Drei Menschen, die in Stuttgart ganz unterschiedlich alt werden: Andreas Lissok (60), die Pianistin Hana May (102) und Ex-OB Wolfgang Schuster (75). Foto: Klaus J. A. Mellenthin
Asienreise, Klavierspielen oder ehrenamtliches Engagement? Eine Fotoausstellung zeigt, wie Menschen in Stuttgart ihr Alter gestalten. Und das ist gar nicht langweilig.
Helga Breuninger hat für sich einen Weg gefunden, ihr Älterwerden zu leben. Nicht in den Widerstand gehen, sondern ja sagen zum Alter, so beschreibt die Stuttgarterin Stifterin ihre Haltung gegenüber dieser Lebensphase. Breuninger, Jahrgang 1947, sagt den Satz in einem Video des Fotografen Klaus Mellenthin. „Unser Stuttgart – in jedem Alter!“ heißt der Film, der die gleichnamige Fotoausstellung ergänzt. Initiiert ist beides von der Abteilung Strategische Stadtplanung der Landeshauptstadt. Es geht in dem Projekt darum zu zeigen, wie die stellvertretende Abteilungsleiterin Monika Bradna sagt, „dass Älterwerden so unterschiedlich ist wie Leben eben auch“. Vermutlich wird es nicht jedem gelingen, so gelassen älter zu werden wie Helga Breuninger.
15 Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft im Alter von 55 bis 102 Jahren geben in der Ausstellung Einblick, wie sie aufs Älterwerden schauen und welche Chance für sie darin liegen kann. Vom Engagement im Verein, in der Notfallseelsorge, im Stadtseniorenrat oder ganz generell im Einsatz für die Stadtgesellschaft und auch für die eigene Wissenserweiterung. „Wir wollen die Breite der Gesellschaft abbilden“, sagt Klaus Mellenthin.
Da liegt es nahe, auch einen zu befragen, der früh intensiv über die demografischen Herausforderungen nachgedacht hat. Wie also erlebt einer, der hier 16 Jahre Oberbürgermeister und insgesamt 25 Jahre in Funktion tätig war, sein Älterwerden? Wolfgang Schuster, mittlerweile 75 Jahre alt und einer der Porträtierten in der Ausstellung, sagt selbstironisch: „Du musst immer so viel schaffen, dass du keine Zeit hast, alt und krank zu werden“. Und dann spricht er von dem Glück gesund zu sein, und dem Privileg, durch vielfältige Kontakte nach dem Abschied gleich wieder in neue Ämter und Aufgaben gestolpert zu sein. Immer war da etwas, das er machen wollte und konnte. Ob Deutsche Telekom-Stiftung oder Berliner Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur. Auch die Zahl der Enkelkinder sei gewachsen – und damit die Aufgaben.
Nur Schwimmen reicht Schuster nicht
Gut erinnere er sich an eine Begebenheit kurz nach seiner Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren. Sie bringt auf den Punkt, worum es ihm und allen anderen trotz unterschiedlicher Lebensumstände wohl immer geht. Schuster berichtet, wie seine Frau und er für eine Woche in Andalusien im Urlaub waren. Weil es regnete, surften sie durch Immobilienportale und spielten kurz mit dem Gedanken, sich ein Häuschen in Spanien zuzulegen. Vielleicht ja ein verlockender Gedanke. Aber schnell war beiden klar: ihr Ding würde ein Lebensabend am Meer nicht sein. Die Sinnfrage, waren sich beide sicher, würde das tägliche Bad im Mittelmeer auf Dauer für sie nicht befriedigend beantworten.
Zurück ging es also nach Stuttgart. Denn Alter, das ist für Schuster ein Potenzial, das man nutzen müsse. Es bedeute die Freiheit, endlich Zeit zu haben. Er ist überzeugt: Niemand müsse allein alt werden, wenn er bereit sei, sich mit seiner Zeit zu engagieren. „Da gibt es 1000 Möglichkeiten, wie man sich ohne Vorkenntnisse nur mit dem Herzen und dem Willen engagieren kann und anderen eine Freude macht“. Schuster versteht die Ausstellung deshalb als freundliche Aufforderung, das Alter als Chance zu sehen, die freien Kapazitäten zu nutzen.
Vincent Klink: Zeit für Interessen
Ein Blick in die Ausstellung zeigt, wie das gehen kann. Einer, der seine freien Kapazitäten nutzt, ist der Sternekoch Vincent Klink, Jahrgang 1949. Er leistet sich nun den Egoismus, sagt er, nur noch für das Zeit zu haben, was ihn wirklich interessiere. „Ich mache heute nicht mehr so viele Sachen, die aber gründlich“. Er sagt, er sei aus der Wirrnis seiner vielen Interessen herausgekommen. Wenn ihn aber etwas interessiere, sei er äußerst geduldig.
Dass das mit zunehmendem Alter nicht aufhören musst, beweist die Pianistin Hana May. 102 Jahre ist sie alt. Ihr Interesse am Klavierspiel und an Politik, an Büchern, an Menschen ist ungebrochen. Wenn es ihr gut gehe, so hat sie es Klaus Mellenthin erzählt, spiele sie eine halbe Stunde Klavier. „Mit Musik kann man sagen, was man fühlt.“ Was Hana May wohl noch alles erzählen könnte aus ihrem Leben?
Altsein als Wissensschatz
Seine Wertschätzung für das Besondere des Alters drückt Tshamala Schweizer (63) in einem Bild aus. Das Alter ist für ihn „eine lebendige Bibliothek von Weisheit und Wissen“. Fast kann man meinen, er haben bei diesem Gedanken Hana May vor Augen gehabt.
Andreas Lissok ist 60 Jahre alt. Sein Leben war nicht immer einfach. Das Wichtigste in seinem Leben sei die Geburt seiner Tochter gewesen, berichtet er. Das gute Verhältnis zu ihr sei ihm wichtig. Um Beziehung also geht es. Sein Traum: noch mindestens einmal nach Asien mit Frau und Tochter zu reisen.
Sven Tröndle, Jahrgang 1976, macht sich Gedanken über sein Älterwerden als nicht heterosexueller Mann. Wird man da anders alt? „Wenn man nicht eingebunden ist in Stammtische und Vereine oder in die Community“, so befürchtet er, „kann man da durchaus sehr schnell einsam werden“. Sein Ausweg aus dieser Furcht? Die Weissenburg sei seine Wahlfamilie als Treffpunkt für alle Menschen, die sich der queeren Community zugehörig fühlen.
Wie sorgt man für die Kinder?
Und was, wenn man nicht nur nach sich schauen muss? Melanie Schwarze, mit Jahrgang 1977 die Jüngste der Porträtierten, schaut aus einer ganz anderen Perspektive auf das Alter. Sie ist Mutter von Marvin, der durch seine körperliche Einschränkung dauerhaft Betreuung durch seine Eltern braucht. Und natürlich beschäftigt die beiden die Frage, wie sie auch über ihren Tod hinaus sicherstellen, dass es ihrem Sohn gut geht. „Das ist unser Hauptthema gerade“, sagt Melanie Schwarze.
Alt in Stuttgart
Bündnis Stuttgart ist einem Gemeinderatsbeschluss folgend 2022 dem WHO-Bündnis „Age friendly Cities and Communities“, der altersfreundlichen Städte und Gemeinden, beigetreten. Eine der Fragen dort ist die, wie man eine möglichst gesunde Umgebung zum Altwerden schafft.
Person Klaus Mellenthin (55) ist in Stuttgart geboren, lebte lange im Ausland. Jetzt arbeitet der Fotograf von Berlin aus. Er fotografiert Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, ebenso dokumentiert er gesellschaftliche Themen .
Ausstellung Die Ausstellung „Unser Stuttgart – in jedem Alter!“ ist noch bis 27. Juni zu den Öffnungszeiten des Rathauses von 8 bis 18 Uhr im Foyer im zweiten Stock zu sehen. Sie ist als Wanderausstellung konzipiert und kann ausgeliehen werden.