Alex Köberlein im Porträt Der große Zeh von Schwoißfuaß

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„Oinr isch emr dr Arsch“: In den Achtzigern haben Alex Köberlein und die Band Schwoißfuaß nicht nur das Schwabenland gerockt - der Schwabenrocker blickt auf ein wechselvolles Leben zurück.

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Foto: Gottfried Stoppel

Pfäffingen - Er hockt am Küchentisch, die Notfallmedizin in Griffweite – „Betablocker und so ’n Zeug“. Alex Köberlein ist vom Rock ’n’ Roll schwer gezeichnet, vor vier Jahren klopfte der Sensenmann an sein Pfäffinger Bauernhaus. Köberlein flüchtete in die Tübinger Uniklinik, wo die Ärzte seine maroden Bandscheiben und sein insuffizientes Herz operierten. Die Erlebnisse auf der Intensivstation verarbeitete er auf seine Weise. „Willscht mal höra?“ Köberlein greift zur Ukulele und besingt eine Begegnung zwischen Darmkrebs, Hirntumor und anderen Leidensgenossen.

Die wechselvolle Geschichte des Schwabenrockers Alexander Köberlein beginnt am 19. November 1951, jenem trüben Herbsttag, an dem er mit seinem Zwillingsbruder Georg Köberlein in Bad Schussenried zur Welt kommt. Die Eltern sind Wolgadeutsche, Flüchtlinge, Katholiken. Der Vater schafft bei Liebherr und säuft sich allmählich ins Grab. Die Mutter verwaltet den Mangel, der sich automatisch ergibt, wenn acht Kinder satt werden wollen. Alex und Georg reifen zu Rabauken heran, die Lehrer prügeln ihnen mit dem Rohrstock die Flausen aus dem Kopf. Die Problembuben werden von der Straße geholt und in die örtliche Blaskapelle gesteckt. Das Sozialisierungsprogramm verläuft immerhin so erfolgreich, dass beide das Abitur bestehen.

Provinzrevoluzzer bleiben sie trotzdem. Als die Schussenrieder Stadtverwaltung das Jugendhaus schließen will, kämpfen die Brüder Köberlein an vorderster Front gegen die lokale Obrigkeit. Bei einer Demo singt Georg zum ersten Mal auf Schwäbisch („D’ Marie hoggd dussa und bläred“), Alex steht vor der Bühne mit dem surrealen Gefühl, sich selbst zuzuhören. Kurz darauf gründen sie die Mundartcombo Grachmusikoff.

Es klingelt, vermutlich der Paketdienst. Alex Köberlein steht auf, packt sich stöhnend ins Kreuz und schleicht die Holzstiege hinunter. Mit einem großen Karton kommt er in die Küche zurück. Der Schwabenrocker hat sich einen kabellosen Staubsauger bestellt. „Wo waren wir stehen geblieben?“ Im Jahr 1978.

Im Frühjahr 1979 wird Schwoißfuaß geboren

Zu diesem Zeitpunkt hat Alex Köberlein bereits sein Studium an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen beendet und eine Festanstellung als Realschullehrer geschmissen: kein Bock auf druckvollen Unterricht nach Lehrplan. Bleibt als Existenzgrundlage die Musik. Im Frühjahr 1979 schart der Sänger und Saxofonist Köberlein seine Kumpels Jürgen „Sulla“ Bratke (Schlagzeug), Rudolf „Riedel“ Diegel (Mundharmonika), Didi Holzner (Gitarre) und André Schnisa (Keyboards) um sich. Schwoißfuaß ist geboren.

Es ist die Ära der Friedens-, Anti-Atom- und Umweltbewegung. Alternatives ist angesagt, dazu zählt deutschsprachige Rockmusik. Die Fäuste von Vorkämpfern wie Ton Steine Scherben („Macht kaputt, was euch kaputt macht“) sind schon wieder am Sinken, als in süddeutschen Mehrzweckhallen rote Spontis und grüne Müslis zu Köberleins irrwitzigen Reimen schwofen: „Ond vorna isch dr Aldimarkt mit Haschisch, Gras ond LSD/a nackte Frau em Schlammbassin schreit: AKW – olé/ond s’Irrahaus macht Ferien ond s’Parlament verstickt/ond alle senged s’Deitschlandliad, weils koiner me blickt.“

Die Resonanz ist überwältigend. Innerhalb von zwei Jahren verkaufen Schwoißfuaß 150 000 selbst produzierte und selbst vertriebene LPs, der Underdog-Song „Oiner isch emmr dr Arsch“ vom zweiten Tonträger wird zur (regionalen) Hymne einer ganzen Generation. Als der Chef von EMI Electrola der Band einen Plattenvertrag anbietet, lacht ihn Köberlein am Telefon aus. Schwoißfuaß umweht ein Independent-Mythos, der Wechsel ins kommerzielle Lager käme einem Verrat gleich. Die Helden der Subkultur verlangen bei ihren Konzerten sozialverträgliche sieben Mark Eintritt, schleppen das Equipment selbst und verhökern nach jedem schweißtreibenden Gig ihre Platten eigenhändig. Danach wird zusammengeräumt und in der Wohngemeinschaft des Veranstalters auf dem Boden übernachtet.