Ein eingespieltes Duo bei Allianz MTV Stuttgart: Trainer Konstantin Bitter und seine Regisseurin Pia Kästner. Foto: Baumann
Nach dem Halbfinal-Aus der Stuttgarter Volleyballerinnen gab es in den sozialen Medien kritische Stimmen – und nun zwei bemerkenswerte Aktionen des Trainers und der Zuspielerin.
Das bittere Saison-Aus der Stuttgarter Volleyballerinnen im Halbfinale der Play-offs liegt drei Wochen zurück, doch es wirkt nach. Nicht nur in der Gedanken- und Gefühlswelt der Beteiligten. Das erfolgsverwöhnte Team hat erstmals erlebt, was auch im Sport längst Teil des Spiels ist: öffentliche Kritik in den sozialen Medien. Hin und wieder gut gemeint, häufig unsachlich, nicht selten verletzend. Die Reaktion darauf? War in zwei Fällen höchst bemerkenswert.
Oft wurde in den Kommentaren die Arbeit von Konstantin Bitter (36) negativ bewertet. Einerseits war der Trainer froh darüber, dass sich ein Großteil der Kritik auf ihn fokussierte und nicht auf seine Spielerinnen. Beschäftigt haben ihn die negativen Rückmeldungen aber trotzdem. So sehr, dass er beschloss, in die Offensive zu gehen. Konstantin Bitter machte ein Gesprächsangebot, lud alle, die das Thema interessiert, in die Scharrena ein. Nicht um sich zu rechtfertigen oder Vorwürfe zu entkräften, sondern um seine Arbeit zu erklären. „Viele Leute wissen nicht, warum wir Entscheidungen so oder so treffen. Es ging darum, sie mitzunehmen, Einblicke zu gewähren, Hintergründe zu erläutern, für die Komplexität des Volleyballs zu sensibilisieren.“
Konstantin Bitter kündigt Wiederholung an
Rund 30 Fans kamen, hörten zu, stellten Fragen, waren sehr interessiert. Ob darunter Kritiker von ihm gewesen sind, die nun womöglich anders ticken, konnte Konstantin Bitter nicht beantworten. So viel aber ließ sich nach der eineinhalbstündigen Veranstaltung sagen: „Wir hatten, in einem anderen Format als üblich, einen hervorragenden Austausch. Gut möglich, dass wir dies ab und zu wiederholen.“
Gibt alles für den Erfolg: Pia Kästner (hier während des Pokalfinales 2026 in Mannheim). Foto: Imago/Eibner
Neben dem Trainer von Allianz MTV Stuttgart hat auch eine Spielerin auf nicht alltägliche Art und Weise offenbart, wie sie denkt und fühlt – durch eine bewegende Instagram-Botschaft. In emotionalen Worten beschrieb Pia Kästner (27), wie die Reaktionen in den sozialen Medien bei einer Betroffenen ankommen, die alles tut, um möglichst erfolgreich zu sein, aber eben nicht immer gewinnen kann. „Sehen wir wirklich, was dahinter steckt? Zweifel, Druck, Angst, Verletzungen, mentale Belastung? Wahrscheinlich nicht. Und trotzdem wird bewertet, kritisiert und kommentiert“, erklärte die Zuspielerin des Volleyball-Bundesligisten unter anderem, „ich frage mich ehrlich: Machen wir Menschen besser, wenn wir öffentlich zeigen, was nicht gut war? Oder nutzen wir einfach nur unseren Moment, um Frust loszuwerden? Ich verstehe Enttäuschung. Ich kenne sie selbst – ich bin Athletin. Aber ich weiß auch, wie viel Unterstützung bewirken kann.“ Der Post endete mit fünf versöhnlichen Worten: „Kein Angriff. Einfach meine Gedanken.“
Mit ihren Worten traf Pia Kästner einen Nerv. Das komplette Team von Allianz MTV Stuttgart hat ihren Beitrag geliked, das taten zudem zahlreiche Spielerinnen anderer Vereine. Was zeigte, wie sehr dieses Thema auch den Volleyball beschäftigt. Pia Kästner wundert das nicht. „Wir bekommen ja mit, was in anderen Sportarten passiert, zum Beispiel zuletzt bei den Olympischen Spielen“, sagt sie, „in den letzten zwei, drei Jahren ist das Problem auch bei uns größer geworden. Man versucht, die Kritik wegzuschieben und nicht an sich ranzulassen, aber jetzt war der Punkt erreicht, an dem meine Gedanken raus mussten.“
Die Resonanz hat Pia Kästner bestärkt. Zweifel, dass sie das Richtige tut, plagten sie aber schon vorher nicht. Die Nationalspielerin, die 2019 mit Allianz MTV Stuttgart die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte gewann und 2023 sowie 2024 Deutschlands Volleyballerin des Jahres war, kennt auch die Schattenseiten des Profisports. Sie hat zwei Rückenoperationen hinter sich und etliche Finalspiele verloren. „Wenn Ziele nicht erreicht werden, darf jeder Fan Kritik üben und seine Gefühle äußern“, sagt Pia Kästner, „doch zuletzt wurde es immer unsachlicher, verbunden mit persönlichen Angriffen und Frustabbau. Das Internet ist schamlos geworden – ohne dass es zu Konsequenzen führt. Und ohne zu hinterfragen, was dies bei den Athleten auslöst.“
Genau das war ihre Motivation: darauf hinzuweisen, dass im Sport Unterstützung vor allem dann nötig ist, wenn es nicht läuft. Dass eine hohe Erwartungshaltung nicht automatisch den nächsten Titel bringt. Dass es hilfreich wäre, schon vor dem Kommentieren darüber nachzudenken, wie die Kritik ankommt. Und dass es doch viel schöner wäre, die Zeit in der Halle gemeinsam auszukosten. „Volleyball ist so eine coole Sportart, die wunderbare Momente zu bieten hat“, sagt Pia Kästner, „seit meinem Comeback schätze ich das Erlebnis, vor 2000 Leuten spielen zu dürfen, noch viel mehr. Doch zugleich habe ich das Gefühl, dass die Leute so ein Event früher mehr genießen konnten. Ich hoffe, dass dies zurückkommt.“ Und Verletzungen, egal welcher Art, künftig ausbleiben.