Sogenanntes Catcalling, anzügliche Bemerkungen im öffentlichen Raum, sind erniedrigend. Was vor allem Frauen tagtäglich in Esslingen erleben, macht eine besondere Aktion sichtbar.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Bange Schreckensmomente in der S-Bahn: Blicke bohren sich in ihren Nacken. Jemand glotzt sie an. Das Starren macht ihr Angst. Sie dreht sich um. Tatsächlich – ein Mann um die 50 gafft in ihre Richtung. Dann kommt er her und fragt: „Hast du den BH extra für mich weggelassen?“ Solche und ähnliche verbale Belästigungen, solche „Catcallings“, sind nicht hinnehmbar, meint Aliesa Schreiner. Mit ihrer Aktion „CatCalls of Esslingen“ bringt sie Alltagssexismus auf die Straße. An ihrem Stand beim Amtsgericht in der Ritterstraße wollte sie am Samstag im Rahmen des Esslinger Sicherheits-Tages ihre Anliegen publik machen.

 

„Was kostet eine Stunde mit dir?“ Eine Gruppe junger Männer und Frauen hat diese Frage einer Zehnjährigen hinterher gerufen, berichtet Aliesa Schreiner von einem weiteren, ihr bekannten Fall von Catcalling, also der verbalen sexuellen Belästigung im öffentlichen Raum.

Frauen posten die anzüglichen Bemerkungen auf dem Instagram-Account von CatCalls. Mitarbeitende schreiben sie dann mit Straßenmalkreide auf das Pflaster. Foto: Andreas Arnold/dpa

Oft würden solche Verhaltensweisen verharmlost: „Das sind doch nur Sprüche“ – ist ein Spruch, den die junge Frau dabei nicht mehr hören kann. Nein, meint die Studentin für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen, anzügliche Kommentare, sexuell aufgeladene Bemerkungen, Pfiffe oder obszöne Gesten im öffentlichen Raum meist gegen Frauen seien kein Kavaliersdelikt oder ein schmeichelhaftes Verhalten. „Männer nehmen sich dabei – oft auch in Gruppen – ungefragt heraus, über andere und ihren Körper zu urteilen. Das ist absolut inakzeptabel.“

Catcalling-Opfer können ihr Erlebnis niederschwellig auf Instagram posten

Weltweit, so führt die 23-Jährige weiter aus, gibt es den Instagram-Account „CatCalls“. In Esslingen startete die Aktion 2020. Doch die Initiatorin ist weggezogen, und so hat Aliesa Schreiner im April 2024 den Account übernommen. Bisher macht sie alles allein. Mitstreiter seien aber willkommen.

Denn sie kreidet Menschen deren sexuelles Fehlverhalten an. Im Wortsinn. Über den Instagram-Account können sich Betroffene von Catcalling melden, ihre Erlebnisse schildern, auch die Vorgeschichte mit angeben. Nach dem Eingang eines Postings geht Aliesa Schreiner dort hin, wo sich der Vorfall ereignet hat. Mit Straßenmalkreide schreibt sie dann die auf Instagram genannten, beleidigenden Worte gut sichtbar auf die Straße. Für die Ewigkeit sind diese Statements nicht gedacht: „Sie halten nur bis zum nächsten Regen“. Auf Privatgeländen bringt sie keine Schriften an, das tut sie nur im öffentlichen Raum. Ablehnende Reaktionen von Passanten hat sie beim Schreiben der Kommentare noch nie erlebt. Manche Menschen würden nachfragen, was sie denn da tue. Eine ältere Dame habe einmal zu ihr gesagt: „Das ist eine richtig gute Aktion.“

Die Botschaft wird mit einem Foto auf Instagram gepostet

Die Kreidestriche mag der nächste Regen wegwischen. Doch Aliesa Schreiner macht von jeder Aktion ein Foto, auf dem die geschriebenen Worte und die Umgebung festgehalten werden. Diese Aufnahme veröffentlicht sie zusammen mit dem eingegangenen Posting zu dem Vorfall auf Instagram. Die Botschaft werde selbstverständlich anonymisiert, sagt sie.

Die Belästigung von Frauen kann viele Gesichter haben: Anzügliche Bemerkungen sind eine davon. Foto: IMAGO/Rolf Poss

Bislang sind die Einträge auf dem Esslinger Account noch spärlich. Von ihrer Teilnahme am Sicherheitstag erhofft sich Aliesa Schreiner eine größere Breitenwirkung: „Es ist ein sehr niederschwelliges Angebot.“ Überwindung koste es nicht, Fälle von Catcalling auf Instagram zu posten. Weil aber noch wenig aus Esslingen kommt, greift sie auf Nachrichten aus Stuttgart zurück. In der Landeshauptstadt sei die Aktion etablierter. Auf dem Stuttgarter Account gepostete Sprüche schreibt sie so auf Esslinger Straßen. Es sei ein Fehlverhalten, meint sie, unabhängig vom lokalen Bezug.

Zitierfähige Sprüche aus Instagram-Beiträgen betroffener Frauen kann Aliesa Schreiner wenige liefern. In den allermeisten Fällen, weiß sie, seien die Anmerkungen stark sexualisiert in einer wenig salonfähigen Sprache. Eine Grenze zu Komplimenten, Flirten oder freundlich gemeinten Äußerungen zum Aussehen anderer Personen sei nicht schwer zu ziehen. Catcalling erfolge in der Absicht, die Adressaten zu erniedrigen, bloßzustellen, zu verunsichern oder zu belästigen. Das Verhalten sei meist eine Machtdemonstration, die einer anderen Person gegen deren Willen und ohne ihr Einverständnis aufgezwungen werde. Die Adressaten würden sich unwohl, belästigt, verängstigt, bedroht fühlen – eine Reaktion, die Komplimente nicht auslösen.

Schuld sind laut Aliesa Schreiner auch patriarchale Strukturen

Es sei auch Sache der Politik gegenzusteuern. Denn Schuld an der Situation sind nach Ansicht von Aliesa Schreiner auch patriarchale Strukturen in der Gesellschaft. In politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungsgremien machten die Männer die große Mehrzahl aus. Sehr viele Dinge würden von den oft zitierten alten, weißen Männern geregelt. Schon im Kindesalter seien feminisierende Äußerungen meist abwertend gemeint: „Du gehst ja wie ein Mädchen“ oder „Du siehst aus wie ein Mädchen“ seien im Gegensatz zu Kommentaren mit dem Fokus auf männliche Attitüden negativ belegt.

„Catcalls of Esslingen“ gegen Alltagssexismus

Legalität
Catcalling ist laut der Initiative „ChalkBack“, einem gemeinnützigen Verein gegen anzügliche Bemerkungen, in den meisten Ländern, auch in Deutschland, nicht strafbar. Ein Verfolgen wäre auch schwierig. Betroffene kennen die Täter oft nicht, Verursacher verlassen rasch den Ort des Geschehens.

Probleme
Eine Schwierigkeit ist laut „ChalkBack“, dass „verbal sexuell belästigende Aussagen gesellschaftlich meist als Komplimente abgetan werden“. Zudem mache die Gesellschaft Betroffene häufig für diese Art von Belästigung verantwortlich, indem etwa ihre Kleidung kritisiert wird. So werde dieses Verhalten normalisiert. Aus diesem Grund ignorieren viele Betroffene das Geschehene oder suchen die Schuld sogar bei sich selbst.

Mehr unter www.chalkbackdeutschland.org