Alles andere als eine Schnapsidee Brennerei-Brüder wollen Gasthaus Löwen in Flacht mit Destille und Café retten

, aktualisiert am 11.09.2025 - 16:00 Uhr
Tim (links) und Roman Essig wollen mit ihrer Destillerie von Perouse zurück nach Flacht ziehen. Dort brannte einst der Urgroßvater Schnaps. Foto: Simon Granville

Das Gasthaus Löwen, einst beliebte Dorfkneipe in Weissach-Flacht, steht seit Jahren leer. Zwei Brüder wollen dem Areal nun neues Leben einhauchen – und mit Destille und Café einziehen.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Das weiße Schild mit schwarzer Schrift hängt zwar, ist aber aus der Vergangenheit: „Gasthaus Löwen“ prangt über dem alten Gebäude direkt an der Ortsdurchfahrt des Weissacher Ortsteils Flacht. Warmes Essen oder ein kühles Feierabendbier gibt es hier aber längst nicht mehr. Hinter den Fenstern ist es dunkel, auf der Terrasse wächst Moos. „In die Jahre gekommen, sehr milde ausgedrückt“ ist das Gebäudeensemble laut Bürgermeister Jens Millow.

 

Das könnte sich jetzt aber ändern: Die Gemeinde Weissach, der das Gelände seit 2023 gehört, hat jüngst ihre großen Pläne für das Areal präsentiert, sogar ein möglicher Pächter ist demnach schon an Bord.

Gehen Abends die Lichter an, bleiben die Fenster im Gasthaus Löwen dunkel. Das könnte sich nun ändern. Foto: Simon Granville

Die zwei Brüder Tim und Roman Essig betreiben in Perouse mit ihrer „Brand No. 17“ eine Brennerei in vierter Generation, die ihren Ursprung in Flacht hat. Beide wollen mit ihrer Destille wieder zurück in die Heimat der Urgroßvaters.

Gasthaus Löwen könnte Ortsmitte von Flacht Leben einhauchen

Sie waren eigentlich mit dem Wunsch nach einem geeigneten Grundstück an die Gemeinde Weissach herangetreten. Die Idee, stattdessen in das Areal des Gasthauses Löwen zu ziehen, scheint für Gemeinde und Pächter eine Win-Win-Situation zu sein: Denn das Ensemble mit ehemaligem Gasthaus, Fachwerkgebäude, Scheunenkomplex mitsamt Schlachterei und einem weiteren baufälligen Gebäude, sind durchaus prägend für die Flachter Ortsmitte – im aktuellen Verfallszustand aber nicht gerade ein Aushängeschild.

Hinzu kommt: Die Ortsdurchfahrt ist zwar teilweise schick saniert, wirklich viel los ist am Abend und am Wochenende hier aber nicht. „Eine Belebung der Ortsmitte haben wir, verzeihen Sie, nicht festgestellt“, kommentierte das Nikolai Ziegler vom Architekturbüro AeDis, das sich auf denkmalgeschützte Immobilien spezialisiert hat. Gebäude mit Potenzial gibt es aber schon. „Sie haben das da“, so Ziegler. „Sie müssen es nicht mal neu bauen. Da steht ein Skelett, 300 Jahre alt, da bringen wir jetzt neues Leben rein.“

Sanierung des Gasthauses Löwen in Weissach-Flacht wäre Privatleuten nicht möglich

Privatwirtschaftlich, so betonen es alle Beteiligten aus Verwaltung, Brennerei und Architekturbüro, würde sich eine Sanierung des denkmalgeschützten Areals überhaupt nicht lohnen – besonders das Denkmalamt will man sich im Rathaus eigentlich lieber vom Hals halten und diese Aufgabe deshalb in die Hände des spezialisierten Architekturbüros legen. Das Areal selbst sanieren? „An dieser Stelle sehe ich das kritisch“, kommentiert Tim Essig. „Da wagt man sich als Unternehmer nicht ran.“ Die Gemeinde soll also die Grundsanierung übernehmen, die Brüder Essig sollen die nötige Innenausstattung mitbringen – so erhofft man sich auch Gelder vom Land, weil das Gasthaus Löwen in einem förderfähigen Sanierungsgebiet liegt.

Für den Gebäudekomplex haben Tim und Roman Essig schon große Pläne: In die alten Scheune soll die Destille für Obstler, Gin und Whisky einziehen, außerdem Platz für Tasting, Events, einen Feinkostladen, Spirituosenverkauf und Barbershop bieten. Ins ehemalige Gasthaus sollen ein Café und Büroräume – für Wohnraum ist das Gebäude laut Architekten eher ungeeignet, weil es eng, dunkel und gedrungen gebaut ist und nur von einem sehr schmalen Gehweg von der Hauptstraße getrennt ist.

Gasthaus Löwen: Künftig ein Ort für alle in Flacht?

Im Hinteren Gebäude könnte Platz für Coworking sein, Herzstück soll dann der Innenhof werden, der die einzelnen Häuser verbindet. Ambitioniert klingen die Pläne, es soll ein Raucherzimmer geben, Konzerte, Ausstellungen, Hochzeiten. „Generationen kommen zu uns, bringen ihre Maische, trinken Kaffee und finden sich dann auch außerhalb der Brennerei wieder“, berichtet Tim Essig über den Betrieb in Perouse. „Das fanden wir spannend. Wir wollen einen Ort, an dem vieles zusammenkommt.“ Am aktuellen Standort sei für diese Zukunftsvision allerdings kein Platz mehr.

Bis das Realität wird, steht den potenziellen Pächtern und der Gemeinde aber noch ein weiter Weg bevor: Wegen des Denkmalschutzes ist der Planungsprozess aufwendig, das Beantragen von Fördermitteln braucht seine Zeit, ebenso wie der eigentliche Ausbau. „Wenn Sie da von 2030 sprechen, liegen Sie wahrscheinlich nicht so verkehrt“, schätzt Architekt Ziegler.

Für die Gemeinde wird es teuer

Der Gemeinderat hat inzwischen zwar einstimmig seinen Segen für weitere Planungen gegeben, skeptisch sind einige Räte aber auch – teilweise häufiger Pächterwechsel und teure, pflegeintensive Neubauten wie die Strudelbachhalle haben ihre Spuren hinterlassen. Ob das vielfältige Konzept am Ende aufgeht und sich rechnet? Sicher ist man sich noch nicht ganz, wenn auch, vorerst, angetan genug. Klar ist: Billig wird es für die Gemeinde wohl nicht.

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