Allianz MTV Stuttgart Sind Sie der neue starke Mann, Herr Bitter?

Die Fans stehen hinter ihm: Konstantin Bitter, Cheftrainer des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart. Foto: Baumann/Julia Rahn

Nach der Trennung von Sportdirektorin Kim Renkema steht Konstantin Bitter bei Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart voll im Fokus: Er ist nicht nur Cheftrainer, sondern auch Kaderplaner und Talentförderer.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Die Aufgabenfülle für Konstantin Bitter bei Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart hat sich durch die Trennung von Sportdirektorin Kim Renkema schlagartig erhöht. „Es geht um die Zukunft der Mannschaft und des Vereins“, sagt der Cheftrainer, der mit seinem Team an diesem Donnerstag (20.30 Uhr, Scharrena) und zwei Wochen später in Polen in den Play-offs der Champions League gegen KS Rzeszow um den Einzug ins Viertelfinale kämpft.

 

Herr Bitter, wer sitzt uns gerade gegenüber – der Trainer, der Kaderplaner oder der Talentförderer Konstantin Bitter?

Es handelt sich immer um dieselbe Person.

Welche Aufgabe fordert Sie am meisten?

Die sportliche. Die Play-offs in der Königsklasse sind eine sehr große Herausforderung. Wir treffen auf einen starken Gegner, haben aber trotzdem eine realistische Chance, weil wir eine sehr gute Saison spielen.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben trotz der Unruhe, die durch die Trennung von Kim Renkema entstanden ist und von der sich die Mannschaft nicht hat beeinflussen lassen, was großen Respekt verdient, die meisten Siege aller Bundesligisten. Zudem ist der Einzug in die Play-offs der Champions League ein toller Erfolg, auf den wir stolz sein dürfen. Allerdings bleibt die Situation trotzdem schwierig.

Warum?

Weil wir derzeit in der Bundesliga auf Platz zwei liegen, den wir mit Blick auf die Ausgangsposition für die Play-offs unbedingt halten müssen. Wir dürfen keine Punkte mehr liegen lassen, haben aber schon zwei Tage nach dem Duell mit Rzeszow die Partie gegen Aachen. Da werden wir wieder rotieren müssen, um langfristig genug Energie und gesunde Spielerinnen zu haben.

Wie sehr beschäftigt Sie die Planung des Kaders für die nächste Saison?

Ebenfalls enorm. Es geht um die Zukunft der Mannschaft und des Vereins. Und es ist alles andere als eine einfache Aufgabe.

Weshalb?

Weil der Markt schwierig ist. Es ist kaum möglich, gute Spielerinnen zu finden, die schon etwas vorzuweisen und Erfahrung haben, zumal Verstärkungen vom Kaliber einer Simone Lee oder Maria Segura Pallerés für uns nicht finanzierbar sind.

Welche Angebote machen die Berater?

Die Agenten wollen vor allem junge Talente nach Deutschland schicken, die eigentlich noch nicht reif genug sind. Da gehört auch ein bisschen Glück dazu, Spielerinnen wie Jolien Knollema zu finden, die schon in der ersten Saison voll einschlagen.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Vertragsverlängerung von Zuspielerin Pia Kästner?

Das war ein echter Coup für uns.

Die Zusammenarbeit geht weiter: Trainer Konstantin Bitter mit Zuspielerin Pia Kästner. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Sie haben gesagt, es wird im Sommer einen Umbruch geben, wie ihn Allianz MTV Stuttgart noch nicht erlebt hat.

Das stimmt. Es werden zwar, anders als 2024, mehr als vier Spielerinnen bei uns bleiben. Aber wir verlieren Integrationsfiguren, die den Verein jahrelang geprägt haben.

Maria Segura Pallerés hat ihr Karriereende bereits angekündigt, nach unseren Informationen wird auch Krystal Rivers aufhören. Gibt es eine Chance, Roosa Koskelo zu halten?

Das hängt von ihrer Gesundheit ab. Ihr Knie ist seit zwei Jahren eine Baustelle. Wenn es noch ein bisschen hält, bin ich sicher, dass sie weiterspielen möchte. Zugleich will sie aber ihre Karriere möglichst gesund auf dem Feld beenden, nicht wegen einer Verletzung.

Wie stark wird der nächste Kader sein?

Ich bin überzeugt, dass wir das Niveau für die Top-Drei haben und gut genug sein werden, um Titel spielen zu können.

Welche Rolle werden die Talente aus dem eigenen Nachwuchs einnehmen?

Wir haben einen Plan für die nächsten zwei bis drei Jahre. In dieser Zeit wollen wir Leilani Slacanin und Marie Steinhilber an das Stuttgarter Bundesliga-Niveau heranführen. Beide haben die Qualitäten, um bei einem Top-Team Stammspielerinnen zu werden. Und ich bin mir sicher, dass auch andere Talente in der Bundesliga Fuß fassen werden, vielleicht allerdings bei anderen Vereinen.

Wie sehr sind Sie beim Nachwuchsprojekt des MTV, in das Kim Renkema zuletzt viel Zeit investiert hat, gefordert?

Auch mir ist die Talentförderung sehr wichtig. Bei allem, was wir tun, berücksichtige ich dieses Projekt und unterstütze Trainerin Saskia van Hintum und Koordinator Johannes Koch, wo ich kann. Sie sind die handelnden Personen, aber die Wege sind extrem kurz, denn wir haben die selben Interessen.

Bundesliga-Team, Kaderplanung, Talentförderung – immer stehen Sie voll in der Verantwortung. Sind Sie der neue starke Mann bei Allianz MTV Stuttgart?

Ich strebe nicht nach einer Machtstellung. Mir ist nur eines wichtig: Ich möchte bewahren, was ich an diesem Ort liebe. Ich komme zur Arbeit und empfinde eine grenzenlose Freude. Die Herausforderungen anzugehen, erfüllt mich. Ich fühle mich hier zu Hause und ich möchte, dass es mein Zuhause bleibt. Die Verantwortung, die ich dafür habe, will ich gerne übernehmen.

Ist diese Fülle an Aufgaben überhaupt zu bewältigen?

Ich habe viele gute Leute um mich herum, und ich werde auch nächste Saison nach der einen oder anderen Veränderung einen guten Staff haben, der mich unterstützt. Zugleich spüre ich bei allen Leuten im Verein, der Geschäftsführung und den Gesellschaftern eine riesige Motivation, etwas Gutes aus dieser schwierigen Situation zu machen. Alle Aufgaben, die sich stellen, werden wir versuchen, bestmöglich zu erfüllen.

Wie wird im Verein die Struktur ohne Sportdirektorin Kim Renkema aussehen – schlanker, wie von Hauptgesellschafter Rainer Scharr ins Spiel gebracht?

Das ist offen. Man muss sicher vorsichtig sein, damit die Professionalität des Standorts gewahrt bleibt. Andererseits ist es aus meiner Sicht schlicht nicht möglich, Kim eins zu eins zu ersetzen. Deshalb muss es Umstrukturierungen geben, um die Qualität zu erhalten. Meine Meinung wird dabei gehört, ich kann mich in den Prozess einbringen. Doch letztlich muss ich akzeptieren, was die Verantwortlichen entscheiden.

Sie haben einen viel größeren Aufgabenbereich als noch vor fünf Wochen. Gab es schon Verhandlungen über eine Gehaltserhöhung?

(lacht) Nein. Ich habe meinen Vertrag um zwei Jahre verlängert. Jetzt will ich auch dafür sorgen, dass es bei uns läuft. Mein Gehalt ist dabei sicher nicht das wichtigste Thema.

Zurück aufs Spielfeld. Wie gut ist KS Rzeszow, der Gegner in den Play-offs?

Sehr gut. Im Kader stehen vier polnische Nationalspielerinnen, das Team ist physisch bestens aufgestellt. Die Annahme ist stark, wie auch das Spiel über die Mitte.

Wie sehen Sie die Chancen für ihr Team?

Wichtig wird sein, ein gutes Heimspiel hinzulegen, um so Druck fürs Rückspiel aufzubauen. Das wird nur möglich sein, wenn wir perfekt aufschlagen. Optimal wäre natürlich ein 3:0- oder 3:1-Sieg, denn dann hätten wir den Golden Set sicher – in dem immer alles passieren kann.

Was würde der fünfte Einzug ins Viertelfinale der Champions League bedeuten?

Er wäre eine schöne Sache. Vor allem, weil Viele uns am Anfang der Saison einen solchen Erfolg nicht zugetraut haben. Damals hat es uns an Stabilität gefehlt, gleichzeitig habe ich immer gesagt, dass wir Zeit brauchen, um uns zu entwickeln. Nun noch eine Runde weiterzukommen, wäre die Bestätigung für den Weg, den wir eingeschlagen haben. Und auch die Bestätigung dafür, dass wir zurecht an uns geglaubt haben.

Der erste Triple-Trainer

Beruf
Konstantin Bitter (35) ist seit Sommer 2023 Coach des Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart. Gleich in seiner ersten Saison holte er mit seinem Team das Triple (Meister, Pokalsieger, Supercupgewinner) – als erster Trainer im deutschen Frauen-Volleyball.

Privates
Konstantin Bitter ist verheiratet mit der früheren Volleyball-Nationalspielerin Lenka Dürr. Im Mai erwartet die Familie ihr zweites Kind.

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