viele Stöcke wie die anderen. Für Luis ist es herausfordernd, seine Stöcke nicht für sich zu behalten. Aber sie verlieren sich nicht in diesen Gefühlen. Die beiden Klassenlehrerinnen wirken erfolgreich ein. Ihre Ansprache ist klar und bedürfnisorientiert. Dann ist das Werk vollbracht: „Ein schönes Nest habt ihr gebaut“, lobt Anne Neff. Noah fragt die Lehrerin leise, ob er noch ein weiteres Nest bauen darf. Er will es seiner Mama schenken. Noah wohnt nicht mehr zuhause.
Die anderen haben Spielzeit. Mario läuft ausgelassen umher – mit Taschenlampe. Er hat versprochen, niemanden zu blenden. Dafür leuchtet er sich einmal selbst ins Auge. Noah baut derweil konzentriert, kleidet sein Nest liebevoll mit Moos aus. Ob Lena es zur Schule tragen kann? Na, klar. Es soll nicht kaputt gehen. Gemeinsam gehen alle zurück. Noah zieht den Bollerwagen, Mario läuft nebenher. Die Wut lässt er im Wald.
Dieser Artikel ist das erste Mal am 23. April 2026 erschienen.
Schule
Träger der Albert-Schweitzer-Schule ist die Stiftung Jugendhilfe Aktiv. Nicht nur Stuttgarter Kinder besuchen das sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum mit Hauptsitz in Rohr, sondern auch Kinder aus dem Landkreis Böblingen. Von den 40 Erstklässlern sind in diesem Schuljahr 28 aus Stuttgart. 2022 seien es nur zehn Stuttgarter Erstklässler gewesen, so Schulleiterin Stefanie Merla.
Diagnosen
Die Kinder kommen in der Regel ohne Diagnose an die Schule. Wegen der langen Wartezeiten bei den Sozialpädiatrischen Zentren und Kinderpsychiatern dauere die Diagnosestellung oft. Für die Lehrkräfte seien diese aber durchaus wichtig. Mit einem Kind, das mit fetalem Alkoholsyndrom geboren wurde, müsse man zum Beispiel anders umgehen als mit einem Kind, das eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung hat.
Ursachen
Woran liegt es, dass immer mehr Kinder einen Förderbedarf in dem Bereich haben? Das ist das große Fragezeichen. Die Coronapandemie reiche nicht als Erklärung aus, so die stellvertretende Schulleiterin, Maria-Theresia Burkert. Unter anderem sei auffällig, dass die Zahlen mit dem Siegeszugs des Smartphones gestiegen seien, mit denen viele Eltern sehr viel Zeit verbrächten.