Altlasten aus dem Weltkrieg Bomben in der Ostsee – das explosive Erbe

Bomben auf dem Meeresgrund in der Lübecker Bucht. Foto: DSM Geomar

Für Mensch und Umwelt stellen die alten Kriegswaffen am Meeresboden eine schwer einzuschätzende Gefahr dar. Erst nach und nach läuft die aufwendige Bergung der Altlasten an.

Immer mal wieder kommt es zu Begegnungen der unheimlichen Art: So fand am idyllisch gelegenen Strand von Schönberg an der Ostsee vor einigen Jahren der sechsjährige Sohn einer Urlauberfamilie aus Baden-Württemberg einen interessant aussehenden dunkelgrünen Stein, den er zum Spielen mit in die Ferienwohnung nahm.

 

Erst am nächsten Morgen bemerkten die Eltern, dass sich die Hände und das T-Shirt des Sohnes orangegelb verfärbt hatten – abwaschen ließ sich das nicht. Weder die Polizei noch die Kurverwaltung wussten Rat. Erst weitere Nachforschungen mit Hilfe des Nabu Schleswig-Holstein brachten Gewissheit: Die Verfärbungen stammten offenbar von Inhaltsstoffen des Marinesprengstoffs „Schießwolle 39“ der Wehrmacht – nach dem Zweiten Weltkrieg in der Ostsee versenkt. Eine Untersuchung in der Universitätsklinik Kiel sorgte schließlich für Erleichterung: Der Sohn hatte keinen Schaden davongetragen.

Von den rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Kampfmittel, die am Grund der deutschen Hoheitsgewässer liegen, befinden sich 1,3 Millionen in der Nordsee und 300 000 Tonnen in der Ostsee. Hinzu kommen 5000 Tonnen chemische Kampfmittel. Nach wie vor geht von den Kampfmitteln Gefahr für Mensch, Umwelt, Schifffahrt und Tourismus aus. Auch wenn es selten zu direkten Kontakten kommt wie in der eingangs erwähnten Episode am Strand von Schönberg, über die die Familie im Buch „Gefährliche Strandfunde“ von Frank Rudolph berichtet, einem Biologen und Gesteinsexperten.

100 Millionen Euro für die Bergung

Erst vor Kurzem ist damit begonnen worden, das tödliche Erbe zu bergen, das aus zwei Weltkriegen stammt und vor allem 1946 von den Alliierten nach der Entwaffnung Deutschlands im Meer versenkt wurde. Die Verklappungsgebiete in der Lübecker Bucht sind bekannt, aber auf den Fahrten dorthin und auf dem Rückweg wurde zum Beispiel Munition über Bord geworfen, sodass die Meeresböden der Fahrtrouten an vielen Orten ebenfalls stark belastet sind.

Im „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ des Bundesumweltministeriums wurden Testbergungen in der Lübecker und Mecklenburger Bucht vorgenommen und wichtige Erkenntnisse gewonnen. 100 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Eine vierjährige begleitende Monitoringstudie zur Belastung der Lübecker Bucht hat in Wasserproben oder in einigen Muscheln zwar sprengstofftypische Verbindungen nachgewiesen, „jedoch in sehr geringen Konzentrationen, die keine Gefahr für Wassersportler und Menschen, die Meeresfrüchte verzehren, darstellen.“ Die Studie warnt aber davor, dass durch weitere Korrosion die Meeresfauna in der Lübecker Bucht gefährdet werden könnte.

Minentaucher in der Ostsee Foto: dpa

In vier sogenannten Pilotierungs-Kampagnen wurden bereits rund 18 Tonnen Munitionsaltlasten geborgen und sicher in Unterwassercontainern abgelegt. Rund 1,6 Tonnen wurden an Land gebracht und sollen nach ausführlicher Untersuchung bei der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen in Munster (Niedersachsen) vernichtet werden. Bund und Länder stehen vor einer Mammutaufgabe, zumal die Nordsee noch gar nicht erkundet wurde und Mecklenburg-Vorpommern offensichtlich vor noch größeren Herausforderungen steht. Allein in der Lübecker Bucht gehen die Experten von rund 50 000 Tonnen versenkter Munition aus.

Schwimmende Entsorgungsanlage wird entwickelt

Vor Pelzerhaken und Haffkrug wurden ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge und spezielle Greifwerkzeuge getestet, aber auch Taucher erkundeten das Kriegsserbe. Nun soll eine schwimmende Industrieanlage zur Entsorgung von Munitionslasten auf See entwickelt werden und vielleicht schon 2028 zum Einsatz kommen. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums verfolgen nicht nur die Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee das Sofortprogramm gespannt. Weltweit lagern Kriegsmaterial und Sprengstoff im Meer. Deshalb besteht internationales Interesse an der Entwicklung einer solchen bisher einmaligen Plattform.

Eine Sonderschau im Museum von Scharbeutz im Kreis Ostholstein gibt gerade einen Überblick über die Probleme und Fortschritte bei der Bergung der Bomben, Minen und Granaten. Der Verein für Regionalgeschichte mit seinem ehrenamtlichen Team um Claudia Hönck hat eine Ausstellung arrangiert, die bei Einheimischen wie Touristen einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Von „Jahrzehnten des Ignorierens und Verdrängens, des Mahnens und der wissenschaftlichen Untersuchungen“ ist da die Rede.

Bei der Verladung entgeht Lübeck nur knapp einer Katastrophe

Man staunt über die Dokumentaraufnahmen, die zeigen, wie die Kriegsmunition quasi wie am Fließband ins Meer gekippt wurde. Und man erfährt, wie Lübeck bei Verladearbeiten zur Munitionsversenkung am 20. August 1946 knapp einer Katastrophe entkam: Insgesamt 1100 Tonnen Bomben aus Wehrmachtsbeständen stehen in Eisenbahnwaggons im Lübecker Wallhafen, um auf die Verklappungsschiffe verladen zu werden. Eine Bombe verrutscht und explodiert sofort, acht Menschen sterben, zehn werden schwer verletzt.

Die Hafenbehörden bitten die britischen Bombenentschärfungseinheit um Hilfe. Staffelführer Hubert Dinwoodie und zwei seiner Helfer stellen in einer lebensgefährlichen Aktion fest, dass zwei weitere Bomben sich in einem so kritischen Zustand befinden, dass die kleinste Erschütterung zur Detonation führen und zur Explosion der gesamten Zugladung führen könnte.

Dinwoodie entschließt sich deshalb, diese Bomben nicht durch die Stadt zu transportieren. Der später in der Heimat als Held gefeierte Brite trägt die Bomben mit seinen Kameraden über den Kai und verlädt sie auf ein Boot, bringt sie flussabwärts, wo sie sicher zerstört werden können.

Gefährliche Funde am Strand

Unter der Überschrift „Gefährliche Funde am Strand“ weist das Begleitheft der Ausstellung auch auf das Problem hin, dass Bernstein mit leicht entzündlichem Phosphor verwechselt werden kann. Der Rat für Spaziergänger am Strand: Interessante Fundstücke niemals in die Hose oder Jacke stecken, sondern am besten in kleinen Eimern sammeln. Da sich weißer Phosphor bei Austrocknung selbst entzündet, kommt es regelmäßig zu schwersten Verbrennungen bei Strandbesuchern, die sich Phosphorklumpen als vermeintliche Bernsteine in die Tasche gesteckt haben. Die extrem heiße Flamme lässt sich mit Wasser nicht löschen. Man kann lediglich versuchen, sie mit nassem Sand zu ersticken.

Funde der Kinder sollte man sich zeigen lassen, rät die Ausstellung, ohne die Gefahren, die von der Munition ausgehen, zu dramatisieren oder zu verharmlosen. Wer sich informiert und aufpasst, kann seinen Strandurlaub weiterhin unbeschwert genießen, so das Fazit der Experten.

Ausstellung

Museum für Regionalgeschichte

Öffnungszeiten
Dienstag 15 - 18 Uhr Samstag und Sonntag 14 - 17 Uhr

Weitere Themen